Christoph R. Aerni «Es darf knistern»

Er ist der bekannteste Aktmaler der Schweiz. Jetzt überrascht der Solothurner CHRISTOPH R. AERNI mit nackten Tatsachen: Er interpretiert Albert Anker neu.


Moderne Symbiose: Ankers «Pfahlbauer» mit sexy Pendant. Christoph R. Aerni und sein Lieblingsmodell Martina, die den Säbel schwingt.
© Schweizer Illustrierte / Marcel Nöcker Moderne Symbiose: Ankers «Pfahlbauer» mit sexy Pendant. Christoph R. Aerni und sein Lieblingsmodell Martina, die den Säbel schwingt.

Das Hemd ist blütenweiss, die dunkle Hose sitzt perfekt. Als Christoph R. Aerni Bildhauerlehrling war, machten ihm Staub und Dreck schwer zu schaffen. «Ich habe mir geschworen, dass ich mich als Maler wie ein Fürst kleide», sagt Aerni und zieht genüsslich an seiner Pfeife.

Der Solothurner ist für seine provokante Körperkunst bekannt. Aerni ist Aktmaler – mit Leib und Seele. Keiner zaubert das Wesen schöner Frauen ästhetischer und erotischer auf die Leinwand. Die Ex-Missen Melanie Winiger und Tanja Gutmann liessen vor ihm Hemmungen und Hüllen fallen. Auch seine Porträts sind begehrt: Herzchirurg Thierry Carrel verewigte er während einer Operation in Öl. Und Astronaut Claude Nicollier sass ihm für ein Porträt Modell – natürlich im Raumanzug.

Vor drei Jahren begann Christoph R. Aerni mit seinem Albert-Anker-Zyklus. Entstanden sind 48 Arbeiten, die er in einer geheimen Zwiesprache mit dem Berner Kunstmaler (1831–1910) schuf. Aerni stellte die beliebtesten Sujets und Ikonen-Bilder in einen Dialog mit der Gegenwart. So sitzt dem Gemeindeschreiber in der Arbeitsstube von anno dazumal eine Muslimin mit Ganzkörperschleier gegenüber. Wird das blonde Mädchen beim Zopfflechten von Managern in Anzügen beobachtet. Trifft der Pfahlbauer mit Pfeil und Bogen auf eine Techno-Queen mit Säbel.

«Ich fragte mich, wie Anker heute malen würde. Aus Recherchen geht hervor: Er hätte sich gerne als Aktmaler versucht. Seine Frau war dagegen.» Christoph R. Aernis Kombinationen mit Spuren von Anker und der eigenen Handschrift sind erfunden. Sie verletzen den historischen Inhalt von Ankers Werken nicht. «Würde er meine Bilder sehen – ich bin sicher, er wäre begeistert.»

Aernis Talent, mit Leichtigkeit Menschen, Gesichter und Körper zu zeichnen, offenbart sich früh. Mit neun Jahren präsentierte der Bub sein erstes Ölwerk – eine perfekte Rembrandt-Kopie. Die menschliche Anatomie fasziniert ihn, Chirurg wird ein Traumberuf. Mit dreizehn betritt Aerni zum ersten Mal das Anker-Haus in Ins BE. Er ist von dessen Realismus begeistert und ärgert sich, dass man von «Heile-Welt-Bildli» und nicht von Meisterwerken spricht.

Als Aerni Jahre später seine Frau Anita kennenlernt, ist seine Karriere als Akt- und Porträtmaler in voller Fahrt. «Du weisst, was ich mache?», fragt er sie beim ersten Date. «Wegen dir werde ich nicht plötzlich Landschaftsmaler.»

Sein kreatives Reich, wo sich die Damen die Klinke in die Hand geben und sich stundenlang hüllenlos auf einem Podest räkeln, befindet sich hinter dem Bahnhof Egerkingen. Hier ist vom 12. November bis 5. Dezember auch die «Hommage an Albert Anker» zu sehen.

Stolz öffnet Christoph R. Aerni die schwere Tür zur 130 Quadratmeter grossen Halle samt Bilderlager und Separee. «Früher befand sich hier eine Pinselfabrik. Ein Einfaltspinsel wie ich muss sich hier einfach wohlfühlen.» Ohne Wehmut denkt er an sein altes Atelier zurück. Das Dach war undicht, die Heizung lau. Die Modelle hatten Hühnerhaut. Trotzdem fühlten sie sich nicht unwohl.

Dies liegt vor allem an Christoph R. Aernis zurückhaltender, fast schüchterner Art. Er ist väterlich und kumpelhaft, aber nie aufdringlich oder vulgär. Er kennt den schmalen Grat, auf dem er sich bewegt; weiss um die Unsicherheit seiner Hobby-Modelle und wie viel Überwindung es kostet, sich vor Fremden zu entblössen. «Ich selber habe vor 120 Männern einen Striptease gemacht – im Militär. Das hier ist etwas anderes.»

Viele männliche Kollegen beneiden den 56-Jährigen um seinen Beruf, weil sie nur die Brüste oder andere erogene Zonen sehen. Er sieht das Modell als Gesamtbild. «Die menschliche Anatomie ist die grösste Herausforderung in der Malerei. Am schwierigsten sind Hände und Füsse.» Der vierfache Vater und frischgebackene Grossvater (Enkel Louis ist drei Wochen alt) lebt mit seiner Frau Anita in einem alten Bauernhaus in Gunzgen. Als Ausgleich zur Malerei spielt der Künstler Golf (Handicap 23,8) und erkundet mit seiner Honda Shadow die Schweiz. Wie lebt es sich mit der ständigen Versuchung? Hat er sich schon mal in ein Modell verliebt? «Es darf knistern. Eine Frau, die mich nicht anspricht, kann ich nicht malen.» Sein aktuelles Lieblingsmodell ist Martina, eine Beauty mit dunklem Teint und mandelförmigen Augen. Ihre Mutter Maja stand schon für Aernis Nacktbilder Modell.

Wie reagiert eigentlich die Frau des Künstlers auf den ungewöhnlichen Job ihres Mannes? «Anita wäre irritiert, wenn sie im Atelier plötzlich eine angezogene Frau antreffen würde.»

«Hommage an Albert Anker», 12. November bis 5. Dezember, www.aerni.ws

 

 

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