Manor-Kunstpreisträgerin Julia Steiner Im Bild verschwinden

Die Berner Künstlerin Julia Steiner beeindruckt mit grossformatigen Arbeiten auf Papier: Faszinierende Bildwelten zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Immer schwarz-weiss.
Aufsteigerin: Für die grossformatigen Werke muss Julia Steiner auf die Leiter steigen.
Aufsteigerin: Für die grossformatigen Werke muss Julia Steiner auf die Leiter steigen.

Die Fotografie von Julia Steiner, 28, ist doppeldeutig: Einerseits dient ihr die Leiter als Arbeitsinstrument, anderseits steht sie symbolisch für ihren kometenhaften Aufstieg in der Kunstszene. Darauf angesprochen lacht die Zeichnerin und bringt es sofort auf den Punkt. «Meine Arbeit ist sehr physisch. Ein stetes Auf und Ab. Aus der Hocke, die Leiter hoch und wieder runter.» Karriereleiter hin oder her.

Auf zwei Wände des Ateliers sind grossformatige Arbeiten gespannt. Fast drei Meter hoch und über sechs Meter lang. Keine Chance, sich ihrer Präsenz zu entziehen! Die Wirkung ist derart stark, dass der Betrachter unweigerlich die reale Welt verlässt und Teil des Werkes wird. «Man muss im Bild spazieren gehen, innehalten, den Sog verspüren und eintauchen. Das ist auch für mich so.» Mit Grössenwahn haben die Dimensionen nichts zu tun. Bei kleineren Formaten fühlt sich die Künstlerin eingeengt. «Es sind Welten, die Platz brauchen, selbst über den Bildrand hinaus.»

Diese bizarren Welten formen sich aus einer Mischung von Fragmenten. Das können Wörter, Bilder, Strukturen oder Geräusche sein, die Julia Steiner erhascht, wenn sie «der Nase lang» durchs Leben streift. Ein vollständiges Werk hat sie nie im Kopf. Es entsteht während des Arbeitsprozesses. Sie lässt sich antreiben von der Dynamik. «Ich zeichne häufig assoziative Elemente, die nicht auf einer logischen oder konzeptuellen Ebene basieren.»

Zeichnen – ist es das wirklich?

Julia Steiner arbeitet mit Pinsel und Gouache. «Für mich ist es tatsächlich mehr ein Zeichnen als Malerei.» So nutze sie das Weiss des Papiers. Und die Spur des Pinsels sei ein Strich, auch von der Struktur her. Und weshalb Schwarz? «Die Bilder haben für mich keine eindeutige Farbigkeit. Schwarz-Weiss lässt vieles offen. Die Lesbarkeit des Werks ist dadurch auch vielschichtiger.» Wenn der Blick über die Bildoberfläche wandert, wird er von der Bewegung mitgerissen – wie ein Blatt vom Sturmwind. Kein Bild hat eine eindeutige Aussage. Jeder Betrachter besitzt einen eigenen Schlüssel zum Reich der Illusionen von Julia Steiner. Ihre vibrierenden Bildwelten scheinen selbst Geräusche fühl- und hörbar zu machen. Je nach Motiv wispert, splittert, tost oder rauscht es. Spätestens jetzt wird klar, warum sie dazu keine Farbe braucht.

Nicht nur die Bildsprache ist der Künstlerin wichtig: Julia Steiner sammelt Wörter. Sie schreibt, bevor sie mit Zeichnen beginnt und reflektiert damit fragmentarisch ihren Arbeitsprozess. Mit jener Leichtigkeit, die auch ihre Werke verströmen.

Ins Atelier im Industriequartier hinter dem Berner Güterbahnhof geht sie täglich. Selbst im Winter, wenn es im ungeheizten Raum bittere zehn Grad kalt ist. Sie mag diese Kontinuität in der Arbeit. Manchmal kann sie sich nur schwer von einem Bild lösen. Muss sich überwinden, rauszugehen in die Aussenwelt. Und trotzdem: «Wenn ich wiederkomme, ist es häufig so, dass mein Blick geschärfter ist und ich auf Anhieb weiss, wo und wie es mit dem Bild weitergehen muss.»

Seit dem Studienabschluss an der Hochschule der Künste und der Uni Bern (2008) reissen sich die Galerien um Julia Steiners Bilder. Nach einigen renommierten Stipendien erhielt sie den Swiss Art Award (2009) und nun den Berner Manor Kunstpreis 2010. Wie geht sie mit dem Erfolg um? «Beim Arbeiten vergesse ich ihn. Ich denke auch nicht an den Betrachter, sondern ruhe im Werk.»

Centre Pasquart, Biel BE
3. 4.–12. 6., Mi–Fr 14–18, Sa/So 11–18 Uhr
Tel. 032 - 322 55 86
www.pasquart.ch

 

 

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