Giovanni Giacometti Im gleissenden Licht

Die letzte Retrospektive über das Werk von Giovanni Giacometti liegt Jahrzehnte zurück. Ein Grund mehr, um den Bergeller von einem grossen Publikum wiederentdecken zu lassen.
Im gleissenden Licht
Im gleissenden Licht

Das Kind ruht vertrauensvoll in den Armen der jungen Mutter. Deutlich hebt sich der Löwenzahn vom satten Grün der Wiese ab, die Natur steht in voller Blüte. Das Blau des Himmels wird durch die weisse Blütenpracht intensiviert. Im Hintergrund ein Kranz verschneiter Berge. «Mutter mit Kind unter Blütenbaum» heisst das Gemälde. Wir sind mitten drin im Universum von Giovanni Giacometti (1868–1933), dem Maler aus dem Bergell und Erneuerer der Schweizer ­Malerei des
20. Jahrhunderts.

«Das Licht war von jeher der eigentliche Anreger meiner Kunst. Und noch immer ist das Licht das eigentliche Motiv meiner Bilder. Ich strebe nicht nach der ‹dekorativen› Wirkung der Farbe, sondern die Farbe ist für mich ein Mittel, nicht Selbstzweck», schreibt Giovanni Giacometti 1920 an den Schriftsteller Carl Albert Loosli. Das vibrierende Licht ist Giacomettis Markenzeichen. Wie ein roter Faden zieht es sich durch sein gesamtes Œuvre.

Mit 18 Jahren besucht Giovanni Giacometti die Kunstgewerbeschule in München. Dort lernt er den Solothurner Cuno Amiet (1827–1895) kennen. Zwei Jahre später sind die beiden Freunde in Paris, wo Giacometti eine grosse Entdeckung macht: An der Weltausstellung 1889 wird er zum ersten Mal mit Werken von Giovanni Segantini (1858–1899) konfrontiert: «… ich fand darin die Luft und das Licht meiner Berge mit einer Intensität wiedergegeben, wie ich (sie) wohl selbst erlebt, doch nie in dieser Stärke und Wahrheit in der Malerei gefunden hatte.»

Giacometti wird sich bis zum Tod Segantinis seinem Einfluss nicht entziehen können. Dessen divisionistische Methode, jene Stricheltechnik, bei der die einzelnen Farben unvermischt nebeneinander aufgetragen werden und mit der das Licht im Bild verstärkt wird, beschäftigt Giacometti lange.

Im Frühling 1891 kehrt der Maler wegen Geldmangels in seinen Heimatort Stampa zurück. Neun Jahre später heiratet er Annetta Stampa, mit der er vier Kinder haben wird. Das älteste, der später weltberühmte Alberto, kommt 1901 auf die Welt. Es folgen Diego, Ottilia und Bruno.

Wie nur wenige Künstler malt der Bergeller seine eigene Familie und sich selbst immer wieder. Es sollen 45 Selbstporträts und 120 Gemälde sein, auf denen entweder seine Frau Annetta und/oder die Kinder zu sehen sind. «Meine Kinder leben in meinen Bildern, und in meinen Bildern steht meine Biografie geschrieben.»

Neben der Familie gilt Giacomettis Inter­esse der Landschaft. Faszinierend sind seine in gleissendes Licht getauchten Berg- und Landschaftsbilder vom Bergell und Maloja. «Wir haben hier im Bergell während des Winters drei Monate lang keine Sonne. Wenn sie nun im Frühjahr wieder hinter den hohen Berg­gipfeln auftaucht und der Schnee verschmolzen ist, so erscheint das ganze Tal mit goldigem Staub bestreut …» Die Schau «Farbe im Licht» vereint 100 Bilder des grossen Schweizers.

Kunstmuseum Bern
bis 21. 2. Mi–So 10–17, Di bis 21 Uhr
Tel. 031 - 328 09 44
www.kunstmuseumbern.ch
Katalog CHF 49.–

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