Corinne Güdemann Im Zentrum der Mensch

Corinne Güdemann zeichnet und malt gegenständlich. Doch keineswegs fotorealistisch. Ihre Bilder erzählen vom Alltag, unaufgeregt und trotzdem sehr poetisch.
Die Künstlerin in ihrem kleinen Atelier in Zürich Höngg vor ihrem Werk «Waldweg».
© Willy Spiller Die Künstlerin in ihrem kleinen Atelier in Zürich Höngg vor ihrem Werk «Waldweg».

Eine schmale Treppe führt ins Untergeschoss des Einfamilienhauses in Zürich Höngg. Noch bevor man das kleine Atelier erreicht, dringt der süsslich-penetrante Duft von Terpentin in die Nase. Im Raum selber entfaltet er seine volle Stärke. Corinne Güdemann, 50, ist daran gewöhnt. Schon seit 25 Jahren mischt sie das Verdünnungsmittel ihren Ölfarben bei. Die grob gewobene Leinwand, die Maserung einer Holzplatte, die Unebenheit eines Papiers dürfen ruhig durch die dünn aufgetragene Farbe schimmern.

Nach einem Abstecher in die ungegenständliche Malerei – das war zur Zeit ihres Studiums an der Akademie der bildenden Künste in Wien bei Arnulf Rainer – kehrt Corinne Güdemann zurück zum Körperhaften. Und zu sich selbst. Denn die Zürcherin zeichnet und malt sich immer wieder. «Ich stehe mir halt jederzeit zur Verfügung», sagt sie und schmunzelt. Bemerkenswert ist die 1994 entstandene Serie «Tagwerk», bei der die Künstlerin jeden Tag ein Selbstporträt schuf. 60 Stück, Öl auf Sperrholz, 30 mal 30 Zentimeter.

Sie beobachtet nüchtern, hält fest, was sie sieht. Die Unterschiede der Bilder werden erst durch das Aneinanderreihen sichtbar. Ganz anders arbeitet Corinne Güdemann an ihren grossformatigen Bildern. Hier werden Schichten über Schichten aufgetragen, wenn auch mit dünner Farbe. Das Spiel von Licht und Schatten beherrscht die Preisträgerin 2010 der Fontana-Gränacher Stiftung meisterhaft. Auch gelingt es ihr, Poesie und Magie in die Werke einfliessen zu lassen. So rätselt man vor «Alice in den Bäumen» über das kleine Mädchen im bedrohlichen Wirrwarr der Äste und staunt zugleich über das Märchenhafte der Komposition. Oder lässt sich vom dichten Wald in «Waldweg» (o.) bezaubern. «Ein Bild scheint mir gut, wenn es mir gelingt, eine Balance zwischen Malerei und Inhalt zu finden, ein breites Assoziationsfeld aufzuschliessen und dennoch präzise zu bleiben.»

Corinne Güdemanns Malerei ist naturalistisch, aber nicht fotorealistisch. Aufnahmen, meist aus ihrem eigenen Umfeld, dienen ihr lediglich als Vorlage. Die zweifache Mutter, die ihr Handwerk auch als begnadete Zeichnerin beherrscht, erzählt gern vom Alltäglichen und Banalen. Dabei gilt ihr Interesse dem Menschen. Die malerische Herausforderung liegt hier im Abstrahieren und Verdichten der Figuren. Ohne Pathos, sorgfältig und unaufgeregt.

Andrea Robbi Museum, Sils Maria GR
Bis 24. 4. Di–So 16–18 Uhr, www.stephanwitschi.ch

 

 

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