Mario Comensoli Innovativer Maler mit wachem Blick

Der Tessiner Mario Comensoli gilt als Maler der Aussenseiter. Eine grosse Retroperspektive beleuchtet nun auch seine Suche nach Erneuerung in der Malerei.
«Il Salto» von Mario Comensoli
© HO

«Sprung» (Il salto), 1959, aus der Serie «Arbeiter in Blau».

Kein Ort ist für eine Retrospektive der Werke von Mario Comensoli (1922–1993) geeigneter als das Museo Civico Villa dei Cedri in Bellinzona. Denn grösser könnte der Kontrast zwischen dem Herrschaftshaus und den meist gesellschaftspolitisch relevanten Bildern des Tessiners nicht sein. Dazu kommt, dass die kleinen, intimen Zimmer der ehemaligen Villa nur wenige Bilder pro Raum zulassen – was die Intensität der Begegnung mit dem OEuvre Comensolis um ein Vielfaches steigert.

Die Ausstellung mit dem poetisch-traurigen Titel «Quelle vite che vanno» (Jene Leben, die schwinden) – in Anlehnung an Comensolis Arbeiten aus den 1980er- und 1990er-Jahren über Punks und vor allem über die verlorene Generation der Drogenabhängigen – vereinigt an die 60 seiner wichtigsten Bilder. Mitte der 50er-Jahre lenkt der Tessiner, der mittlerweile in Zürich lebt, die Aufmerksamkeit auf sich. Mit der Serie «Arbeiter in Blau» gibt er Abertausenden von Saisonniers aus Apulien, Kalabrien und Sizilien ein Gesicht. Ebenso engagiert thematisiert er in den 80ern die Punks. Comensolis Malerei verlässt das Pastöse, Flächige. Sie wird leichter, luftiger, farbiger, verrückter. Und existenzieller. Wie ein Seismograf zeichnet der Künstler die wichtigsten sozialen Veränderungen auf. So auch die Generation ohne Zukunft, die sich langsam am Zürcher Platzspitz und später am Letten durch Drogenkonsum umbringt und ihn schier verzweifeln lässt. Und trotzdem war, was Comensoli umtrieb, die Erneuerung der Malerei. «Ein Maler kann die Welt nicht verändern, aber er kann die Malerei revolutionieren», pflegte er zu sagen. Sein Spätwerk charakterisieren tanzende, springende, fliegende Figuren vor meist grau-gelbem Hintergrund. Mit Kohle und Pastell griff er ins Bild, zog Konturen nach, brachte Kritzeleien an und verpasste dem Ganzen diese unverwechselbare Dynamik.

Museo Civico Villa dei Cedri Bellinzona TI
Bis 23. 2. Di–Fr 14–18, Sa/So 11–18 Uhr
Tel. 091 821 85 18/20, www.villacedri.ch
Katalog CHF 25.–

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