Jean-François Luthy Mit scharfem Blick

Mit fotografischer Genauigkeit erfasst Jean-François Luthy seine Motive, die er an Ort und Stelle malt. «Übergänge» heisst die Ausstellung in Bern. Sie zeigt poetische Arbeiten aus den letzten Jahren.
Auf dem Arbeitsweg: Jean-François Luthy malt fast ausschliesslich im Freien.
Auf dem Arbeitsweg: Jean-François Luthy malt fast ausschliesslich im Freien.

Jean-François Luthy, 52, sucht nicht. Er findet. Seine Malmotive liegen oft nur wenige Meter abseits der gängigen Wege: etwas tiefer im Wald, wohin kein Spaziergänger sich vorkämpft, bei einer Schutthalde, die nur zweckgebunden aufgesucht wird, an einem Fluss, wo Betonquader liegen. Doch vor allem befinden sie sich in seiner Nähe. Denn der Westschweizer malt am liebsten im Freien. Oft sucht er bis zu fünfzehn Mal seinen «Arbeitsort» auf. Das Licht ist Luthys Komplize. Es hebt ein Motiv heraus, verleiht ihm die nötige Magie, damit es dem Maler ins Auge springt und sein Herz berührt. Es ist aber auch seine grösste Herausforderung, denn es verändert sich stetig. Manchmal, vor allem im Frühjahr, wechseln die Lichtverhältnisse so schnell, dass er die Fertigstellung seines Bildes auf das nächste Jahr verschieben muss. Mit dem Velo erkundet Jean-François Luthy seine Umgebung. Ist das Motiv gefunden, packt er seine Schätze aus dem Rucksack. «Um zu malen, brauche ich drei Sachen: Papier, Tusche und Wasser.» Und dann beginnt er konzentriert seine Arbeit. Mit Bleistift umreisst er die Konturen der Objekte, mit dem Pinsel füllt er die Flächen aus. Was weiss bleibt, muss ausgespart werden, mit Grautönen und Schwarz wird das Bild aufgebaut. «Farbe würde den Zeichnungen keinen Mehrwert bringen.» Jean-François Luthy, Absolvent der Ecole Supérieure d’Arts Visuels Genève, ist seiner Malweise seit 15 Jahren treu. Farbbilder, Ölmalerei, Skulpturen und Installationen gehören der Vergangenheit an.

Jean-François Luthy malt nur grössere Bilder im Atelier. Die meiste Zeit verbringt er im Freien. Zu jeder Jahreszeit. Im Winter trägt er zur Sicherheit eine Kerze bei sich, falls die Tusche einfriert. Die Stille der Orte kommt dem sensiblen Maler entgegen. Personen sucht man auf seinen Bildern vergeblich. «Die Präsenz eines Menschen würde meine Geschichten schmälern, die Fantasie des Betrachters einengen.» Doch das Wesen, das vielleicht soeben den Schauplatz verlassen hat, soll man spüren. Erahnen. Wer hat die Baumhütte gebaut («Cabane», 2009), wer die zum Himmel emporstrebenden Betontreppen («Pièces», 2008–2011) auf der Schutthalde abgeladen? Versteckt sich jemand hinter dem Vorhang aus minutiös gemalten Blättern? Ein Meer an Fragen, tausend Antworten, während sich der Blick des Betrachters immer tiefer im Bild verliert.

GALERIE MARTIN KREBS, Bern.
Bis 23. 12. Di–Fr 14.30–18.30, Sa 10–14 Uhr
www.martinkrebs.ch

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