Giovanni Segantini in der Fondation Beyeler Paradies auf Erden

Die Sehnsucht nach der Schönheit der Natur bannte Giovanni Segantini auf die Leinwand. Die Fondation Beyeler feiert den Divisionisten als Wegbereiter der Moderne.
Was gibts zu sehen? Nichts als Berge. Welch Glück. Segantinis «Mittag in den Alpen», 1891.
© Segantini Museum, St. Moritz Was gibts zu sehen? Nichts als Berge. Welch Glück. Segantinis «Mittag in den Alpen», 1891.

In schwere Baumwolle gekleidet, der prallen Mittagssonne ausgesetzt, steht sie da und blickt in die Ferne. Was hat die Schafhirtin erspäht? Den Balzflug zweier Bergdolen? Einen Wanderer, der ihr aus dem Dorf eine kleine Stärkung vorbeibringt? Ein verloren geglaubtes Schaf am Horizont?

Die flirrende Sommerhitze in «Mezzogiorno sulle alpi» von Giovanni Segantini (1858–1899) ist fast spürbar. Die ungeheure Lichtintensität seiner späten Werke erreicht der grosse Maler der Berge durch meist horizontal geschichtete, komplementäre Farbstreifen, auch Divisionismus genannt. Bei dieser spätimpressionistischen Malweise entsteht der vorgesehene farbliche Eindruck nur bei Betrachtung des Bildes aus einiger Entfernung.

Der in Arco am Gardasee geborene Segantini zieht es im Laufe seines Lebens immer weiter in die Höhe. Nach dem frühen Tod der Mutter wohnt er bei einer Halbschwester, bei der er jedoch nicht willkommen ist. Sie sorgt auch dafür, dass dem siebenjährigen Giovanni die österreichische Staatsbürgerschaft entzogen wird. Zeit seines Lebens bleibt Segantini staatenlos.

Während des Studiums an der Mailänder Kunstakademie Brera erregt er 1879 mit seinem ersten grösseren Bild, «Chorgestühl von Sant’ Antonio», Aufsehen dank der neuartigen Behandlung des Lichts. Ein Jahr später lernt er die künftige Mutter seiner vier Kinder und lebenslange Gefährtin Bice Bugatti kennen. 1886 zieht das Paar, das wegen Segantinis Staatenlosigkeit unverheiratet bleiben muss, in die Schweiz. In Savognin bezieht die junge Familie das Haus Peterelli. Von nun an beherrschen Motive aus dem bäuerlichen Dorf- und Alpleben sein Schaffen. Einige der populärsten Bilder entstehen. Die zweite Fassung von «Ave Maria bei der Überfahrt», bei der er erstmals mit der neuen Technik des Divisionismus experimentiert. «Die beiden Mütter», «Strickendes Mädchen» und «Kühe an der Tränke», das auf der Weltausstellung in Paris 1989 mit der Goldmedaille ausgezeichnet wird.

1894 verlassen die Segantinis Savognin und ziehen weiter bergwärts, nach Maloja auf 1796 Meter. Der Künstler, der seine Bilder meist vor Ort malt, arbeitet in den Sommermonaten im Engadin, im Winter in Soglio im Bergell. Hochgebirgslandschaften entstehen, bekannt ist aus dieser Zeit vor allem das Alpentriptychon «Werden – Sein – Vergehen» von 1896 bis 1899.

Die einzigartige Leuchtkraft seiner Bilder macht Segantini zu einem bedeutenden Erneuerer der Landschaftsmalerei und Wegbereiter der Moderne. Nach einer Retrospektive im Kunsthaus Zürich (1990) und einer Präsentation zu seinem 100. Todestag in St. Gallen 1999 will die aktuelle Schau in der Fondation Beyeler nun einen frischen Blick auf den Maler der Bergwelt werfen und seinen wertvollen Beitrag zur Entwicklung der modernen Kunst vergegenwärtigen. Rund 70 Ölgemälde und Zeichnungen aus allen Schaffensperioden sind zu sehen, darunter selten bis noch nie gezeigte Werke. ANINA RETHER

FONDATION BEYELER, Riehen BS
Bis 25. 4. Täglich 10–18 Uhr, Mittwoch 10–20 Uhr, Tel. 061 - 645 97 00, www.fondationbeyeler.ch, Publikation CHF 68.–

 

 

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