Film Riniker betritt Neuland

Er ist der Star unter den Schweizer Dokumentarfilmern. Nun präsentiert PAUL RINIKER seinen ersten Kinofilm. «Sommervögel» ist eine einfühlsame Liebesgeschichte.
Auf kleinem Raum: Er habe mehr als zwanzig Pfannen, sagt Hobbykoch Paul Riniker. Reiskocher und mehrere Fondue-Caquelons nicht mitgerechnet.
© Marcel Nöcker Auf kleinem Raum: Er habe mehr als zwanzig Pfannen, sagt Hobbykoch Paul Riniker. Reiskocher und mehrere Fondue-Caquelons nicht mitgerechnet.

Seine Küche ist klein, doch es fehlt an nichts. Paul Riniker, 64, kocht gerne. Für Familie und Freunde. Elisabeth Fülschers Standardwerk – das Schweizer Kochbuch schlechthin – hat ihm dabei geholfen. Heute stehen sowohl indische als auch asiatische Gerichte auf seinen Menüplan. «Kochen habe ich gelernt, um Frauen zu bezirzen.» Das nimmt man dem charmanten Junggesellen ohne Zögern ab. Auf seinem Küchentisch liegen Zigarettenschachtel, Pillendosen und allerlei Krimskrams. Er hat es immer gehasst, wenn Menschen vor den geplanten Fernsehaufnahmen die ganze Wohnung umkrempeln. Bei ihm muss es sein, wie es eben ist. Authentisch.

Und nun ein Kinofilm. Eine Inszenierung. Nach dreissig Jahren Tätigkeit beim Schweizer Fernsehen und 70 Dokumentarfilmen, die meisten davon einfühlsame Porträts, für die er mehrere Auszeichnungen bekam. Wie den Zürcher Filmpreis (1988) für sein Gesamtschaffen, den er bereits im Alter von 42 Jahren erhält. Oder den «Tele»-Preis (1992) für «Traum Frau», eine feinfühlige Reportage über Geschlechtsumwandlung. 2002 dann die Retrospektive seines Gesamtwerkes an den Solothurner Filmtagen, eine besondere Ehre, zumal in Solothurn normalerweise Kinound nicht TV-Filme gewürdigt werden.

Mit 63 Jahren will es Paul Riniker nochmals wissen. Die Idee zum Langspielfilm «Sommervögel» wurde dem Zürcher Cineasten vor fünf Jahren zugetragen. Auf Anhieb ist er begeistert. Die beiden Aussenseiterrollen gefallen ihm: Res, der, entlassen aus dem Knast, einen neuen Job auf einem Campingplatz bekommt, und Greta, die etwas verhaltensauffällige junge Frau, die von ihren Eltern wie eine Behinderte überbehütet wird. Ein ungleiches Paar, das einige Klippen umschiffen muss. Riniker: «Wenn ich ins Kino gehe, will ich lachen und weinen. Und so einen Film wollte ich drehen. Mit einem Happy End.»

Die Arbeit an «Sommervögel» sei spannend gewesen. Eine sehr glückliche Zeit. Alle zogen am selben Strick, waren mit Herz und Seele dabei. Schwierigkeiten gab es natürlich auch. Etwa bei der Nachtaufnahme der Liebesszene, welche tagsüber gedreht wurde. Später habe man auf der Tonspur Kinderstimmen und Vogelgezwitscher entdeckt. Die beiden Hauptdarsteller im Film, Roeland Wiesnekker und Sabine Timoteo, mussten ins Studio und die ganze Sequenz erneut «durchstöhnen». Paul Riniker lacht. Kurz vor dem Filmstart war er ziemlich nervös. Wie schon im Sommer, als «Sommervögel» auf der Piazza Grande in Locarno Premiere hatte. «Es schüttete wie aus Kübeln, doch die Reaktionen waren durchwegs positiv.»

Ob der Film beim Kinopublikum gleich gut ankommt wie seine Dokumentarfilme, wird sich zeigen. Jetzt heisst es für Riniker abwarten und sich entspannen. Am besten in den eigenen vier Wänden. Seit 23 Jahren lebt der gebürtige Aarauer in einer Drei-Zimmer-Hochparterre-Wohnung an der Nordstrasse in Zürich Wipkingen. Der Altbau ist leicht zurückversetzt. Statt Autolärm von der stark befahrenen Strasse hört man Kinderlachen. Vor den Fenstern viel Grün, ein kleiner Garten mit Tisch und Stühlen zaubert unerwartete Idylle. Ein Stockwerk höher wohnt Ex-Frau Sabine mit der gemeinsamen Tochter Olga, 22. «Wir kommen sehr gut miteinander aus.» Oft koche er für seine Frauen. Auch für Stieftochter Anna, wenn sie nicht gerade im Ausland weilt. Um seine Wohnung kümmert sich der Starfilmer selber, zwei Stunden die Woche schaut eine Putzfrau vorbei. «Seit ich als Student von zu Hause ausgezogen bin, hat mir keine Frau mehr die Wäsche gemacht», sagt er nicht ohne Stolz. Blaugrün blitzt es unter den buschigen Augenbrauen hervor.

Das Verhältnis zwischen Olga und ihrem Vater ist innig. Gerne und oft gehen sie gemeinsam essen. Ins «Santa Lucia» an der Josefstrasse oder ins «Lily’s». Gibt es aber etwas Wichtiges zu besprechen, bleiben sie lieber in der Wohnung. Im Restaurant seien sie innert kürzester Zeit von Freunden und Bekannten umringt. «Manchmal staune ich, was alles über meinen Vater gesagt wird. Etwa, was für ein geduldiger Zuhörer er sei. Das ist nicht unbedingt seine primärste Eigenschaft. Wenigstens nicht, was uns betrifft.»

Die Germanistikstudentin lacht und streicht über das seidenweiche Fell von Kater Bruno. Den Prachtkerl hat sie vor zwei Jahren aus dem Tierspital mitgenommen. Er sehe zwar nur noch auf einem Auge und riechen könne er nichts mehr, trotzdem sei er ihnen ans Herz gewachsen. Über «Sommervögel», in dem sie übrigens eine kleine Statistenrolle übernommen hat, die der Buchleserin im Camping-Restaurant, freue sie sich sehr. 


LIEBE IM PARADIESLI

Regisseur Paul Riniker packt gerne heisse Eisen an. In seinem ersten Langspielfilm «Sommervögel» thematisiert er die Liebe, aber vor allem Sex mit einer Behinderten. Doch Behinderung hat viele Facetten. Behutsam lenkt er die beiden Aussenseiter Res (Roeland Wiesnekker) und Greta (Sabine Timoteo) durch das Labyrinth der Gefühle. Ort der Handlung ist ein Campingplatz am Bielersee, Paradiesli genannt. Die Musik stammt von Marcel Vaid, Kameramann ist Felix von Muralt. Ein schöner, unterhaltsamer und sehr berührender Film.

 

 

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