Stararchitekt Mario Botta Vorhang auf für Botta

Premiere für Stararchitekt Mario Botta: Für Rossinis «Barbier von Sevilla» am Zürcher Opernhaus schafft der Tessiner ein extravagantes Bühnenbild mit Spiegeln und moderner Kunst.

Eine Frau, zwei Männer – ein Drama. Keines, das mit Mord und Totschlag endet, sondern sich durch Irrungen, Wirrungen und mit einem versöhnlichen Ende auszeichnet. Geschichten wie diese gefallen Mario Botta, 66. «Sie sind das Salz in der Suppe», sagt der quirlige Stararchitekt.

Als er vom international erfolgreichen Regisseur, Dramaturg und Autor Cesare Lievi angefragt wurde, das Bühnenbild für dessen Neuinszenierung des «Barbiers von Sevilla» am Zürcher Opernhaus zu entwerfen, lautet die Antwort des Tessiners sofort: «Si, naturalmente!» Resultat: eine schlicht unkonventionelle und futuristische Kulisse für Gioacchino Rossinis meistgespieltes Lustspiel.

Die Uraufführung der komischen Oper in zwei Aufzügen fand 1816 in Rom statt. Im deutschsprachigen Raum ist sie auch unter dem Titel «Die nutzlose Vorsicht» bekannt. Rossinis Musik bewegt Generationen. Die Handlung des Stücks spielt im Sevilla des 18. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Rosina (gespielt von Serena Malfi), um die zwei Liebhaber buhlen: Graf Almaviva und Dr. Bartolo.

In der Rolle des Figaros: Massimo Cavaletti, am Dirigentenpult: Altmeister Nello Santi. Der grosse Rossini hatte bloss 26 Tage Zeit, um die Musik zu komponieren. Und Mario Botta? «Auch bei mir gings schnell. Die ersten Skizzen brachte ich zu Papier, da war die Idee noch nicht mal im Kopf ausgereift.»

Typisch Botta: 2007 baute er in Arosa das Vorzeige-Spa Bergoase im Grand Hotel Tschuggen. Ein Wellness-Typ ist er aber nicht. «Sauna, Solarium, Schwimmbad? Nichts für mich.» Er schuf 1995 in San Francisco ein Museum für moderne Kunst. Ein leidenschaftlicher Sammler ist er nicht. «Lieber designe ich Möbel.» Er war federführend beim Umbau der Mailänder Scala, machte das Opernhaus für das 21. Jahrhundert fit. Ein Musik-Fan ist er nicht. Auch jetzt baut Botta wieder: ein Wellness-Bad auf Rigi Kaltbad mit einem Gesamtvolumen von 50 Millionen Franken!

Bei seinem jüngsten Projekt in Zürich liess er sich den Inhalt eines der meistgespielten Opernwerke der Welt erst mal von seiner Frau Maria erzählen. «Selber gesehen habe ich ‹Il Barbiere di Siviglia› noch nie. Die Premiere am 27. Dezember wird für mich eine doppelte: Ich habe schon Bühnenbilder für zwei Ballette gestaltet, aber noch nie für eine Oper.»

«Die Schönheit der Musik hat Vorrang. Ein schwülstiges, historisches Dekor lenkt nur ab»

Bauprobe in Zürich. Die meisten am Projekt beteiligten Personen sind versammelt. Regisseur Cesare Lievi und Bühnenbildner Mario Botta diskutieren heftig. Botta ist aus Lugano angereist und muss in wenigen Stunden zurück und weiter Richtung Mailand. Er ist nicht ganz zufrieden mit seinem provisorischen Bühnenbild. Auf seine An­weisung schieben Handwerker die mit Spiegeln überzogenen Riesen-Kuben unzählige Male hin und her. Bis Botta weiss, was noch verbessert werden kann.

Das Modell zeigt uns Mario Botta später in der Werkstatt des Opernhauses, wo sein Entwurf 1:1 nachgebaut wird. Es sieht aus wie eine Puppenstube, sogar winzige Möbel zieren den Raum. Die Originale stammen alle aus der Feder des Architekten und werden während der Aufführung zum Einsatz kommen. Das Bühnenbild hat nichts Schwülstiges, Historisches, sondern zeichnet sich durch strenge, klare Linien aus. Und hebt sich deutlich ab von allen anderen Inszenierungen, die man von «Il Barbiere di Siviglia» im Kopf hat.

Botta hat auf jeglichen Schnickschnack verzichtet. «Die grösste Herausforderung war, dass die Komik und der Humor in dieser strengen Kulisse rüberkommen.» Noch ein Punkt lag ihm am Herzen: «Ich wollte ein Bühnenbild erschaffen, das meine Handschrift trägt, die Musik aber nicht konkurrenziert und von ihr ablenkt. Die Schönheit der Koloraturen hat Vorrang.»

Die grossen Würfel sehen schwerfällig aus, sind aber fahrbar und leicht. Sie können innerhalb weniger Minuten zu neuen Räumen umgebaut werden, andere Stimmungen erzeugen. An den Wänden werden grosse bunte Riesengemälde von Mark Rothko und Paul Klee hängen und einen Bogen in die Neuzeit spannen. «Das Bühnenbild passt auch inhaltlich zum Stück», sagt Mario Botta.

«Schliesslich handelt die Oper von der jungen Rosina, die eingesperrt ist wie ein Hund und damit rechnen muss, mit dem falschen Herrn verheiratet zu werden. Die Kulisse hat etwas Klaustrophobisches. Ihre Ausweglosigkeit wird noch klarer erkennbar.» Eine Frau, zwei Männer – ein Drama. Und Mario Botta mittendrin.

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