James Nachtwey Nachgefragt

James Nachtwey, 62, gilt als bedeutendster und mutigster Kriegsfotograf der Welt. Am Samstag referiert der US-Amerikaner in Zürich.
James Nachtwey im Jahre 2003 im Irak.
© Keystone James Nachtwey im Jahre 2003 im Irak.

Schweizer Illustrierte: Mr. Nachtwey, wobei stören wir Sie gerade?
James Nachtwey: 
Sie stören nicht. Ich arbeite.

Keine Ferien über Weihnachten und Silvester?
Nein, ich habe über Weihnachten gearbeitet. Bilder produziert.

Am 8. Januar sprechen Sie am Photoforum 10 in Zürich über «Wut und Mitgefühl». Ihre Emotionen bei Ihrer Arbeit?
Ja, diesen Titel habe ich gewählt, weil Wut und Mitgefühl die stärksten, prägendsten Emotionen in meiner Tätigkeit sind.

Seit 30 Jahren arbeiten Sie als Fotograf in Krisengebieten – Irak, Afghanistan, Ruanda, Bosnien, El Salvador. Wie ertragen Sie Tag für Tag diese Gräuel?
Dank meiner Zielstrebigkeit. Sie führt mich durch meine Arbeit, sie hilft mir, die vielen emotionalen Hürden zu überwinden.

Das Schlimmste, was Sie je erlebt haben?
Es ist schwierig, den Horror und das Leiden der Menschen zu vergleichen. Jedes Ereignis ist schlimm und einzigartig. Und für die Betroffenen ist das Leid immer gross.

«Wenn meine Bilder nicht gut genug sind, bin ich nicht nah genug» lautet Ihre Regel. Mutig, riskant, vielleicht sogar verantwortungslos?
Nun, das ist mein Job. Wenn Sie die Realität abbilden wollen, müssen Sie sich in Extremsituationen wagen. Zudem arbeite ich nie mit Teleobjektiv. Ich muss also nah rangehen. Nicht die Technologie, sondern das Auge schafft das gute Bild.

Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie so den Sensationshunger des Publikums stillen.
Im Gegenteil. Meine Fotografie weckt ein Gefühl für Humanität. Wer hautnah erlebt, wie eine Granate einem Menschen das Bein abreisst, sieht eher ein, dass kein Konflikt dieser Welt es rechtfertigt, jemandem so etwas anzutun.

2003 wurden Sie selber in einem Konvoi in Bagdad von einer Handgranate schwer verletzt. Dachten Sie nie ans Aufhören?
Ich mache es immer noch. Ich denke, das ist die Antwort!

 

James Nachtwey: 8. Januar 2011, 20 Uhr, Photo 10, Maag Event Hall, Zürich, www.photo10.ch, www.photoforum10.ch

 

 

 

 

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