Reportage Flirt mit dem Monster

Der Schweizer Peter Diethelm wagte sich zum weltbekannten Vulkan auf dem isländischen Gletscher Eyjafjallajökull. Dort verschlug es dem Vulkanologen die Sprache.

Ein Film über den Weltuntergang – er müsste hier gedreht werden. Hier in Vik, einem 500-Seelen-Dorf an der Südküste Islands. Tag und Nacht ist es dunkel, nur ab und zu dringt die Sonne kurz durch die graue Decke.

Totenstille, eine Windbö treibt Staub vor sich her. Wiesen, Strassen, Dächer: Alles liegt unter der grauschwarzen Staubschicht begraben, stellenweise 15 Zentimeter dick. Tausende Tonnen feinste Asche bedecken das Dorf. Der Staub kommt aus der gigantischen Wolke, die ganze Teile des europäischen Flugverkehrs zusammenbrechen lässt.

Seit einem Monat ist Vik ein Geisterdorf. Am 14. April brach der Vulkan im Gebiet des Gletschers Eyjafjallajökull aus, 45 Kilometer nordwestlich des kleinen Orts. «Wohnt hier noch jemand?», fragt Peter Diethelm, als er sein Auto auf dem Dorfplatz parkiert. Der Schaffhauser aus Löhningen ist einer der bekanntesten Vulkan-Experten der Schweiz. Er ist nach Island gekommen, um sich den Vulkan vor Ort anzuschauen und um die Gegend für zwei Reisen zu rekognoszieren, die er diesen Sommer leiten wird. Diethelm steigt aus – und muss gleich husten. Sofort hält er sich den Arm vors Gesicht. Der feine Aschestaub dringt sekundenschnell in Augen, Ohren – jede Pore.

Eine schwarze Gestalt huscht vorbei, das Gesicht mit Sturmmaske und Skibrille geschützt. Diethelm spricht den Vermummten an, es ist Savar Kristjansson, Chef des örtlichen Schwimmbads. Sofort zieht der Einheimische einen Gesichtsschutz aus seiner Tasche, reicht ihn dem Schweizer. Gestern habe sich die Aschewolke ein wenig gelichtet, erzählt Kristjansson. «Da füllte ich das Becken mit neuem Wasser. Doch innert zweier Stunden war der Himmel wieder dunkel, das Wasser wieder schwarz.» Ausser ein paar alten Leuten sei niemand weggezogen aus dem Dorf. Noch nicht. «Nach dem letzten Ausbruch 1821 spuckte der Vulkan während 14 Monaten Asche. So lange würden wir es nicht aushalten.»

Ihre Häuser verlassen die Bewohner von Vik nur wenn unbedingt nötig und nur mit Gesichtsschutz. Letzte Woche hätten die Schüler vier Tage frei gehabt, sagt Kristjansson – die Staubkonzentration in der Luft lag über dem gesundheitsschädigenden Wert. «Unsere Wohnungen müssen wir täglich putzen, obwohl Fenster und Türen mit Klebband abgedichtet sind.» Am schwersten leiden die Bauern. «Sie wissen nicht wohin mit den Hunderten von Lämmern. Draussen würden die Jungtiere sterben, für sie ist die Asche giftig. Und weil das Gras darunter nicht wachsen kann, geht das Futter aus.»

Peter Diethelm hört still zu. «Alles Gute!», sagt er beim Abschied. Kristjansson: «Wir versuchen zu überleben. Wir sind stolz auf unsere Vulkane. Doch hoffentlich nimmt dieser Albtraum bald ein Ende!» Am nächsten Morgen führt der Weg zum eigentlichen Ziel des Schweizer Vulkanologen: rauf zum Eyjafjallajökull. Bis zum neuesten Ausbruch lag der Vulkan 300 Meter unter dem Gletscher auf 1660 Metern über Meer. Schon beim Frühstück in der Bauernhof-Herberge am Fusse des Eyjafjalla-Gebirges ist Diethelm ganz kribbelig, seiner Freundin daheim schreibt er ein SMS: «Ich denke viel an dich. Doch in den kommenden Stunden ein bisschen weniger.» Immer wieder schaut er zur sechs Kilometer hohen Aschesäule rauf.

Er erklärt: «Wir befinden uns hier in einer der aktivsten Vulkanzonen der Welt. Explodierende Wasserdämpfe im Vulkaninnern lassen die brodelnde Masse aus zwanzig Kilometern Tiefe aus dem Krater schiessen. Wenn die 800 Grad heisse Lava auf Gletschereis und kalte Luft stösst, zersplittert sie in mikroskopisch kleine Glassplitter. Diese bilden die Aschewolke. Ich liebe Vulkane!» Draussen fahren zwei 4×4-Ungetüme vor. Sie sind für felsiges Gelände und Gletscher umgebaut, haben 1,20 Meter hohe Räder. Auch die drei einheimischen Führer sind gespannt. Diethelm hat bei der obersten Vulkan-Verantwortlichen Islands eine Spezialbewilligung eingeholt. Der Eyjafjallajökull ist Sperrgebiet. Laut Wetterprognose treibt der Wind die Wolke in den nächsten Stunden von uns weg. «So können wir uns dem Krater relativ gefahrlos nähern», so ein Führer.

Bald geht die Fahrt über Stock und Stein. Nach einer Stunde erreichen wir den Gletscher. Hier ist er weiss, doch ein paar Hundert Meter weiter rabenschwarz, bedeckt von einer zwanzig Zentimeter dicken Schicht aus porösen Steinchen: Vor ein paar Tagen hat es hier Asche geregnet. Kurzer Stopp. Der Vulkan ist noch einen Kilometer entfernt! In der riesigen Rauchsäule blitzt und donnert es. Diethelm bekommt das Augenwasser, schiesst Fotos. Ein Führer zeigt auf die weiter oben liegende Kuppe. «Der Wind ist stabil, bis dort können wir uns wagen.» Ein paar Tipps gibt er noch mit auf den Weg nach oben: «Handys aus! Sonst werden Blitze angezogen. Und keine Panik, wenn wieder eine Vulkanbombe explodiert! Haltet die Augen offen, so was erlebt ihr nie mehr.»

Oben auf der Kuppe. Ein kalter Wind bläst, Asche beisst sich in die Augen. 600 Meter weiter unten liegt der Krater. Dieser Schlund speit die Asche aus – und legt halb Europa lahm. Es riecht nach Schwefel, ohrenbetäubende Explosionen krachen im Sekundentakt. Wo man hinschaut, entstehen grosse schwarze Wolken, die in einer noch gigantischeren Rauchwolke zum Himmel steigen. Containergrosse, 800 Grad heisse Lavabrocken schiessen aus den Wolken, steigen bis zwei Kilometer senkrecht in die Höhe. Fallen dann in weiten Bögen, eine weisse Dampfspur nach sich ziehend, auf den schwarzen Gletscher, schmelzen gewaltige Krater. Ein Krieg der Urgewalt. Langsam weicht die Angst sprachlosem Staunen.

«So nah dran wie wir war noch nie jemand», ruft einer der Führer. «Crazy, crazy!» Diethelm filmt und filmt. Richtet sich kurz auf, rudert mit den Armen, jubelt. «Ou-ou-ou! So grosse Vulkanbomben habe ich noch nie gesehen, ich kann nicht mehr denken. Dass ich so etwas Schönes erleben darf! Ou-ou-ou!» Diethelm ist nur noch am Japsen. Doch plötzlich wird er ruhig, schaut für ein paar Momente gegen den Himmel. «Was sind wir Menschen doch für kleine, unwichtige Wesen.»

Reise zum Vulkan: Kuoni Reisen bietet diesen Sommer zwei attraktive Spezialreisen nach Island und zum Eyjafjallajökull-Vulkan an. Leitung: Peter Diethelm, Vulkanologe.
Daten: 3. bis 11. Juli und 7. bis 15. August. Preis pro Person im Doppelzimmer: 3990 Franken. Infos und Buchung:
www.kuoni.ch/ananea, ananea@kuoni.ch oder unter Telefon 044 - 277 41 51.

Mehr Informationen zur Reise finden Sie auch auf diesem Flyer.

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