Viktor Röthlin Sein härtester Lauf

Vor einem Jahr kämpfte er um sein Leben. Nun rennt Viktor Röthlin um seine letzte Chance als Marathonläufer. An den Europameisterschaften in Barcelona muss er Erfolg haben. Sonst ist seine Karriere als Spitzensportler vorbei.

Man muss dem Marathon-Läufer ein sehr verlockendes Angebot unterbreiten, damit er seinen strengen Trainingsplan ausnahmsweise mal unterbricht. Aber einem Sprung in den Whirlpool auf der Diavolezza knapp 3000 Meter über Meer kann selbst Viktor Röthlin, 35, nicht widerstehen.

Er und sein kenianischer Trainingspartner Abraham Tandoi, 35, springen rein – zur Freude japanischer Touristen.«Mister Löthlin, picture, please!» Zwei Jahre nach seinem letzten Marathon im Land der aufgehenden Sonne ist der Obwaldner immer noch ein grosser Star.

Sechs Wochen hat Röthlin im Höhentraining auf dem Berninapass verbracht.
200 Kilometer rannte er pro Woche, verteilt auf 13 Trainingseinheiten. Sein Tagesprogramm: Training, Mittagessen, Schlafen, Training, Nachtessen, Schlafen.«Immerhin gabs jeden Tag etwas anderes zu essen. Monotonie kam darum keine auf», sagt Viktor und lacht. Dabei spannt sich die Haut wie Pergament über sein schmales Gesicht.

58 Kilo wiegt der Innerschweizer derzeit.
«Wettkampfgewicht», sagt er trocken. Trotzdem: Er sieht so vital aus wie schon lange nicht mehr. Der abgemagerte Körper zeugt davon, dass Röthlin wieder kerngesund ist. Und dass er wieder das machen darf, was er am besten kann: laufen. «Und keine Sorge, ich stehe jeden Tag auf die Waage und kontrolliere mein Gewicht, leichter darf ich nicht werden.»

Jahrelang gleicht«Viks» Karriere einem Steigerungslauf. Von Jahr zu Jahr, von Rennen zu Rennen wird er schneller, stärker, besser. An den Olympischen Spielen 2008 in Peking belegt er den sechsten Rang und ist damit der schnellste weisse Marathonläufer der Welt. Sein Marktwert vervielfacht sich, für einen Start bei einem Städtemarathon bekommt er Antrittsgagen in sechsstelliger Höhe.

Doch bevor der Geldsegen einsetzt, kommt im Frühjahr 2009 der brutale Rückschlag: Im Trainingslager in Eldoret (Kenia) erleidet Röthlin eine Lungenembolie, kurze Zeit später in der Schweiz eine zweite. Dass sein Höhenflug damit abrupt endet, ist in diesem Moment zweitrangig. Er kämpft jetzt um sein Leben. «Deshalb ist das Geld, das mir damals durch die Lappen ging, egal. Ich hoffte auf der Intensivstation nur, irgendwann wieder ohne Sauerstoff-Maschine Treppen steigen zu können. Da denkt der Röthlin nicht an die Kohle.»

Knapp eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis er sich von diesem Rückschlag erholen konnte. «Bei mir kam aber nie das Gefühl auf, der liebe Gott hätte mir eine zweite Chance gegeben und dass ich jetzt alles anders machen müsse. Ich wollte von Anfang an wieder leben wie vorher.» Jetzt erhielt Röthlin sogar noch die Bestätigung, dass er zum Laufen geboren wurde.«Die Ärzte stellten bei mir einen Gen-Defekt fest, der das Thromboserisiko erhöht, deshalb erlitt ich die Lungen-Embolien. Langes Sitzen ist Gift für mich.»

Seine Lungenflügel überstanden die beiden Embolien praktisch unbeschadet. «0,04 Prozent beträgt der funktionale Verlust. Im Gegensatz zu anderen Patienten kann man das bei mir so genau beziffern, weil ich meine Lungenkapazität seit Jahren regelmässig messen liess.» Erst war seine Leistungsfähigkeit nach dem Spitalaufenthalt miserabel.«Meinen ersten Fitness-Test machte ich mit meinem Physiotherapeuten Dani Troxler auf dem Velo. Ein bleibendes Erlebnis: Wir wurden von einer Frau mit Einkaufstaschen am Gepäckträger überholt, obwohl mein Puls auf über 180 stieg!»

Heute mag Vik darüber lachen und freut sich über seine grossen Fortschritte, die er machen konnte.«Zu sehen, wie schnell sich der Erfolg einstellt, motivierte mich im Training riesig. Von 1999 bis 2008 konnte ich meine Bestzeit um sechs Minuten verbessern (von 2:13:36 auf 2:07:23). Jetzt ging es in einem Jahr von null auf hundert.»

Am 1. August wird der 35-Jährige an den Europameisterschaften in Barcelona seinen 19. Marathon laufen.«Trotzdem fühlt es sich an wie mein erster.» Vielleicht ist es auch sein letzter: Läuft Röthlin der Konkurrenz weit hinterher, ist ein Karriere-Ende wahrscheinlich.«In Barcelona wird sich entscheiden, ob es mich als Athlet in Zukunft gibt.»

Ängste plagen ihn keine.«Ich muss wissen, ob es nochmals klappt. Mit einer Niederlage könnte ich leben. Nicht aber mit dem Zweifel, wenn ich es gar nicht versucht hätte.» Es sei der Gwunder, der ihn antreibe. Sein Ziel hat er – wie früher – hoch gesteckt:«Nur eine Medaille würde mich wirklich glücklich machen.»

Wegen Renovationsarbeiten auf Muottas Muragl lebte Vik während des Höhentrainings nicht wie üblich auf seinem«Glücksberg». Sein Laufpartner blieb der gleiche: der Kenianer Abraham Tandoi. Viktor:«Er ist extrem wichtig für mich. Wer immer alleine trainiert, kann sich irgendwann nicht mehr steigern. Deshalb muss man Kopf und Körper überlisten. Und genau das macht Abraham. Er bringt mich an neue Grenzen.» Zwischen den beiden Läufern besteht inzwischen weit mehr als eine Geschäftsbeziehung. Wenn Abraham in der Schweiz weilt, wohnt er in Sempach bei Röthlin und seiner Frau Renate.«Wir sind fast wie Brüder», sagt Abraham. Der Kenianer hat seinen Sohn sogar Viktor getauft!

«Endlich kann ich mich wieder Marathonläufer nennen. Das war nach zwei Jahren ohne Rennen ja fast nicht mehr wahr», sagt Röthlin. Seine Sponsoren hielten während dieser Zeit zu ihm. «Bei Isostar hatte ich allerdings ein schlechtes Gewissen, weil die Zusammenarbeit kurz vor den Embolien begonnen hatte.» Deshalb bot Röthlin der Wander AG sogar an, das Sponsoren-Geld zurückzugeben.«Das hat dort einiges Erstaunen ausgelöst.» Glücklicherweise wollte der Marketing-Chef Arnold Furtwängler nichts davon wissen. «Er fragte mich, ob ich an ein Comeback glaube, er glaube nämlich auch an mich.»

Beruf und vor allem Berufung sei das Laufen für ihn, sagt Röthlin. Deshalb will er an ein Scheitern und Karriere-Ende nach Barcelona nicht denken. «Wenn doch, stünde ich nicht vor einem Scherbenhaufen. Ich investierte viel in meine Zukunft und besitze mit der Vikmotion GmbH eine eigene Firma, in die ich mehr Zeit investieren würde.»

Vorläufig stellen Viktor und seine Frau Renate die Familienplanung zurück:«Solange ich laufe, kommt das für uns beide nicht infrage. Sie wäre ja praktisch alleinerziehende Mutter. Zudem hat sie bis 2011 eine Anstellung als Oberärztin im Kinderspital Luzern.» Also Papi im 2012?«Ich wäre dann 37, aber junge Eltern werden wir sowieso nicht mehr sein. Gut möglich, dass 2012 alles perfekt zusammenpasst.» Er denkt kurz nach und sagt:«Unglaublich, wie im Leben alles immer wieder seinen Sinn hat, oder?»

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