Reporterin Nina Siegrist im Einsatz «Spionage» im Bunker

Bald ziehen 25 Soldaten für die SF-Serie «Alpenfestung» ins Réduit. Unsere Reporterin hat den Aktivdienst schon mal getestet - inklusive Probeschlafen.

Sein Wunsch sei mir Befehl. «Laden!», schreit der Uniformierte durch seine Schutzmaske in meine Richtung. Mit einem halbherzigen Fausthieb katapultiere ich die Übungsgranate ins Kanonenrohr. Doch die hölzerne «Munition» rutscht zurück und landet frisch gefettet in meinen Armen. Patrick Schlenker, der Uniformierte, schaut mich mitleidig an. Ein bisschen fühle ich mich wie damals im Turnunterricht, als beim Kugelstossen die Kugel auf dem Fuss eines Mitschülers landete.

Ich befinde mich in der Festung Fürigen NW am Vierwaldstättersee, gut getarnt hinter künstlichen Felsen. Die Festung wurde 1941 erbaut und 1991 zum Museum umfunktioniert. Und ab dem 27. Juli beherbergt sie 25 Soldaten, die sich für die SF-Serie «Alpenfestung - Leben im Réduit» in den Zweiten Weltkrieg versetzen lassen. Drei Wochen lang.

Mich drückt der Schuh schon nach wenigen Minuten. Patrick «Pat» Schlenker hat nämlich Original-Nagelschuhe aus den 40ern mitgebracht, «fürs Feeling», sagt er - danke, ich spüre es. Schlenker ist Armeeausrüstungsexperte, führt einen Kostüm- und Uniformverleih in Basel und agiert in der SF-Serie als Drill- und Ausbildungsverantwortlicher. Er weiss alles. Er ist mein Meister.
Schweren Schrittes dringe ich also mit Meister Schlenker durch das 200 Meter lange Stollensystem in den Berg hinein. Von den Wänden tropft Wasser, und ich fühle mich wie in einem gigantischen Wäschetrockner, der rückwärts läuft: Die Kleider saugen sich mit Feuchtigkeit voll, das kalte Nass dringt bis auf die Knochen.

Dann, im Mannschaftsraum hinter der Gasschleuse, ist es endlich trocken. So trocken, dass nach einer Weile meine Augen jucken. Das künstliche Licht und die dröhnenden Ventilatoren machen müde, schaffen eine Atmosphäre wie in einem Schiffsbauch. Es riecht nach einem Gemisch aus Brockenhaus, Mottenschrank und eingetrockneten Schweisswollsocken.

«Schuheputzen!», befiehlt Patrick Schlenker. Das Döschen mit der Schuhcreme steckt in einem andern Döschen, wohlverpackt in der Ausrüstungstasche des Tornisters. Ordnung halten, aus- und einpacken - wohl eine Paradedisziplin der Aktivdienstler. Allein schon das korrekte Rollen des Armeemantels erinnert mich an einen japanischen Papierfaltkurs. Mit dem Unterschied, dass beim Origami das Ganze, einmal gefaltet, nicht mehr auseinanderfällt. Drill-Meister Schlenker ist auch Mantel-Origami-Meister. Und ich kapituliere.

Vom Mannschaftsraum aus gelange ich in die Küche. Da stehen Töpfe, so gross, dass man eine ganze Sau darin garen könnte. Zum Glück sind (noch) keine Kartoffeln da, «sonst müsstest du sie schälen», sagt Schlenker und lacht. Stattdessen begebe ich mich auf Besichtigungstour: zwei Duschen für 25 Mann, aha, viel Spass. Zudem dient eine davon gleichzeitig als Toilette, zwei in einem sozusagen. Und das Perfide daran: WC-Spülung und Duschhahn sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Zwei silberne Ketten, ein falscher Griff - ich erahne glorreiche TV-Unterhaltung.

Ab gehts in den Sanitätstrakt. Die weisse Reinigungswanne vor den weissen Kacheln würde für einen Horrorfilm taugen. Das Gemälde eines Chalets soll im Krankenzimmer nebenan wohl Behaglichkeit schaffen. Ein verschwendeter Nagel, finde ich, und bin überzeugt: Hier will man nicht sein, weder krank noch gesund.

Es zieht mich raus an die Luft. Stattdessen zeigt mir Pat einen Stock höher den Massenschlag. «Schlafenszeit», sagt er - na, dann gute Nacht. Ich lege mich auf das muffige Maträtzchen, wickle die kratzige Militärdecke um mich. Und wieder findet Meister Schlenker Grund zur Beanstandung: die Decke sei falsch gewickelt. Selbst im Schlaf mache ich Fehler. Aktivdienst ist hart - das werden die TV-Soldaten bald merken.

 

Der Rücktritt des Kommandanten

Er wäre der König der Alpenfestung geworden - doch TV-Kommandant Alfred Strahm blies vorzeitig zum Rückzug. «Aus persönlichen Gründen» ziehe er sich von seinem Engagement zurück. Dies die offizielle Begründung des Schweizer Fernsehens. Der eigentliche Grund ist wohl eher Strahms Vergangenheit. Von Veruntreuung und Urkundenfälschung ist die Rede, derzeit wird sogar angezweifelt, ob er tatsächlich einen Majors-Titel besitzt. War man bei «Schweiz aktuell» nachlässig bei der Rekrutierung? «Nein», findet Redaktionsleiter Dani Pünter. Man habe zwei lange Interviews geführt und Recherchen angestellt. Jetzt heisst es Schadensbegrenzung: Ein neuer Kadi wird schnellstmöglich bekannt gegeben - bei Redaktionsschluss stand er noch nicht fest.

 

Auch interessant