Auf einen Espresso Über Freiheit und die nötige Strenge zu ihrer Durchsetzung

Frank A. Meyer und Marc Walder - Fragen und Meinungen zu den Themen der Woche.
FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.
© Thomas Buchwalder FRANK A. MEYER, 67, (l.) arbeitet als Journalist im Hause Ringier. Er lebt in Berlin. MARC WALDER, 46, ist CEO Ringier Schweiz und Deutschland.

Sagen Sie mal, Frank A. Meyer, das Bundesgericht hat ein muslimisches Elternpaar verpflichtet, seine Töchter am gemischten Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen. Dürfen sich Gerichte in die Erziehung einmischen?
Natürlich ist die Erziehung Sache der Eltern. Sie muss sich aber im Rahmen der gesetzlichen Regeln bewegen. Im vorliegenden Fall verstösst der Vater gegen die Schulpflicht und deren integrative Funktion.

Ist denn die Schulpflicht höher zu gewichten als der Glaube?
Ganz bestimmt.

Und muss sie wirklich mit Staatsgewalt durchgesetzt werden?
Das neunjährige Mädchen Hafsa soll, so ihr mazedonischer Vater, dem gemischten Schwimmunterricht fernbleiben, um «seine Scham nicht zu verlieren». Ausgedeutscht heisst das: Mädchen werden anders erzogen als Jungen, nämlich zu Schamhaftigkeit und Gehorsam, damit sie in ihrem späteren Leben dem Manne willig dienen. Was der Familienvater will, ist die Unterwerfung seiner Tochter unter die Herrschaft der Männer – wie dies der Koran ultimativ verlangt.

Die Schweizer Richter urteilen also über eine Religion …
… die Schweizer Richter setzen die Gleichberechtigung der Frau durch. Der Koran dagegen kennt keine Gleichberechtigung. In Sure 4, 34 ist zu lesen: «Die Männer stehen über den Frauen … Die tugendhaften Frauen sind die gehorsamen.» Genau diese Ideologie muslimischer Männerherrschaft steckt hinter dem Versuch, Hafsa vom gemeinsamen Schwimmunterricht von Mädchen und Knaben fernzuhalten.

Der Konflikt zwischen islamischem Gesetz und Schweizer Gesetz ist in Ihren Augen unüberwindlich?
Die Religion der Muslime hat den Anspruch, sowohl über den Einzelnen wie über die ganze Gesellschaft zu herrschen. Selbstbestimmung der Frau ist da nicht vorgesehen. Allahs Lehre kollidiert also mit jeder freiheitlichen Gesellschaft. Der Islam steckt voller archaischer Regeln und Riten. Sollen wir unsere zivilisatorischen Errungenschaften für Muslime zurückbuchstabieren? Sollen wir unser Recht teilen und Ausnahmen schaffen für eine autoritäre, letztlich totalitäre Religion? Es ist an den Muslimen selbst, diesen Konflikt zu überbrücken: Indem sie sich von ihren religiösen Fesseln lösen, indem sie sich zu freien und selbstbestimmten Menschen entwickeln. Zu welchem Gott jemand betet, ist einerlei. Aber Freiheit und Menschenrecht sind unteilbar.

Mit dieser Haltung verwehren Sie Muslimen die Integration!
Im Gegenteil: Ich will, dass Integration durchgesetzt wird.

Erzwungen?
Wenn Sie unbedingt wollen: Ja, erzwungen! Denn es liegt im Wesen von Religionen – früher auch des Christentums –, dass sie von den Gläubigen die Selbstunterwerfung einfordern: Strenggläubige Musliminnen glauben deshalb tatsächlich, dass sie das Kopftuch oder die Burka freiwillig tragen und dass sie dem Manne freiwillig gehorchen.

Lieber Frank A. Meyer, bei diesem Thema sind Sie besonders rigoros, und das schon seit Jahren!
Befreiung und Gleichberechtigung lassen sich ohne Rigorosität, ohne Strenge nicht erreichen. Menschenrecht und Menschenwürde mussten erkämpft werden. Für Frau und Mann. Es gibt da nicht ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger. Und wenn Sie, lieber Marc Walder, wissen wollen, wie sehr das Kopftuch die freie Entwicklung eines Mädchens oder einer Frau beschränkt, dann stülpen Sie sich doch einmal eines dieser engen Kopf- und Halsgefängnisse über – wie es Hafsas Schwester Ajnur schon mit dreizehn Jahren muss.

Was soll das nützen?
Wenn Sie es länger als fünf Minuten tragen, wissen Sie es.

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