Western-Stadt in Meierskappel LU Zum Schiessen

Der Schweizer Wilde Westen liegt bei Meierskappel LU. Jedes Jahr treffen sich dort Cowboys und Indianer in einer nachgebauten Western-Stadt. Samt Schlachtfeld.

Zur Mittagszeit gibts immer Tote. Zuerst wird geprügelt, dann geschossen und am Schluss gestorben. Das ist hier jeden Tag so. Immer um zwölf Uhr mittags, «wie sich das für einen richtigen High Noon gehört», sagt US-Marshal Wyatt Earp. Er schultert sein Gewehr und zieht seinen Colt aus dem Halfter. Die Sonne brennt, am Himmel kreist ein Mäusebussard, am Horizont thront das Rigimassiv. Wyatt Earp steht bereit: «Die sollen nur kommen!»

Sein Marshal-Stern am Gilet blitzt in der Mittagssonne, schwarzer Filzhut, gespornte Stiefel, gezwirbelter, rötlicher Schnauz. «Genau so sah der echte Wyatt Earp im Jahre 1880 aus», erklärt seine Kopie. André Seifferth, 47, Tiefbaumeister aus Reinach AG, hat schon als Kind vom Wilden Westen geschwärmt: «Aufgewachsen bin ich zwar im Wilden Osten», frotzelt Seifferth, «in der DDR.» Aber mit Waffen, ja, da kenne er sich gut aus. «Zehn Jahre Nationale Volksarmee DDR», brummt er und fletscht theatralisch die Zähne. Plötzlich spannt sich sein drahtiger Körper, und die Augen blitzen mit dem polierten Gewehrlauf um die Wette. «Es geht los», ruft der US-Marshal aus dem Aargau und lädt durch, «High Noon - die sollen nur kommen!»

300 Meter nördlich vom Wilden Westen: Mittagspause im luzernischen Meierskappel. Die Kinder stürmen aus dem Schulhaus Höfli, die Bäckerei Steinegger macht bis 13.30 Uhr Siesta, und im Landgasthaus Strauss wird Pouletsalat Florida für 16.50 Franken serviert. Keiner der 1200 Einwohner stört sich an den Indianern und Cowboys, die am Rande des Dorfes campieren. Bereits zum siebten Mal treffen sich hier 3000 Western-Hobbyisten und Zuschauer und feiern vier Tage lang ein Countryfest der besonderen Art. Eine Western-Stadt wie im Jahre 1880 wird nachgebaut. Alles aus Holz. Saloon, Bank of Arizona, Sattlerei, Kaufladen, Näherei, Bestatter, Sheriff’s Office. Und ein Gefängnis.

Zwischen den Gitterstäben äugt ein Sträfling heraus. Handschellen, Dreitagebart, tödlicher Blick. «I kill you», sagt der Desperado mit Lozärner-Dialekt und lächelt selig: Matthias Gmür, 36, Religionslehrer in Luzern. «Und riesiger Western-Fan!» Aber, und das ist Gmür und allen Western-Hobbyisten wichtig: «Wir veranstalten hier keinen Lucky-Luke- oder Winnetou-Kitsch. Wir legen Wert auf Details. Keine Klischees, sondern die historische Wahrheit wollen wir hier zeigen und vorleben!» Darum ist alles originalgetreu nachgebildet. Eine Art Ballenberg für Western-Fans.

Auf dem Schlachtfeld gewinnen heute die Südstaatler. Das ist mit den Nordstaatlern so abgemacht. Auf dem Hügel neben der Western-Stadt spielen die Hobbyisten die Bürgerkriegsschlacht First Battle of Bull Run von 1861 nach. Pulverdampf, Geschrei, Gestöhne, und ein Artillerist feuert mit seiner nachgebauten Kanone Salve um Salve gegen die verhassten Yankees. Nach einer halben Stunde ist der Krieg vorbei. Sieger und Besiegte, «Tote» und «Krüppel» stiefeln dem Saloon zu.

Alles im Meierskappeler Western-Camp soll «authentisch» sein. Na ja, fast alles … Die Marlboros der Westmänner stecken in «Rauchen ist tödlich»-Packungen, und statt Blei im Bauch hat ein Cowboy Titan am Bauchnabel - in Form eines Piercings. Im Tipi-Lager werden nicht Rauchzeichen, sondern SMS verschickt, die Häufchen der Hunde werden gewissenhaft Häuptling Robidog anvertraut, und eine Indianerin («bitte nicht Squaw, das bedeutet Schlampe») hat beim Tanzen ihre Kontaktlinsen verloren. Der typischste Schweizer Wilde Westen zeigt sich aber bei der Abfall-Sammelstelle. Manierlich sortieren Indianer und Cowboys ihren Müll. Der Container für Blech quillt total über: Hunderte von Rote-Bohnen-Dosen.

Wyatt Earp hat inzwischen seine blauen Bohnen verschossen. Der Marshal aus Reinach hat auch heute gesiegt. High Noon ist vorbei, der Bösewicht liegt in der Holzkiste. Ein kurzes Gebet vom Reverend, dann wird der Tote im roten Gilet weggetragen - und später mit einem Bier im Saloon belohnt. Der Reverend ist echt. 71 Jahre alt ist Jakob Hüsler, Pfarrer aus Rain LU. Auf den Western-Geschmack hat ihn seine Haushälterin Margrit Gmür gebracht. Diese sitzt im Kleidergeschäft der Western-Stadt und näht wunderschöne Kostüme für Damen um 1880. Ihr Sohn übrigens, so verrät die Meisternäherin und Pfarr-Haushälterin, sei auch in der Western-Stadt. «Vielleicht haben Sie ihn gesehen, er steckt im Gefängnis!»

Am schönsten ist der Wilde Westen am Abend. Lagerfeuer, Steaks mit roten Bohnen, dazu Gitarrenklänge und Wolfs-, na ja, seien wir ehrlich, Hunde-Geheul. Wyatt Earp gähnt. Schlafsackzeit. Schliesslich muss er morgen wieder fit sein. Und treffsicher. Wenn er den Bösewicht im roten Gilet erneut erledigen muss. Wieder um zwölf Uhr mittags. High Noon - auch morgen wieder - in Meierskappel.

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