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Der Journalist im Interview

TV-Moderator Dirk Steffens erhält Morddrohungen

«Von Beleidigungen bis zu Morddrohungen ist alles dabei»: Moderator und Umweltschützer Dirk Steffens bekommt es immer wieder mit Anfeindungen zu tun. «Die Intensität schwankt dabei, je nach Thema», erzählt er im Interview.

Dirk Steffens ist nicht nur TV-Moderator, sondern auch Autor.
Dirk Steffens ist nicht nur TV-Moderator, sondern auch Autor. Markus Tedeskino

Seit einigen Jahren bereist Dirk Steffens als Wissenschaftsjournalist und Moderator die Welt. Unter anderem durch das ZDF-Format «Terra X» ist der 54-Jährige einem breiten Publikum bekannt. Das Tierwohl liegt dem deutschen Artenschützer besonders am Herzen. Viele Spezies sind vom Aussterben bedroht, der Klimawandel verändert das Leben auf der Erde.

In seinem Buch «Projekt Zukunft: Grosse Fragen, kluge Köpfe, Ideen für ein besseres Morgen» (272 Seiten, 20 Euro), das am 21. März im Penguin Verlag erschienen ist, hat Steffens über zehn wichtige Zukunftsthemen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gesprochen. Welches Thema den TV-Moderator am meisten bewegt und was er von Querdenkern hält, hat er im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news verraten. Zudem spricht Dirk Steffens über Anfeindungen, Heimweh und warum Reisen nicht schlecht für die Umwelt sein muss.

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In Ihrem neuen Buch «Projekt Zukunft» diskutieren Sie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über zehn wichtige Zukunftsthemen. Wie kam es dazu?

Dirk Steffens: Seit 30 Jahren treffe ich Forschende und lerne von ihnen all das, was ich für unsere TV-Dokus wissen muss. Aber in einem Dokumentarfilm ist nie genug Platz, um komplexe Zusammenhänge und längere Gedankengänge vollständig wiederzugeben. Dieser Zwang zur Kürze hat mich immer ein bisschen gequält. Ich wollte die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wenigstens einmal ausreden lassen...

Im Buch besprechen Sie Themen wie das Sterben der Ozeane sowie der Wälder, Seuchen und wann ein Mensch ein Mensch ist. Welches von den zehn Themen bewegt Sie am meisten?

Steffens: Das Artensterben, das schlimmste seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Es ist die grösste Herausforderung, vor der die Menschheit steht. Der Klimawandel stellt nur infrage, wie wir leben. Das Artensterben stellt infrage, ob wir leben.

Gerade in der Corona-Pandemie wurde die Wissenschaft von Querdenkern und Co. in ein schlechtes Licht gerückt, Experten und Expertinnen wurden sogar bedroht. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Steffens: Quer- und Verschwörungsdenkende sind im Grunde Systemfeinde, denn sie lehnen all das ab, was unsere Gesellschaft pluralistisch, frei und anpassungsfähig macht. Weil sie den Staat ablehnen, stellen sie die Glaubwürdigkeit seiner Institutionen infrage. Wer Universitäten, Behörden und seriöse Medien pauschal für unglaubwürdig hält, zimmert sich eine eigene Realität zurecht und sammelt sich dafür Quatsch-Fakten aus Quatsch-Quellen zusammen. Bei einer so komplizierten und schwer verständlichen Sache wie einer Viruserkrankung ist es für viele sehr schwierig, seriöse von unseriösen Informationen zu unterscheiden.

Umso wichtiger ist es, dass wir Journalisten und Journalistinnen unseren Job gut machen und verwirrten Querdenker-Seelen nicht allzu viel Raum in der Berichterstattung einräumen. Das führt nämlich zu nichts. Sie lassen sich von Sachargumenten meist nicht überzeugen und sorgen nur für unheilvolle Verwirrung. Wenn ein Querdenker erklärt, die Erde sei eine Scheibe und eine Geophysikerin erklärt, sie sei eine Kugel, dann liegt die Wahrheit nicht in der Mitte. Es ist deshalb ein journalistischer Kardinalfehler, absurde Ansichten zum Teil der öffentlichen Diskussion zu machen. Wir dürfen unsere Zeit nicht mit den Verwirrten verschwenden, weil wir Wichtigeres zu tun haben. Die Welt braucht mehr denn je Vernunft und Handlungsbereitschaft.

Haben Sie je mit derartigen Anfeindungen zu tun gehabt?

Steffens: Klar. Von Beleidigungen bis zu Morddrohungen ist alles dabei. Die Intensität schwankt dabei, je nach Thema. Die Klimawandelleugner hatten mich besonders auf dem Kieker, sind inzwischen aber relativ still geworden. Dafür machen nun Impfgegner mehr Lärm und haben sich neue Feindbilder gesucht, wie den Virologen Christian Drosten. Oft krakeelen dieselben Leute über verschiedene Themen. Sie regen sich mal über dieses, mal über jenes auf. Auch der Wahnsinn folgt dem Zeitgeist - Hauptsache dagegen.

Sie glauben also nicht, dass Leugner derartiger Probleme noch erreicht werden können?

Steffens: Oft leider nicht. Denn Systemgegner und -gegnerinnen, Querdenkende, Verschwörungsfreaks folgen der Ideologie, dass Staat und Institutionen prinzipiell lügen und zweifeln grundlos alle möglichen Fakten an. Da ist, fürchte ich, Hopfen und Malz verloren. Wir sollten uns besser fragen, wie wir diese kleine, aber laute Minderheit managen, anstatt unsere Energie mit fruchtlosen Bekehrungsversuchen zu verschwenden.

Auch den Klimawandel behandeln Sie in Ihrem Buch. Wieso verschliessen sich viele Menschen davor?

Steffens: Weil es einfacher ist, unangenehme Wahrheiten zu verdrängen, als sich mit den oft komplizierten und herausfordernden Lösungen zu beschäftigen. Wer sich gerne jeden Tag sein Schweinenackensteak auf den Grill legt, empfindet die wissenschaftliche Tatsache, dass der hohe Fleischkonsum in Deutschland mitverantwortlich für die Klimakrise ist, als bedrohliche Kritik an seiner Lebensführung. Und wenn wir ehrlich sind, hat jeder von uns Bereiche, in denen die Erkenntnisse der Klimaforschung schmerzhafte Selbstkritik erfordern.

Bei mir und meinem Job ist die Fliegerei zum Beispiel eine schwierige Frage. Mein Leben wäre einfacher, wenn ich behaupten würde, Fernflüge seien kein Problem für die Umwelt. Sind sie aber. Wenn sie dennoch notwendig sind, wird die Sache kompliziert, weil es keine einfachen Lösungen gibt. Aber genau danach suchen viele Leute.

Sie haben aufgrund Ihres CO₂-Fussabdrucks ein schlechtes Gewissen?

Steffens: Klar. Aber ich versuche, das zu minimieren, indem ich alle Flüge Klima-kompensiere. Wobei nicht reisen auch keine gute Lösung ist, wie wir in der Corona-Krise gesehen haben. Ohne den Fernflugverkehr und den Tourismus sind viele Naturschutzprojekte weltweit gar nicht finanzierbar. Der ökologische Gesamtnutzen von totalem Reiseverzicht ist fragwürdig.

Ihr Beruf bringt viele schöne Momente mit sich, birgt aber auch ein gewisses Risiko. Wie gehen Sie damit um?

Steffens: Das Gefährlichste an einer Expedition in den Dschungel ist die Autofahrt zum Flughafen. Wahrscheinlich sind die Gesundheitsrisiken bei 30 Jahren Bürostuhl deutlich höher als in meinem Job, der mit viel Bewegung und frischer Luft verbunden ist. Giftschlangen, Krokodile und Haie machen keine Jagd auf Menschen. Wobei, Krokodile manchmal schon. Das Leben ist lebensgefährlich - egal, was man macht.

Was vermissen Sie auf Ihren Reisen am meisten und was darf in Ihrem Koffer nie fehlen?

Steffens: Nach zwei Wochen bekomme ich immer Heimweh. Ohne ein paar gute Hörbücher gehe ich nie auf Reisen.

Was kann jeder Einzelne konkret tun, damit die nächsten Generationen weiterhin auf der Erde leben können?

Steffens: Wo immer möglich, eine Entscheidung pro Nachhaltigkeit treffen. Beim Essen, Reisen, Fahren, Heizen, Wohnen - einfach bei allem. Aber individuelles Ökoheldentum reicht nicht aus, um die Welt zu retten. Wir müssen auch die grossen Hebel umlegen, in der Energie- und Finanzpolitik etwa. Dafür braucht es auch eine neue Politik.

Von spot on news AG am 22. März 2022 - 16:00 Uhr
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