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Reportage aus Davos

Die fünf Gesichter vom WEF

Wenige Chinesen, keine Russen und gar kein Schnee auf den Strassen. Das diesjährige World Economic Forum spiegelt die weltweiten Umbrüche und Konflikte. Unterwegs mit Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko, Davos’ Stadtpräsident Philipp Wilhelm und dem Karikaturisten Patrick Chappatte.

WEF 2022, Davos, Schweiz, SI 21_2022,  Vitali Klitschko

Wichtige Mission: Vitali Klitschko mit seiner Sprecherin unterwegs in den Schweizer Bergen.

PASCAL MORA
Das kuriose WEF

Ein zwei Meter grosser Mann steht etwas verloren im Gang des Anmeldezentrums fürs WEF. Es ist Vitali Klitschko, 50, Bürgermeister von Kiew und einer der Stargäste in Davos. Ob man ihm ein paar Fragen stellen darf, bevor der Rummel draussen losgeht? Nach einer kurzen Absprache mit seiner Pressefrau (ganz in Pink) gibt er der Schweizer Illustrierten spontan ein kurzes Interview. «Wer denkt, dass dieser Krieg weit weg ist und einen nichts angeht, der täuscht sich gewaltig», sagt der Ex-Boxer. «Es geht hier um Werte. Wir Ukrainer wollen zur europäischen Familie gehören. Und Putin akzeptiert das nicht.»

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Die Ukraine sei ein Puzzlestück in Putins Vision, sagt Klitschko. «Wir wollen Demokratie, er Auto-kratie.» Klitschkos Botschaft an die Schweizerinnen und Schweizer ist deutlich: «Man kann nicht halb schwanger sein! Dieser Konflikt ist Schwarz oder Weiss. Entweder man unterstützt Russland – oder uns.» Und die Wirtschaftselite mahnt er: «Hört auf, mit Russland Geschäfte zu machen. Die benützen dieses Geld, um ihre Armee zu stärken.» Ein Rabbi kommt auf Klitschko zu, drückt ihm lange die Hand und sagt: «We are with you» – «wir unterstützen euch.» Dann müssen beide los. Am Mittag treten -Vitali und sein Bruder Wladimir, 46, gemeinsam auf – in einem seltsamen Rahmen. Doch dazu später. 

WEF 2022, Davos, Schweiz, SI 21_2022, Scharfschuetze

Strenge Sicherheitsvorkehrungen: Dieses Jahr war das WEF auffällig schwer bewaffnet.

© PASCAL MORA
Das wandelhafte WEF

Philipp Wilhelm ist 33, SP-Politiker und seit einem guten Jahr Stadtpräsident von Davos. Landammann heisst das hier. Auf dem Weg zu seinem Büro im Rathaus sieht er jeden Tag die gerahmten Fotos seiner Vorgänger. Vor wenigen Jahren stand Wilhelm ganz woanders: Er demonstrierte als Juso während des WEF. «Unter anderem durch diesen Anlass wurde ich als junger Mensch politisiert», sagt Wilhelm. «Wir führten damals Veranstaltungen durch, um auf Themen wie Klimaschutz hinzuweisen.» Auf dem Fenstersims liegt sein Velohelm. Und nun ist er Präsident von Davos und plötzlich in einer anderen Position.

 

WEF 2022, Davos, Schweiz, SI 21_2022, Philipp Wilhelm

SP-Landammann Philipp Wilhelm: «Die russische Flagge liegt jetzt bei uns in der Schublade.»

PASCAL MORA

«Als ich für das Amt kandidierte, überlegte ich mir gut, ob ich diesen Rollenwechsel machen möchte.» Aber man müsse auch sehen, «ich bin ja nicht der Chef des WEF». Dessen Durchführung stellt Wilhelm trotz seiner Vergangenheit nicht infrage, auch weil Abstimmungen immer gezeigt hätten, dass die Davoser Bevölkerung hinter dem Anlass stehe. Als SPler möchte er die Rahmenbedingungen des Grossanlasses verbessern: «Die ganzen Temporärbauten können wir zwar nicht verbieten, doch sie dürfen jetzt keine Ölheizungen mehr benützen.» Dann klingelt sein Telefon, es ist WEF-Direktor Alois Zwinggi. «Da muss ich rangehen», sagt Wilhelm und waltet seines Amtes.

WEF 2022, Davos, Schweiz, SI 21_2022, Vitali und Wladimir Klitschko

Vitali (l.) und Wladimir Klitschko vor ihrem Auftritt beim Open Forum in Davos. 

© PASCAL MORA
Das geschlossene WEF

Am Montagmittag brennt die Bergsonne auf die Firmenoberhäupter in Davos. Etwas abseits der Promenade befindet sich das Open Forum. Dessen Sinn ist es, Gäste und Bevölkerung
mitdiskutieren zu lassen, ganz ohne Badge um den Hals oder grosse Firma im Rücken. Die Klitschko-Brüder treten auf – vor einem halb leeren Saal. Der Eintritt ins offene Forum ist doch etwas komplizierter, als man meinen könnte. Fünf Tage vorher hätte man sich anmelden müssen, auch wenn noch nicht klar war, dass die bekannten Brüder zu Gast sein werden. So haben wohl manche Interessierte diese Gelegenheit verpasst, und die eindringlichen Worte der Klitschkos richten sich an zu wenige Zuhörer. «Wir kämpfen auch für euch und für die Zukunft eurer Kinder. Wir verteidigen die europäischen Werte. Bis wir sterben.» 

WEF 2022, Davos, Schweiz, SI 21_2022, Karrikaturist Patrick Chappatte

Mit scharfem Blick und schnellem Stift: Karikaturist Patrick Chappatte zeichnet seine Eindrücke des WEF.

PASCAL MORA
Das WEF als Karikatur

Patrick Chappatte, 55, ist einer der gefragtesten Cartoonisten der Welt. Er trifft uns am Dienstag, als es kalt und nass geworden ist. «Nicht, dass es mir noch auf die Zeichnungen regnet», sagt der in Genf lebende Künstler. Wir ziehen uns zurück in die Lobby des Hotels Steigenberger Belvédère, wo Chappatte uns ein paar seiner neusten Zeichnungen zeigt. Zu seinen Kunden gehören «Der Spiegel», «Le Temps» und «The Boston Globe». Er hat Zugang zum Kongresszentrum – was beobachtet er da? «Ich wandle durch die Welt meiner Cartoons und kann meine Charaktere für einmal live begutachten.»

WEF 2022, Davos, Schweiz, SI 21_2022, Karrikaturist Patrick Chappatte

Erkannt? Bundespräsident Ignazio Cassis in einer Skizze von Patrick Chappatte.

PASCAL MORA

Das WEF beginne jeweils mit einem Gottesdienst, sagt Chappatte. «Klaus Schwab ist der Pfarrer, und seine Rede ist wie eine Messe voller guter Absichten.» Aber dann komme nach dem Sonntag leider recht schnell der Montag. «Die Businessmänner gehen wieder arbeiten, der Gottesdienst ist vorbei.» 

Das absurde WEF

US-Schauspieler Liev Schreiber, 54, («Spotlight») ist extra angereist für einen Anlass im House of Ukraine. Schreiber war schon mehrmals in dem Land, aus dem sein Grossvater kommt.

WEF 2022, Davos, Schweiz, SI 21_2022, Schauspieler Liev Schreiber aus Hollywood USA

Der amerikanische Schauspieler Liev Schreiber flog nach Davos. 

Reuters

«Es bedeutet mir sehr viel, hier zu sein», sagt er vor der Veranstaltung zur Schweizer Illustrierten. «Mir ist wichtig, dass dieser Krieg nicht vergessen geht.» Bei der Diskussionsrunde wird auch ein ukrainischer Militärangehöriger zugeschaltet, per Videoanruf ist er auf einer grossen Leinwand zu sehen. Während er vom Kampf berichtet, klirren an der Bar im gleichen Raum die Gläser. 

Small Talk und Soldaten. Wein und Krieg. 

Am WEF geht alles nebeneinander, aber manchmal tuts weh. 

Immerhin: Die Fahne von Davos
ist blau-gelb, wie jene der Ukraine. Vielleicht ein Zeichen, das bleiben wird.

Von Lynn Scheurer am 27. Mai 2022 - 08:40 Uhr
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