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Biden trifft auf Putin

Genf wegen Präsidenten-Gipfeltreffen im Ausnahmezustand

Hochbetrieb vor dem heutigen Treffen von US-Präsident Joe Biden und dem russischen Staatschef Wladimir Putin. Was der historische Gipfel für Genf bedeutet. Und wer froh ist, wenn die beiden wieder abreisen. 

Genf, 8 juin 2021. Jürg Lauber Représentant permanent de la Suisse auprès de l'Office des Nations Unies et des autres. © Niels Ackermann / Lundi13

«Die ganze Welt schaut auf uns»: Jürg Lauber, Chef der Uno-Mission in Genf, auf der Place des Nations, dem internationalen Herzen der Stadt.

Niels Ackermann / Lundi13

Bei Jürg Lauber, 58, laufen die Drähte heiss: Bereits eine Woche vor dem Gipfeltreffen von US-Präsident Joe Biden, 78, und dem russischen Staatschef Wladimir Putin, 68, in der Genfer Villa La Grange nahm der Chef der Schweizer Uno-Mission in Genf auf der Place des Nations Telefonanrufe entgegen und schwärmt dazwischen von der positiven Stimmung in der Stadt. «Die Freude, dass die Schweiz zum Zug kommt, ist gross. Und ich bin überwältigt, wie die Leute mitziehen.»

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Klar seien nur drei Wochen Vorlauf sportlich gewesen, um einen solchen Gipfel zu organisieren. «Doch alle wissen: Wir schaffen das!» Für ihn sei der Dialog der beiden Grossmächte auch eine Bestätigung, wie wichtig es ist, sich physisch zu treffen. «Während 18 Monaten war das praktisch unmöglich.»

Genève, 8 juin 2021. Le Parc de la Grange est fermé jusqu'au 18 juin. 10 kilomètres de barrière ont été installées par la protection civile. Le parc voisin des Eaux-vives et son restaurant sont encore ouverts. © Niels Ackermann

Der Parc des Eaux-Vives ist bereits abgesichert.

Niels Ackermann / Lundi13

Signalwirkung für Genf

Lauber, der bis August 2020 als Chef der Schweizer Mission in New York tätig war, hat selber noch nie ein so grosses Treffen erlebt. «Die eindrücklichsten Gespräche meiner bisherigen Karriere waren jene zur Beilegung des Atomstreits mit dem Iran 2015 in Lausanne und Genf. Bis nach Mitternacht verhandelten die Aussenminister Irans sowie der Uno-Vetomächte, Deutschland und der EU – und erzielten am Schluss eine Einigung.»

Wo er beim Treffen zwischen Putin und Biden im Einsatz sein wird, sei noch nicht klar. «Sicher im Hintergrund.» Für das internationale Genf erhofft er sich eine Signalwirkung. «Wenn die ganze Welt zwei Tage auf uns schaut, wird sich das im Gedächtnis der Leute einbrennen.

Genève, 8 juin 2021. Vue du restaurant du Parc des Eaux Vives. Le Parc de la Grange est fermé jusqu'au 18 juin. 10 kilomètres de barrière ont été installées par la protection civile. Le parc voisin des Eaux-vives et son restaurant sont encore ouverts. © Niels Ackermann

In der Villa La Grange am Genfersee findet das Gipfeltreffen statt.

Niels Ackermann / Lundi13

Historisches Treffen

Wie damals, 1985, als der amerikanische Präsident Ronald Reagan und der sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow nur fünf Gehminuten vom Place des Nations aufeinandergetroffen sind: im Hotel Intercontinental. Das Treffen markierte einen ersten Schritt zur Überwindung des Kalten Krieges, die Schweizer Illustrierte widmete dem Ereignis einen Titel.

Der ehemalige Hoteldirektor Herbert Schott, 80, erinnert sich: «Das Intercontinental wurde für zwei Wochen zum Weissen Haus umfunktioniert.» Während der damalige US-Präsident im Hotel übernachtete, schlief Gorbatschow in der russischen Botschaft. «Allerdings besuchte er uns nach seinem Rücktritt immer wieder mal!»

SI Cover 1985 Gorbatschov und Reagan Treffen in der Schweizer

Im November 1985 reichen sich US-Präsident Ronald Reagan und Michail Gorbatschow in Genf die Hand.

Schweizer Illustrierte

Problemlos sichern

Der Grund, warum das Hotel, erbaut Anfang der 60er-Jahre, bei Staatschefs aus der ganzen Welt («etwa 300 waren zu Gast») so hoch im Kurs steht, ist die geografische Lage: «Das Intercontinental ist das einzige Hotel, das die Polizei problemlos sichern kann. Es liegt nicht am See, sondern fünf Minuten vom Flughafen entfernt.» Wo Putin nächtigen wird, ist hingegen noch unklar, man munkelt im «Four Seasons des Bergues».

Hoteldirektor Intercontinental Herbert Schrott mit Gorbatschov und Ehefrau Raisa ©ZVG

Herbert Schott, ehemaliger Direktor des Hotels Intercontinental, mit Raissa und Michail Gorbatschow.

ZVG

10 Kilometer Abschrankungen

Das hochkarätige Treffen, bei dem laut Weissem Haus «die gesamt Palette drängender Fragen» besprochen werden soll, findet in der Villa La Grange im Parc des Eaux-Vives statt. Der Park wurde im 16. Jahrhundert angelegt und zählt mit seinen alten Bäumen und der grossen Rosensammlung zu den schönsten in Genf.

Zahlreiche Sicherheitskräfte sind bereits seit Tagen vor Ort, der Zivilschutz montierte über zehn Kilometer Abschrankungen, während die Stadt die Zufahrtsstrassen neu gestaltet, damit rund 30 Autos der Delegationen parkieren können.

Genève, 8 juin 2021. Adrien Genier, directeur de Genève Tourisme. © Niels Ackermann / Lundi13

Von ihm gibts Schoggi und Bleistifte für die Delegationen: Tourismusdirektor Adrien Genier.

Niels Ackermann / Lundi13

Rund 3000 Leute vor Ort

«Der Park mit Blick auf den Genfersee ist eine grossartige Kulisse und unbezahlbare Werbung für unsere Stadt», freut sich Adrien Genier, 44, Tourismusdirektor von Genf, bei einem Kaffee auf der gegenüberliegenden Seeseite. Dank dem Gipfeltreffen herrsche in der von Corona schwer gebeutelten Hotellerie Aufbruchstimmung.

Laut gut unterrichteten Quellen reisen die Amerikaner mit 1000 Personen an, die Russen mit 800 – dazu kommen 1000 Journalisten. «Ich hoffe natürlich, dass ein Teil dieser Gäste später Genf erneut besucht», so Genier.

Genève, 9 juin 2021. Préparatifs pour le Sommet de Genève. En vue de la rencontre entre Biden et Poutine, une vingtaine d'organisations vont se réunir pour manifester le 16 juin. Au local du GSsA (Groupe pour une Suisse sans Armée), Tobias Schneebeli (gssa, urgence Palestine, parti du travail), Ynes Gerardo (collectifs solidarité latino) et Thomas Vachetta (solidarités) discutent de l'appel à manifester. © Niels Ackermann / Lundi13

Thomas Vachetta, Ynés Gerardo und Tobias Schnebli (v. r.) planen eine Demo gegen den Gipfel

Niels Ackermann / Lundi13

Demonstration geplant

Tobias Schnebli, 62, kann auf die Touristen gut verzichten. «Statt vom Treffen zu schwärmen, wollen wir die Staatschefs daran erinnern, dass sie ihre Verantwortung bei den grossen Konflikten auf der Welt wahrnehmen», sagt das Vorstandsmitglied von Schweiz ohne Armee in Genf. Schnebli will zusammen mit rund 20 Organisationen heute Mittwoch gegen 17.30 Uhr eine Demonstration vom Place de Neuve zur Place des Nations durchführen. «Noch steht die Bewilligung der Behörden aus.»

Bereits 1985 hat der Sohn eines Aargauers in Genf mit 30'000 Gleichgesinnten gegen die Grossmächte und die atomare Aufrüstung protestiert. «Leider sind die Themen heute noch dieselben. Und Biden führt bisher die Aussenpolitik seiner Vorgänger fort.»

Demonstration für Menschenrechte, Genf 1985

Proteste gegen den Gipfen von Gorbatschow und Reagan 1985 in Genf.

SI

Auch Giovanni Russo, 50, wird froh sein, wenn die beiden Staatschefs wieder in der Luft sind. Allerdings aus anderen Gründen. Der operative Chef des Flughafens Genf ist zusammen mit der internationalen Polizei für die Sicherheit zuständig. So muss er etwa dafür sorgen, dass nach der Landung keine direkte Sicht auf die Flugzeuge möglich ist.

Der gebürtige Berner versucht an verlässliche Informationen zu kommen. «Wann landen die beiden Präsidenten? Wie weit auseinander platzieren wir die Maschinen? Wird das Treffen unserer Bundesräte mit Joe Biden am Flughafen stattfinden?» Klar ist nur: Rund um die Abflugzeiten der präsidialen Maschinen wird der ganze Flughafen gesperrt sein.

Geneve, 8 juin 2021. Giovanni Russo, COO de Genève Aéroport. © Niels Ackermann / Lundi13

Wird den Empfang in Genf vom Operation Center überwachen: Flugplatzchef Giovanni Russo.

Niels Ackermann / Lundi13

Unsicherheit bis zur letzten Sekunde

Täglich um 17 Uhr tagt Russo mit Flughafenvertretern und der Polizei. Zudem ist er in Kontakt mit Verantwortlichen des Weissen Hauses und des Kremls, die ebenfalls ihre Wünsche anbringen. Sie bestimmen auch den Ort des Treffens, der bis zum letzten Moment noch ändern könnte. «Klar bin ich angespannt, aber schlaflose Nächte? Die habe ich zum Glück nicht.»

Von Jessica Pfister am 16. Juni 2021 - 06:09 Uhr
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