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  3. Heidi Klum: Shitstorm wegen neuer ProSieben Show Queen of Drags

Was ist denn da los?

Heidi Klum wird gehasst wie nie

Was sie anpackt, wird normalerweise zu Gold. Doch jetzt hat Heidi Klum wegen ihres neuesten Engagements ganz viel Hass am Hals. Ist Heidi haten jetzt plötzlich in?

PARIS, FRANCE - JUNE 30: Heidi Klum wears earrings, necklaces, a lustrous beaded and embroidered floral print pale-pink kimono-style long jacket, a black velvet belt, nacreous sequined deep blue  pants, outside AMFAR dinner, during Paris Fashion Week - Haute Couture Fall/Winter 2019/2020, on June 30, 2019 in Paris, France. (Photo by Edward Berthelot/Getty Images)

Heidi Klum zieht zurzeit den Zorn der Netzgemeinde auf sich. Woher kommt denn bloss dieser Hass? 

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Es gibt immer wieder berühmte Menschen, die kollektiv gehasst werden. Gwyneth Paltrow ereilte dieses Schicksal. Auch Anne Hathaway. Vermutlich könnte inzwischen auch Herzogin Meghan ein Liedchen davon singen. Üblicherweise trifft es Frauen. Und aktuell ist der Zorn der Netzgemeinde gerade über Heidi Klum hereingebrochen.

ProSieben stemmt mit «Queen of Drags» Ende Jahr das erste Queer-Format ins Programm und hat die Moderation der Klum’schen Expertise anvertraut. Die Queer-Community ist in Aufruhr. Eine Online-Petition der Berliner Szene-Grössen Ryan Stecken und Margot Schlönzke soll nun verhindern, dass sich die 46-Jährige durchs Programm piepst. Eine «heteronormative weisse Frau, die bisher keinerlei nennenswerte sichtbare Verbindung zur Drag-Community hatte» in der Front-Row ist eine der Kern-Begründungen für den Anti-Klum-Protest. 

14 Staffeln «GNTM» haben Spuren hinterlassen

Die Befürchtung, dass die deutsche Variante des in den USA wahnsinnig erfolgreichen Original-Formats «Ru Paul’s Drag Race» in Richtung «Germany’s Next Topmodel» abdriften könnte, ist sicher nicht ganz unbegründet. 14 Staffeln Model-Suche (wer fühlt sich nun auch ein bisschen alt?!?) haben die einst als These herumgereichte Tatsache, dass Drama und Gekeife der eigentliche Erfolgstreiber der Sendung sind, bewiesen. Und ja, man darf gerne darüber diskutieren, ob Heidi Klum jetzt wirklich die superideale Besetzung für einen der aktuell wohl spannendsten Moderationsjobs im deutschsprachigen Fernsehen ist. Tatsächlich gäbe es gerade im deutschen TV durchaus valable und «queerigere» Front-Faces für «Queen of Drags». Und wie die alljährliche «GNTM»-Final-Show zeigt, darf man hinter Klums Moderations-Talent im Live-Szenario durchaus ein Fragezeichen setzen.

DUESSELDORF, GERMANY - MAY 24: Heidi Klum during the Germany's Next Topmodel Finals  at ISS Dome on May 24, 2018 in Duesseldorf, Germany. (Photo by Florian Ebener/Getty Images)

Heidi Klum ist seit vierzehn Staffeln «GNTM»-Chefin.

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Wieso vergleicht man Äpfel mit Birnen?

Und doch gibt es ein riesengrosses «ABER»: Der Klum-Hass peakt gerade. Einmal hat sie auf einem Ferien-Schnappschuss aus Paris angeblich zu grosse Füsse, dann ist ihr Make-up doof, ihr Verlobter zu jung, ihre Stimme ist zu quietschig – you name it. Der neue Moderations-Job ist ein Hass-Moment unter vielen. Die Klammer – Klum-Hass ist jetzt in. Und das ist unanständig und eine Metapher dafür, was bei uns falsch läuft. Format-Kritik mischt sich mit persönlicher Beleidigung. Das ist wie wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht. Bisschen Primarschul-Niveau.  

Denn Hand aufs Herz: Ist es wahnsinnig neu, das Reality TV-Formate auf der geschickten Montage emotionaler Differenzen zwischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern basieren und – big News – gescripted sind? Auch wenn Bachelorettes und Bachelors noch weitere 300 Staffeln lang inbrünstig die Mär von der Suche nach der grossen Liebe herunterbeten wie ein nerviger Ohrwurm in der Endlosschleife – um wahre Liebe gings doch nie. Ähnlich fad wie «GNTM» das zwischenmenschliche Drama kultiviert, steht das Bachelor-Bachelorette-Balz-Szenario als neonfarbener Anachronismus in der Landschaft. Mit Heidis Füssen, ihrem Make-up oder der Wahl ihres Verlobten hat die Suche nach dem Sinn im modernen Reality-TV schlicht nix zu tun. 

Klum ist bezogen auf ihr Berufsleben ein (sehr erfolgreicher) Profi: Sie evaluiert Jobs, entscheidet sich für den einen oder anderen und ist in diesem Kontext vor allem eine berufstätige Frau. Dass die Kritik an ihren arbeitsrelevanten Entscheidungen dann aber in grenzenlosem Hass inklusive despektierlicher Kommentare gipfelt, das ist traurig. Und bringt eine ganz andere Debatte auf den Plan: Warum münden bei erfolgreichen Frauen (Politikerinnen, Entertainerinnen, Models...) kritisier- und diskutierbare berufliche Entscheidungen, die genug Stoff für objektive und kritische Analysen böten, so gerne in radikal persönliche Angriffe?  

Klum-Hass kaschiert viel wichtigere Debatten

Das ist doch die eigentliche Dummheit: Der aktuelle Klum-Hass kaschiert doch nur eine viel wichtigere Debatte. Denn – um wieder zurück zur angekündigten ProSieben Show zu kommen – wäre die Diskussion, weshalb es Ende 2019 werden musste, bis die Queer-Community im Mainstream-TV berücksichtigt wird, viel wichtiger. «Ru Paul’s Drag Race» ist in den USA seit 2008 auf Sendung. Und mit «Queer Eye» hat Netflix 2018 eine erstmals im Jahr 2003 im TV ausgestrahlte Sendung sehr erfolgreich reanimiert. Übrigens in beiden Fällen mit Queer-Persönlichkeiten im Lead. Wieso letzteres für ProSieben nur bei Nebenbesetzungen (Bill Kaulitz und Conchita Wurst sitzen neben Heidi) infrage kam, könnte man übrigens auch mal diskutieren. So als Talking-Point anstelle von Klums Füssen. 

Heidi Klum hat – wie Herzogin Meghan, Gwyneth Paltrow und Anne Hathaway – vermutlich das Pech, dass sie die Front-Frau einer diffusen Ansammlung von «Bauchgefühlen», dieser «also weisst du, die mag ich einfach irgendwie nicht»-Wolke ist. Die Klum, die mag man im Moment einfach nicht. Der Klum-Hass ist in. Und sehr einfach.

Von Bettina Bendiner am 2. Juli 2019