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Notfallstation für Wildtiere in Utzenstorf

Wo Spatz und Kröte ein zweites Leben geschenkt kriegen

Hier werden die wildesten Patienten der Schweiz verarztet. Die Wildstation Landshut in Utzenstorf BE ist Notaufnahme für Spatz, Kröte, Hase & Co. Eine Chefärztin mit nützlichem Namen, Flugschule für «Fledis» und was Opfercode 2.2 bedeutet.

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Stichprobe: Tierärztin Angela Gimmel untersucht einen kranken Igel, der eben abgegeben wurde.

Remo Nägeli

Die Katze wars. «Der grösste Räuber, der unsere Wildtiere jagt», sagt die Tierärztin hinter ihrer OP-Maske. Sie spreizt die Finger in blaue Nitrilhandschuhe und büschelt den ersten Patienten an diesem Morgen auf den Schragen.

Ein Patientchen. Ein Spatz, wenige Tage alt, 11,6 Gramm. Er wurde am Empfang der Wildstation abgegeben. Der Überbringer machte ein Gesicht, als sei er mitschuldig an dessen Zustand. Sein Büsi habe das Vögeli heimgebracht. Ein Satz, den die Tierärztin ein paar hundert Mal im Jahr hört: Die Katze wars. In den Patientenakten hat diese Art von Verletzung einen eigenen Code: 2.2 – Katzenopfer.

 

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Die Maske ist grösser als der Patient. Dr. Eulenberger verabreicht dem Jungspatz ein Narkosegas.

Remo Nägeli
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Der Spatz hat Hämatome an Bauch und Beinen. Die Bisse am Hals scheinen der Tierärztin problematisch. Ist die Speiseröhre verletzt? Eine Sonde soll Gewissheit bringen, sie wird in die Speiseröhre des Vogels eingeführt. Dieser wird mit Isofluran-Gas sediert. Was für ein Bild … Der Narkoseschlauch ist grösser als der Patient. Der Spatz guckt in die Röhre, macht drei Atemzüge, dann klappt der gelbe Schnabel zu.

Macht das Sinn? Wildbiologisch, veterinärmedizinisch, ökonomisch betrachtet? Der ganze Aufwand für einen verletzten Jungspatz, der in seiner natürlichen Umgebung sterben würde? «Es ist mein Beruf, jedem Tier in Not zu helfen», sagt die Veterinärin, «auch wenn es bei manchen bedeutet, dass ich sie einschläfere.»

Die einzige Notaufnahme für Wildtiere

Die Tierärztin, die Chefin. Seit elf Jahren hier. 41 Jahre alt, Fachausbildung für Zoo-, Gehege- und Wildtiere. Trägt eine Mammut-Weste, einen Rossschwanz und einen Namen, den die Bewerbungskommission einer jeden Wildstation verzückt: Dr. med. vet. Ulrike Eulenberger.

Die Wildstation Landshut in Utzenstorf BE ist die Notaufnahme für einheimische Wildtiere. Auf einem 16000-Quadratmeter-Gelände hat die grösste und einzige Einrichtung dieser Art ihre Gehege, Volieren und Gebäude für die medizinische Betreuung und Intensivtherapie der Tiere.

«Jedes kranke Büsi kriegt Hilfe. Aber niemand will für Igel, Amsel und Iltis zahlen»

Dr. Ulrike Eulenberger

Jährlich werden 2000 wilde Patienten, mehr als 120 verschiedene Arten, notfallmässig versorgt. Die Tiere sind verletzt, krank oder verwaist. Adler, Erdkröte, Biber, Singvogel oder Blindschleiche – hier werden sie behandelt und nach ihrer Genesung wieder ausgewildert. Die Wildstation ist eine Stiftung und finanziert sich allein über Spendengelder.

Der Spatz wird überleben, seine Speiseröhre ist intakt. Dr. Eulenberger vernäht die Bissrisse am Hals. Filigranarbeit. «Sie sollten im Gegensatz dazu sehen, wie ich den Knochenbruch eines Adlers richte. Das ist Schlosserarbeit.» Der Spatz erhält auf einem Wärmekissen simulierte Nestwärme. Minuten später erwacht er und schnabuliert Mehlwürmer, die ihm die ehrenamtliche Pflegerin per Pinzette reicht.

Eine Voliere für die Vögel

Annette Arriëns, 59, trägt eine thunfischrote Jack-Wolfskin-Jacke und immer mittwochs die Verantwortung für die Vogelfütterung. Sie ist eine von 20 Freiwilligen, die die sieben Festangestellten (Ärztin, Biologin, Tierpflegerinnen und -pfleger) tageweise ergänzen.

Um sie herum reihen sich Volieren mit Patienten. Bachstelzli, Blaumeise, Drossel, Rotschwanz, Kohlmeise, viele davon 2.2er. Katzenopfer. Vögel füttern setze viel Wissen voraus, erklärt Frau Arriëns. Blaumeisenjunge beispielsweise sollten jede halbe Stunden gefüttert werden, und man müsse wissen, warum Grün- und Distelfinke Würmer und Maden verschmähten. «Weil sie Vegetarier sind», doziert die Pflegerin und pinzettelt dem Neueintritt Spatz einen Mehlwurm in den Schnabel.

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Eine Katze hat diesen Jungspatz gebissen. Unter Narkose werden seine Wunden am Hals genäht. 

Remo Nägeli

Sieht schon cheibe herzig aus, wie da so ein Piepmatz … «Nein, sagen Sie es nicht!» Dr. Eulenberger bittet nachdrücklich darum, das Wort «aufpäppeln» zu vermeiden. Das töne so rührselig, verharmlosend; es klinge nach Streichelzoo und verleite zu falschen Schlüssen. «Die Distanz den Wildtieren gegenüber ist wichtig. Zum einen wollen wir nicht, dass sie zahm werden, zum anderen meinen die Leute sonst, ein verletztes Wildtier lasse sich daheim mühelos pflegen.»

Schon die Eltern waren Tierärzte

Ulrike Eulenberger stammt aus Deutschland und sagt von sich, sie sei «berufsmässig fehlgeprägt». Beide Elternteile sind Tierärzte; der Papa im Zoo Leipzig, wo das Mädchen mit den Tieren aufwuchs.

Und warum, Frau Eulenberger, die Schweizer Wildstation Landshut? «Ich möchte die Welt ein klein wenig besser machen», sagt sie. Und wird dann erstaunlich direkt. Spricht über unsere Luxus-Dekadenzgesellschaft, wo der Tierarzt einem Labrador ein künstliches Hüftgelenk einsetzt oder dem Pudel die Ohren putzt – und damit sehr viel Geld verdient. Sich Luxus leisten kann. Sie nennt dieses Kuriosum das Pudel-Porsche-Prinzip. Nichts für Dr. Eulenberger. «In unserer Stiftung hingegen geht es um Ökologie, Naturschutz, das ist genau mein Ding.»

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Immer im Schuss: Der Job von Dr. Eulenberger ist eine 365-Tage-Tätigkeit.

Remo Nägeli

Sie eilt durch die Abteilungen, vorbei an Patienten in Boxen und Käfigen: da fünf Turmfalken-Waisenküken («die Mutter lag tot unter dem Nistkasten»), dort eine Waldohreule in der riesigen Flugvoliere, vorbei am Kühlschrank (darauf die Notiz «Bitte sparsam mit Mehlwürmern»), hier ein Hermelin mit Bisswunden. «Auch das hat Katzenopfercode 2.2», sagt die Ärztin. Scheibenopfer übrigens haben Code 2.1, Hundeopfer 2.3, Stromleitung 2.7, Schussverletzungen 2.8.

Im nächsten Raum wird geflüstert. «So sensibel ist das Gehör dieser Wesen», sagt Eulenberger. In den Boxen an den Wänden hausen Fledermäuse, viele davon Babys, Einfränkler-gross, klammern sich kopfüber an weisses Tuch. Zwergfledermäuse, Mückenfledermäuse und ein seltenes Braunes Langohr. Und bei fast allen: Code 2.2.

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Diese Fledermaus (Braunes Langohr) wird mit Milch, die sonst für die Welpenaufzucht verwendet wird, geschöppelt.

Remo Nägeli

Mit Wattestäbchen untersucht Dr. Eulenberger die entzündeten Gelenke, gebrochenen Finger, Löcher und Risse in der Flughaut. Am Raumende führt eine Tür zur Flugschule. Ein zehn Meter langer, grüner Tunnel, wie ihn Gärtnereien als Gewächshaus verwenden. Hier lernen die geheilten «Fledis», wie sie intern heissen, wieder fliegen.

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Diese Waldohreule war lange verletzt. In der Grossvoliere lässt Dr. Eulenberger sie nun Flugmanöver trainieren.

Remo Nägeli

Ein krankes Büsi kann beim Tierarzt Tausende Franken kosten, die Besitzerin berappt das gern für ihren Liebling. Aber niemand zahlt für Igel, Feldhase, Uhu & Co. Darum braucht es die Wildstation Landshut. Alles zum Wohl der Wildtiere; logisch, dass da keine Spitzengehälter bezahlt werden können. «Wer zu uns kommt, um Geld zu verdienen, wird bald wieder gehen», sagt Eulenberger. «Dafür macht unser Job hier so viel Sinn.» Sie und ihr Team verkörpern den Gegenentwurf des Pudel-Porsche-Prinzips.

Bis zu 900 Igel pro Jahr

An der Pforte wird ein Igel abgegeben. Dr. Eulenberger und Mitarbeiterin Dr. Angela Gimmel schnüffeln am Tier. «Es füchselt!» Der typische Geruch, wenn ein Fuchs zugebissen hat. Der Igel ist in sehr schlechtem Zustand, er bewegt sich kaum, ist abgemagert, Fliegeneier kleben an ihm. Er igelt sich ein.

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Ein Igelkind braucht Hilfe. Um die Tiere unterscheiden zu können, werden sie mit farbigem Nagellack markiert.

Remo Nägeli

Um ihn zu untersuchen, wird er mit Gas narkotisiert. Ein kurioses Bild, wie Dr. Gimmel das Schlauchende in den Stachelknäuel stochert … Später werden Herz und Lunge abgehorcht, die mikroskopische Untersuchung des schleimigen Kots zeigt, dass sich Lungenhaarwurm-Eier in der Lunge eingenistet haben. Der Igel wird sterben.

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Während Tierärztin Dr. Gimmel (l.) den Igel mit Gas narkotisiert, horcht Dr. Eulenberger dessen Herztöne ab.

Remo Nägeli

Dr. Eulenberger erlöst ihn mit einer Injektion ins Herz. Und dann sagt sie etwas erstaunlich Unwissenschaftliches: «Ich kann fühlen, ob ein Tier noch einen Überlebenswillen hat oder nicht. Dieser Igel hier wollte nicht mehr.»

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Am Empfang wird ein verletzter Igel abgegeben. Über 900 von ihnen werden pro Jahr auf der Station gepflegt.

Remo Nägeli

Bis zu 900 Igel im Jahr werden in der Wildstation behandelt. «Diese Individuen haben eine krasse Toleranzgrenze», erzählt Dr. Eulenberger. «Was wir da alles auf den Schragen bekommen … Offene Brüche, von Fadenmähern wegrasierte Beine, weit aufklaffende Schädel; unglaublich, wie zäh Igel sind.»

Und sie erzählt von einem besonders schlimmen Fall, wo ein Igelkind mit dem Kopf in eine Sektkorkendraht-Schlinge geriet, nicht mehr herauskam, und der Draht im Laufe des Jahres den wachsenden Kopf einschnürte und deformierte. «Bei aller professionellen Distanz: Aber da wird auch mir anders.»

«Wer zu uns kommt, um Geld zu verdienen, wird bald wieder gehen»

Dr. Ulrike Eulenberger

Für die Wildstation zu arbeiten, sei ein echtes Abenteuer, sagt Dr. Eulenberger. Arbeit rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Dazu der Druck, für die rein spendenfinanzierte Stiftung immer genügend Geld aufzutreiben. Anderswo wäre eine Veterinärin mit ihrem Lebenslauf eine Menge Geld wert. Sie lacht tonlos und sagt: «Die Wildtiere sind mir so viel wichtiger, und bei Ausflügen in die Berge genügt mir mein Occasions-Volvo-Kombi, in dem ich übernachten kann.» Sie lebt nach dem Igel-Volvo-Prinzip. 

Von Marcel Huwyler am 03.09.2020
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