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«Frauen müssen Priester werden können!»

Drei Frauen fordern den Papst heraus

«Unsere Kirche steht in Flammen.» Drei Katholikinnen fordern Papst Franziskus heraus – in Kirche, Kloster und TV. «Frauen müssen endlich Priester werden können!»

Priorin Irene Gassmann Kloster Fahr
Priorin Irene, 54, Kloster Fahr AG: «Unrecht geschieht, Macht wird missbraucht.» Joseph Khakshouri

Die selbstbestimmte Schwester

Das Kloster betrat Irene Gassmann nicht als Nonne, sondern als Lernende. Während ihrer Ausbildung zur Bäuerin sah sie die Schwestern in ihren langen Gewändern durch den Hof des Klosters Fahr gehen. «Ich dachte mir: Das ist ein gutes Leben. Zeit für die Landwirtschaft und Zeit für den Herrgott.»

Also wartet Gassmann auf ein Zeichen Gottes, auf ihre Berufung. «Aber es kam nichts!» Sie lacht herzlich. «Ich wartete und wartete.» Schliesslich nimmt sie die Entscheidung selbst in die Hand. Seit 33 Jahren lebt Irene Gassmann nun als Nonne im Kloster Fahr, das unweit von Zürich an der Limmat liegt.

Von den 19 Benediktinerschwestern wurde sie zur Priorin gewählt, also zur Klosterleiterin. Doch seit einiger Zeit lässt Priorin Irene auch ausserhalb der Klostermauern von sich hören: Öffentlich kritisiert sie die Kirche. «Diesen Schritt habe ich mir gut überlegt», sagt Gassmann, während sie durch die Gänge führt, in denen es nach frischem Brot riecht.

Priorin Irene Gassmann
Kloster-Chefin: «Der Zölibat erfüllt mich!», sagt Priorin Irene. «Aber er sollte für Priester freiwillig sein.» Joseph Khakshouri

«Die Unterstützung der Mitschwestern ist mir dabei sehr wichtig.» Als Priorin leitet Irene Gassmann  eine kirchliche Gemeinde und hat viel Spielraum. «Auch deshalb dachte ich lange, es gäbe keinen Grund, sich zu beschweren.» Doch sie stört, wie sehr die katholische Kirche «von Männern dominiert» und «auf Priester  fixiert» ist.

2016 macht sie eine Pilgerreise nach Rom, um mehr Gleichberechtigung zu fordern. Papst Franziskus empfängt sie nicht. «Er tut viel Gutes in der Welt, aber Frauen sind nicht seine erste Priorität.» Im Februar lanciert Priorin Irene das «Gebet am Donnerstag», das seither jede Woche im Kloster Fahr und in Dutzenden Kirchen gebetet wird. Sie ist überzeugt, dass es etwas bewirkt.

«Gott, du unser Vater und unsere Mutter», heisst es im Gebet, «Frauen und Männer sind durch die Taufe gleich- und vollwertige Mitglieder der Kirche.» Darum brauche es endlich flachere Hierarchien. «Auch Ordensschwestern sollten gewisse Sakramente wie die Krankensalbung spenden dürfen. Die Kirche muss durchlässiger werden.» Statt auf ein Zeichen des Papstes zu warten, nimmt Priorin Irene die Dinge selbst in die Hand. Und ist sicher: «Wir stehen am Beginn einer neuen Epoche.»

Die TV-Theologin

Als 20-Jährige hat Veronika Jehle eine seltene Chance. 2005 erfährt die Theologiestudentin in Rom, dass ein befreundeter Bischof aus Österreich eine Messe im Petersdom halten wird. «Ich fragte, ob ich ministrieren darf.» Der Bischof ist einverstanden, doch im Vatikan ist man auf eine Messdienerin nicht vorbereitet. «Niemand wusste, was ich anziehen soll», sagt Jehle lachend, «am Schluss gab man mir einfach irgendein langes weisses Gewand.»

Veronika Jehle
Veronika Jehle, 33, «Wort zum Sonntag» und Seelsorgerin: «Die Verteufelung der Sexualität hat vielen Menschen Angst eingejagt.» Joseph Khakshouri

Auf Männer ausgerichtet – das sei die katholische Kirche viel zu oft, sagt die neue Sprecherin vom «Wort zum Sonntag». «Aber früher fiel mir das nicht auf.» Jehle wuchs in Wien auf, spricht aber keinen breiten Dialekt. «Während des Studiums ärgerte sich meine beste Freundin darüber, dass nur Männer Priester sein dürfen.» 

Jehle selbst könnte sich vorstellen, einmal Diakonin zu werden. Ein Diakon kann offiziell das Evangelium im Gottesdienst vortragen. Ob sie das als Frau irgendwann auch darf, weiss sie nicht. Bis es so weit ist, nutzt die 33-Jährige ihre Plattform als neue Sprecherin vom «Wort zum Sonntag».

Ihre fünfte Sendung widmet sie dem Thema Missbrauch. «Jesus zeigt: Der einzelne Mensch ist mehr wert als jede Struktur.» Die Reaktionen auf die Sendung seien gut gewesen. «Auch meine Mutter, die sich ein wenig Sorgen machte, weil ich heikle Themen anspreche, sieht dies nun positiv.» 

Im Kantonsspital Winterthur und in der Klinik Susenberg arbeitet Jehle als Seelsorgerin. Dabei trifft sie auch Opfer von «spirituellem» Missbrauch. «Mit der Hölle und der Verteufelung der Sexualität wurde früher vielen Menschen Angst eingejagt.» Umso mehr sei es endlich Zeit für eine menschenfreundliche Kirche – «die von Frauen mitgestaltet wird!». Das nächste «Wort zum Sonntag» nimmt Veronika Jehle am Frauenstreik-Tag auf.

Die rege Reformatorin

Liest der Papst eigentlich seine Post? Falls ja, bleibt ihm der Brief von Franziska Driessen-Reding wohl in Erinnerung. «Die katholische Kirche steht in Flammen» – so beginnt der Text, den die Präsidentin des Zürcher Synodalrats am 4. April in den Vatikan schickte.

Franziska Driessen
Franziska Driessen, 49, Präsidentin Zürcher Synodalrat: «Wir stehen wieder am Vorabend der Reformation.» Joseph Khakshouri

In dem offenen Brief fordert Driessen den Papst auf, den Frauen Leitungsfunktionen zu übertragen und sich für eine «lebensnahe kirchliche Sexualmoral» einzusetzen. Denn: «Eine verdrängte und unreife Sexualität ist der Boden, auf dem der Missbrauch gedeiht.»

Die Lage der Kirche sei so kritisch wie am Vorabend der Reformation vor 500 Jahren, schreibt die 49-Jährige. «Bisher habe ich noch nichts von Papst Franziskus gehört», sagt Driessen. Dafür hat ihr Brief in der Schweiz für Wirbel gesorgt.

«Manche halten mich vielleicht für einen Haudegen und denken, ich sollte mich nicht in theologische Themen einmischen.» Als Präsidentin des Synodalrats ist Franziska Driessen die höchste Zürcher Katholikin. Sie entscheidet mit, wofür die kirchlichen Gelder verwendet werden – und ist die erste Frau in diesem Amt.

Doch Budgetplanung ist der ehemaligen Hauswirtschaftslehrerin und dreifachen Mutter aus Opfikon ZH nicht genug: Sie will das Image der Kirche verbessern. «Als Katholiken müssen wir uns oft rechtfertigen. Wir werden ständig gefragt, wie wir die Kirche nach all den Skandalen noch verteidigen können.»

Ein Austritt kommt für Driessen nicht infrage. «Hier in der St.-Anna-Kirche wuchs ich auf, habe ich geheiratet. Ich will die Kirche von innen verändern.» Ihr Vorschlag: Jeder, der für die Kirche arbeitet, muss einen Strafregisterauszug vorweisen. Und zwar nicht nur Priester, auch Freiwillige, die ein Jugendlager begleiten.

«Es klingt hart, ich weiss», sagt Driessen, «aber die Kirche hat sich selber in diese Lage gebracht. Jetzt müssen wir uns selbst wieder daraus befreien.» Zu Driessens liberalen – oder wie sie sagt menschenfreundlichen» – Forderungen gehört auch: Pflichtzölibat abschaffen und Frauen die Priesterweihe ermöglichen. «Vor Kurzem rief mich ein alter Pfarrer an und gratulierte mir zum Brief», sagt Driessen. Bleibt abzuwarten, wie der Mann im Vatikan reagiert. 

Von Lynn Scheurer am 10. Juni 2019