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Mit der Rolle als «tapfereHanna» eroberte Gardi Hutter in den letzten vierzig Jahren die Bühnen der Welt. Anlässlich des Jubiläums besucht die 68-Jährige Clownin mit der Schweize Illustrierten den Parco Chiesa Rossa in Mailand, wo alles begonnen hat. Sina Albisetti
Verfilztes Haar und rote Nase

Gardi Hutters Clownin Hanna wird 40

Vor 40 Jahren bringt Gardi Hutter in einem verlotterten Park in Mailand erstmals Zuschauer zum Lachen. Mit verfilztem Haar, roter Nase und dickem Bauch schafft sie es zu Weltruhm. Eine Reise an den Ort, wo alles begann

Gedankenverloren lehnt Gardi Hutter, 68, an der Backsteinmauer des Giardino Aristide Calderini und blinzelt in die Morgensonne. Der kleine Park liegt nur zwei Gehminuten vom Hotel Mokinba entfernt in einer Seitengasse, doch mitten im Herzen der Mailänder City. Die lombardische Millionenmetropole markiert vor 40 Jahren einen markanten Wendepunkt im Leben der Clownin. Noch als 21-Jährige hatte sie an der Schauspiel Akademie in Zürich zu hören bekommen: «Sie haben Talent, aber sie sind klein. Sie werden nie eine Hauptrolle spielen.»

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Damals herrscht das Credo: Frauen sind tragisch, Männer sind komisch. Gardi Hutter schmunzelt heute darüber, hat sie doch alle eines Bes- seren belehrt. Mit ihrer Bühnenfigur Hanna bringt es die Schweizerin zu Weltruhm. In Argentinien, Brasilien, Peru, Bolivien, Frankreich oder China wird ebenso über die Clownin mit verfilzten Haaren, roter Nase und dickem Bauch gelacht wie in New York. «Ich setzte alles auf eine Karte, riskierte, total zu scheitern», sagt Hutter. 

Gardi Hutter, geboren in Altstätten, le 5 mars 1953, est une clown et une humoriste suisse. Milan mai 2021

Nachdenklich: Gardi Hutter im Giardino Aristide Calderini im Mailand. 

Nicolas Righetti/ Lundi13

Im Parco Chiesa Rossa steigt am 22. Mai 1981 ein Frühlingsfest. Die Grünanlage am südlichen Stadtrand von Mailand ist damals nichts weiter «als eine heruntergekommene, verdreckte Hundewiese». Grad rechtzeitig ist ihr erstes Soloprogramm «Giovanna d’ArPpo» («Die tapfere Hanna») fertig geworden. Gardi ist nervös und angespannt, kann keine Sekunde still sitzen, tigert auf und ab. Wie wird das Publikum reagieren? Kann sie die Festivalbesucher zum Lachen bringen?

Drei Jahre harter Arbeit liegen hinter ihr, dazu viele Entbehrungen. Falls sie scheitert, will sie eine Schreinerlehre absolvieren – und das Künstlerleben für immer hinter sich lassen. Als unförmige kleine Wäscherin kämpft die Clownin wie eine Löwin mit dem Schwert gegen den Wäschehaufen – und geht am Ende als strahlende Heldin im Waschtrog unter.

1981 Durchbruch Gardi Hutter als Clownin Hanna

Wagemutig: Am 22. Mai 1981 tritt Gardi erstmals als tapfere Hanna in einem Park in Mailand auf. 

ZVG

«Selbst gewählte Armut ist eine schöne Armut»

Grosser Jubel nach der Open-Air-Aufführung. Gardi ist erleichtert, glücklich – und Plan B, die Schreinerlehre, ist schnell vergessen. «Ich wäre wohl eher eine Kreativschreinerin geworden.» An ihren Bühnenbildern legt sie auch heute noch selbst Hand an. Gardi begeistert mit dem ersten Auftritt nicht nur das Publikum, sondern überzeugt auch drei Theaterdirektoren vor Ort mit ihrem Können. Sie engagieren die Clownin vom Fleck weg, und als sie fragen, was denn ihre Aufführung kostet, antwortet sie spontan, aber unvorbereitet: «300 000 Lire.» Umgerechnet waren das 500 Franken. Als sie die zufriedenen Gesichter ihrer künftigen «Manager» sieht, schiebt sie schnell hinterher: «Plus 50 000 Lire Spesen.» Jahrelang hat sie bis dahin von der Hand in den Mund gelebt, sich als «Lehrtochter» in kleinen Rollen beim Schweizer Fernsehen an der Seite von Ruedi Walter hin und wieder ein Zubrot verdient.

«Selbst gewählte Armut ist eine schöne Armut», sagt Hutter, als sie vom Stadtpark des Mailänder Stadtschlosses Castello Sforzesco die Via Dante entlang zu einer Gelateria schlendert. Einer der vielen Rosenverkäufer erregt ihre Aufmerksamkeit. «Wenn du es dir selbst erwählt hast, arm zu leben, ist das Luxus und hat nichts mit der Misere und dem Elend wirklich armer Menschen zu tun.» Viel Geld zu verdienen, sei nie ihr Lebensziel gewesen.

Zwei Jahre lang hausen Gardi und ihr Partner Ferruccio Cainero, der Vater ihrer Kinder Juri, heute 35, und Neda, 31, Ende der 1970er-Jahre in einem Wohnwagen in Mailand. «Wir waren jung, arm und voller Ideen.» Ferruccio, heute 68, führt Regie in Gardis erstem Soloprogramm. Weil er viel beschäftigt ist und nur in Pausen Zeit findet, bietet Gardi ihm als «Bezahlung» einen Tauschhandel an. Sie erledigt einen Monat lang die Hausarbeit allein: Küche, Wäsche, Putzen. Trotz ihrem auch finanziellen Erfolg hat sich Gardi bis heute die Vorstellung erhalten, sie könnte auch wieder arm leben, wenn sie müsste. «Aber es ist bequemer, Geld zu haben. Und komfortabler.»

Gardi Hutter, geboren in Altstätten, le 5 mars 1953, est une clown et une humoriste suisse. Milan mai 2021

Neugierig: Die Mailänder Presse lobte Gardi einst überschwänglich.

Nicolas Righetti/ Lundi13

Kugelrunde Frau

«Paolo? Paolo, come stai?», ruft Gardi plötzlich quer über die Via Brera. Paolo Zenoni, 73, ist einer der drei Theaterdirektoren, die Hutter und ihre «Hanna» vor 40 Jahren entdeckten und engagierten. «Ich habe ihm so viel zu verdanken. Er ist quasi eine Art Geburtshelfer.» Sie umarmen sich innig, Corona-konform mit Maske. Zenoni lehrt heute an der weltberühmten Mailänder Kunstakademie Brera; er lässt es sich nicht nehmen, Hutter persönlich durch den Palazzo di Brera zu führen. Beide haben viel zu erzählen. Zenoni hatte tags zuvor alte Zeitungskritiken hervorgekramt, in denen Gardi auf der Bühne des Centro di Ricerca per il Teatro in der Komödie «Die Ritter» des griechischen Dichters Aristophanes als verprügelte Sklavin zur Entdeckung des Abends avanciert war.

Als «bravissima ragazza svizzera» wurde Hutter für diese Nebenrolle gefeiert, ihre unwiderstehliche, tollpatschige und herrlich komische Art gelobt. «Il Gazzettino» bezeichnete Hutter als «magischen Windstoss». So sehr sie das Lob freut, etwas anderes an diesem Abend wird für Hutter zum Meilenstein auf ihrem Weg zur Clownin. «Mir wurde klar, da funktioniert etwas. Mich als kleine Dicke, meine Schnelligkeit und nervigen Bewegungen findet das Publikum komisch.» Und noch etwas findet sie an diesem Abend: die Urform für ihre bis heute so charakteristische Clown-Silhouette – die kleine kugelrunde Frau.

Gardi Hutter Buchcover trotz allem
HO

Das Buch zur Clownin

Die tapfere Hanna kennt man auf Bühnen rund um den Globus. Doch wer ist die Frau hinter der roten Nase und unter der Wuschelperücke? Gardi Hutter hat Autorin Denise Schmid für die Biografie «Trotz allem. Gardi Hutter» ihr Archiv und ihr Herz geöffnet und offen und humorvoll aus ihrem Leben erzählt. Höhenflüge und Tiefpunkte Revue passieren lassen – und dazu erstmals detailreich verraten, wie ein Bühnenstück entsteht.

Gardi Hutter, geboren in Altstätten, le 5 mars 1953, est une clown et une humoriste suisse. Milan mai 2021

Verbunden: Mit Paolo Zenoni, einem ihrer Entdecker, pflegt Hutter bis heute eine tiefe Freundschaft

Nicolas Righetti/ Lundi13

Rheintaler Mädchen

Gardi, im Rheintal aufgewachsen, parliert munter Italienisch mit Paolo. Als sie vor über 40 Jahren in Mailand ankommt, radebrecht sie nur ein paar Brocken. Um schnell die Sprache zu lernen, studiert sie Grammatikbücher, liest «Paperino» – italienische Donald-Duck-Comics – und Tex-Willer-Italowestern. Sie lacht noch heute darüber. «Aber um gesprochenes Alltags-Italienisch zu lernen, wars das Beste und Vergnüglichste.»

Mit dem Tram ist Gardi unterwegs ins Quartier Navigli. Bei einem Aperol lässt sie den Tag ausklingen, stösst auf ihren Erfolg an. Vor 40 Jahren notierte sie noch verzweifelt in ihr Notizbuch: «So unangenehm es ist, so muss die Mehrheit der Menschen akzeptieren, zum glück- und ruhmlosen Teil der Menschheit zu gehören.»

Gardi Hutter, geboren in  Altstätten, le 5 mars 1953, est une clown et une humoriste suisse. Milan mai 2021

Glücklich und zufrieden: Gardi Hutter brachte bisher Menschen in 35 Ländern zum Lachen. 

Nicolas Righetti/ Lundi13

«Erfolg ist die Ausnahme»

Gardi Hutter hat als «Hanna» ihre Hauptrolle gefunden, ist erfolgreich und berühmt geworden. Bescheiden sagt sie: «Erfolg ist die Ausnahme, die Regel ist leider das Scheitern. Ich lebe bis heute sehr gefährlich.» Doch Gardi ist mutig – und die tapfere Hanna

Von René Haenig am 10.06.2021
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