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QUER DURCH DIE SCHWEIZ

Gilles Marchand: «Ich fühle mich überall zu Hause»

Für seinen Job ist Gilles Marchand nach Bern gezogen. Beim Besuch in seiner Waadtländer Heimat kämpft der SRG-Generaldirektor gegen Clichés, verrät seine Lieblingsrebsorte und erzählt, wen er am meisten vermisst. Etappe 9: Montreux - Lausanne.

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Kosmopolit: In Paris so zu Hause wie im Waadtland und in Bern. Gilles Marchand vor dem Schloss Chillon südöstlich von Montreux.

Remo Naegeli

Gilles Marchand, 57, blickt am Schloss Chillon vorbei über den spiegelglatten Lac Léman. Das Ufer am Horizont ist derart verblasst, dass der See wie ein von Bergen umrahmter Ozean wirkt. «Diese Weite, diese Offenheit. Das Waadtland hat seine eigene Magie!» Wie Marchand da steht, lässig in Jeans und mit einem sanften Lächeln auf dem Gesicht – niemand würde denken, dass der Direktor der Schweizer Radio- und Fernsehgesellschaft eine Zeit voller Proteste und massiven politischen Drucks hinter sich hat. 

Vor rund zwei Wochen bestätigt die SRG, dass sie den Umzug des Radiostudios von Bern nach Zürich neu beurteilt – zumindest einige Redaktionen wie jene des «Echos der Zeit» oder «Rendez-vous» bleiben voraussichtlich in der Hauptstadt. «Es gibt keine Probleme, nur Lösungen», sagt der SRG-Chef dazu. Als Kniefall vor der Politik wertet er den Entscheid nicht. «Er zeigt, dass wir die Öffentlichkeit, den Service public, ernst nehmen.» Das Wichtigste sei ohnehin, dass der Inhalt und das Programm unabhängig bleiben.

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Privat ist Marchand Zügeln gewohnt. Die ersten Lebensjahre verbringt der Sohn eines Franzosen und einer Waadtländerin in Paris, danach zieht die Familie nach Trélex, einem 1500-Seelen-Nest oberhalb von Nyon. Seit rund zwei Jahren lebt der ehemalige Chef des Westschweizer TV und Radio zusammen mit seiner Frau Victoria in einer Wohnung am Hirschengraben in Bern – «gleich beim Bahnhof, wo ich mit dem Zug die ganze Schweiz bereisen kann».

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Etappe 9 - Durch die Weinberge wandern: Von Montreux VD spazieren Sie gemütlich am See entlang zum Schloss Chillon. Von hier gehts mit dem Schiff nach Vevey. Dann auf dem Weinwanderweg von St-Saphorin nach Lutry. Nach einem Gläschen fahren Sie mit dem Schiff nach Lausanne.

Schweizer Illustrierte

«Ich bin gerne nach Bern gezogen»

Was wohl manchen Romand erstaunt, war für Marchand selbstverständlich. «Ich bin gerne nach Bern gezogen. Ich wollte die Deutschschweizer Kultur kennenlernen.» Die Waadtländer Wurzeln pflegt der Vater zweier erwachsener Kinder dennoch – er kultiviert Reben auf der Terrasse. «Viel Wein gibts davon nicht.» 

Auf die Frage, welches die Lieblingsrebsorte aus der Region sei, antwortet Marchand: «Epesses», fügt aber sofort hinzu: «Es ist ein Cliché, dass die Romands mehr trinken.» Dies habe er in Bern festgestellt. «Bei uns gehört der Wein einfach zur Kultur», sagt er und schmunzelt. 

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Santé! In diesem Glas ist kein Wein, sondern Tee – aus Rebenknospen. «Der ist sicher gesund.»

Remo Naegeli

Ein echter Weinliebhaber

So wundert es auch nicht, dass Marchand im Schloss Chillon von seiner Weinbruderschaft erzählt, mit der er im mittelalterlichen Saal des Kastellans schon essen war, und von den Gedichten, die auf die Tropfen gehalten wurden. 

Selbst bei der Abstimmung zu «No-Billag» dienten die Rebberge des Lavaux als inspirierende Kulisse! Um auf kreative Ideen zu kommen, wie die SRG diesen Überlebenskampf für sich entscheiden konnte, führte Marchand seine Kolleginnen und Kollegen von der Geschäftsleitung auf die Domaine Wannaz im pittoresken Dörfchen Chenaux. 

«Offenbar hat die Retraite hier geholfen», sagt Winzer Gilles Wannaz und drückt seinen Namensvetter herzlich. Unter der Pergola isst der SRG-Chef zusammen mit dem Weinbauern, dessen Frau Merjem und den Angestellten Kartoffeln, Saucisson und Schafkäse mit Himbeeren. Dazu gibts ein Gläschen biodynamischen St-Saphorin. Marchand fühlt sich im familiären Ambiente, wo über Kultur, Kino und Wein gesprochen wird, sichtlich wohl. Er erzählt, wie er dank der Netflix-Serie «Weissensee» sein Deutsch weiter verbessert und dass er bei Sportanlässen gerne im Übertragungswagen mit den Technikern plaudert.

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Bon appétit: Bei Winzer und Namensvetter Gilles in Chenaux gibts eine Stärkung. «Die Begegnungen mit den Leuten geben mir Kraft.»

Remo Naegeli

Marchand kennt die Deutschschweizer

Marchand ist anders als sein Vorgänger. Während der Bankierssohn Roger de Weck mit seiner eigenen «Sternstunde»-Sendung als Philosoph und Schöngeist vielen zu abgehoben war, zieht Soziologe Marchand, Sohn eines Fotografenpaars, seine Fäden lieber im Hintergrund. Entsprechend ist er in der Deutschschweiz weniger bekannt.

Umgekehrt kennt Marchand die Deutschschweizer schon ziemlich gut. «Klar ist: Es gibt mehrere Deutschschweizen. Ich kann einen Zürcher nicht einfach mit einem Basler vergleichen. Und all diese Dialekte!» In der Romandie sei das Wir-Gefühl durch die gemeinsame Sprache stärker. Dennoch vermisse er seine Heimat nicht. «Ich fühle mich überall zu Hause.» 

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Bonne chance: «Wir müssen trotz weniger Einnahmen gute Inhalte bieten», sinniert Marchand.

Remo Naegeli

Fehlen würde ihm aber sein Pferd Morpheus. «Ein guter Reiter ist selbstbewusst, übt keine Macht aus und kontrolliert seine Emotionen.» Keine schlechte Voraussetzung, um die SRG auch in Zukunft durch den einen oder anderen Sturm zu führen. 

Weitere Etappen gibt es im Dossier «Quer durch die Schweiz» zu lesen.

Von Jessica Pfister am 19.07.2019
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