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50 Jahre Frauenstimmrecht

«Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist noch nicht erreicht»

Durch eine eidgenössische Abstimmung wurde 1971 in der Schweiz das Frauenstimmrecht eingeführt. 50 Frauen blicken für die Schweizer Illustrierte zurück – und wagen einen Blick in die Zukunft. Heute: Sängerin Sina.

SMA Swiss Music Awards 2019  Sina Lifetime award

«Dass ein Mädchen in einer Band den Takt angibt, ist vielen bis heute fremd»: Musikerin Sina.

Hervé le Cunff
SMA Swiss Music Awards 2019  Sina Lifetime award
Sina

Mundartsängerin

Die ersten Suffragetten der Schweiz waren Walliserinnen. 1957 sind sie in Unterbäch – dem Rütli der Schweizer Frauen – erstmals an die Urne gegangen; gegen den Willen von Kanton, Bundesbern und – wie man sich gut vorstellen kann – auch vieler DorfbewohnerInnen. Das war neun Jahre vor meiner Geburt. 1971 schliesslich wurde das Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene angenommen, 78 Jahre nach Neuseeland, 53 Jahre nach Deutschland und 26 Jahre nach Italien.

Als junge Frau habe ich bei einem Besuch im Museum auf der Burg in Raron das Buch «Frauen im Laufgitter» von Iris von Roten gekauft. Die Feministin fordert radikal die Gleichstellung der Frau in allen Bereichen und prangert sogenannt traditionell weibliche Werte an. Katholisch-konservativ erzogen, wie ich war, kam es einer Offenbarung gleich. Vorgestern ist mir das Manifest wieder in die Hände gefallen, und es weckt Erinnerungen.

Zur Person

Sina, Sängerin, Lötschental, 2019
Kurt Reichenbach

Die 54-jährige Walliserin ist im Lötschental in einem Frauenhaushalt, ab sechs jedoch ohne Mutter, aufgewachsen. Seit 26 Jahren gehört die Mundartsängerin zur Schweizer Musikszene. Sina, gebürtig Ursula Bellwald, landete 1995 mit «Wiiblich» ihr erstes Top-1-Album, alle ihre 13 Alben erreichten die Top Ten der Schweizer Hitparade, drei davon die Spitze. 2019 erhielt Sina als erste Frau überhaupt den Swiss Music Award für ihr Lebenswerk.

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In meiner ersten Band, als 16-Jährige, war es klar gewesen, dass für ein Mädchen die Rolle der Schlagzeugerin oder Bassistin nicht vorgesehen war. Der Schellenring und das Mikrofon waren noch frei. Für mich persönlich ist das im Nachhinein kein Nachteil gewesen, die Vorstellung aber, dass ein Mädchen in einer Band den Takt angibt, ist vielen bis heute fremd.

Auch als ich zehn Jahre lang durch Dancings und Festhütten tingelte, hab ich allzu oft die Vorstellung der angepassten Unterhalterin erfüllt. Erst später hab ich mich gewehrt, auch indem ich mich befreit habe von Rollen, die andere für mich vorgesehen hatten. Die meisten von ihnen waren – strukturbedingt – Männer.

Vieles wie etwa gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit ist noch nicht erreicht. Wir Frontfrauen verdienen bei Konzerten oft weniger als unsere männlichen Kollegen mit gleichem Bekanntheitsgrad. Auch das muss sich ändern.

Dass es gemäss Studien gut nochmals 50 Jahre dauern kann, bis in Europa echte Geschlechtergleichheit herrscht, wenn es im selben Tempo weitergeht, ist kaum zu glauben. Ich hoffe sehr darauf, dies zu erleben, bevor ich 105-jährig bin.

Von Sina am 21.01.2021
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