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QUER DURCH DIE SCHWEIZ

Heidi Z'graggen: Eine Urnerin bleibt auf Trab

Für den Bundesrat hat es nicht gereicht. Nun will CVPlerin Heidi Z’graggen in den Ständerat. Auf einer Kutschenfahrt durchs Urserental schäkert sie mit Partner Bruno Dobler und entdeckt die Poesie der Langsamkeit. Etappe 4: Von Altdorf nach Locarno.

Auf der alten Gotthardpassstrasse oberhalb von Hospental. Mit Heidi Z'graggen und Bruno Dobler auf Kutschenfahrt von Andermatt zum Gotthard. Foto: Bernard van Dierendonck

Hoch zu Bock: Heidi Z’graggen und Bruno Dobler vertrauen auf die Geschicke von Kutscher Adam.

bernard van dierendonck

Da fahren fette Töffs vorbei, ein Porsche und sogar der Glacier-Express. Aber kein Gefährt begeistert in Andermatt mehr als sie: die gute alte Pferdekutsche.

Die Kirchturmuhr schlägt elf, als Lanzelot, der Weisse, und Fucks, der Braune, in den alten Dorfkern einbiegen. Fahrspuren aus Granitplatten erinnern an die Zeit, als einst die legendäre Gotthard-Postkutsche durch Andermatt polterte.

Am Wegrand zücken Touristen ihre Smartphones. Heidi Z’graggen, 53, und ihr Partner Bruno Dobler, 66, beide im Tenue chic, sind froh, dass das Kutschendach vor gwundrigen Blicken schützt. «Uns muss ja nicht gleich jeder erkennen», sagt Z’graggen lachend – und grüsst dann doch allenthalben. Man kennt sie hier oben. Und sie kennt die Menschen hier: Alex vom Hotel Post, Vreni vom Talmuseum, Albertin von der Gotthardpost.

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Etappe 4 - Über den Gotthard kutschieren: Mit dem Zug fahren Sie von Altdorf über Göschenen nach Andermatt UR. Ab dort mit der historischen Postkutsche über den Gotthardpass nach Airolo TI (noch bis 1. September). Nach Locarno gehts weiter mit dem Velo oder E-Bike. 

Schweizer Illustrierte

«Wunderbar entschleunigend»

Als Regierungsrätin des Kantons Uri ist sie oft in Andermatt. Aber das Dorf in der Kutsche erkunden, das ist für sie eine Premiere. Dieses Gefühl, wenn die Landschaft im Schritttempo an einem vorbeizieht, dieses langsame Schauen – man weiss zuerst gar nicht recht, wohin mit sich, weil es doch sonst immer etwas zu tun gibt. «Wunderbar entschleunigend», sagt Z’graggen. 

Sieben Monate ist es her, seit sie neben Viola Amherd als Nachfolgerin für Bundesrätin Doris Leuthard kandidierte. Gut zwei Wochen blieben ihr, um das Parlament von sich zu überzeugen – ihr Effort war vergeblich.

«Nach den Wahlen, als der Stress nachliess, fühlte ich mich müde – wie nach einer schwierigen Prüfung», sagt sie. Drei Tage habe sie Pause gemacht. «Dann war ich als Regierungsrätin wieder voll da.» Sie bereue ihre Kandidatur nicht. «Ich wäre gerne Bundesrätin geworden.» Aber wenn sie an einem sonnigen Sonntag lese, wo die Magistraten gerade auftreten – «dann sage ich mir, du hast es schon schön».

Beim Golfplatz von Andermatt. Mit Heidi Z'graggen und Bruno Dobler auf Kutschenfahrt von Andermatt zum Gotthard. Foto: Bernard van Dierendonck

Karge Schönheit: Kutscher Adam chauffiert Heidi Z’graggen und Bruno Dobler Richtung Gotthard.

bernard van dierendonck

«Bruno steht mir immer zur Seite»

Lanzelot und Fucks haben Andermatt mittlerweile passiert, vor ihnen liegt das Urserental: lieblich und rau, karg und blühend. «Hier oben komme ich auf neue Ideen», sagt Z’graggens Partner, Bruno Dobler. Ende Juni ist er als Mitglied des Bankpräsidiums der Zürcher Kantonalbank zurückgetreten – und von Eglisau ZH nach Andermatt gezogen.

Nun wohnt das Paar erstmals im gleichen Kanton (Z’graggen in Erstfeld). Aber eine Wohnung teilen sie sich dennoch nicht. Die Liebe soll nicht unter dem Alltagsmüll verschwinden. Scheint zu funktionieren! Auch noch nach zehn Jahren Beziehung gibt es hier einen Kuss, da eine zärtliche Berührung. Sie lobt ihn als Gentleman: «Bruno hilft mir in den Mantel, öffnet mir die Autotür, steht mir immer zur Seite.»

Und dieser Bruno, der einst Zürcher SVP-Kantonsrat war, greift andauernd zum Handy. Nicht, weil er zwischen Feld und Fels noch Büro machen will. Er schiesst Bilder von seiner Liebsten: Heidi auf dem Kutscherbock, Heidi im Wiesenblumenmeer.

Auf der alten Gotthardpassstrasse oberhalb von Hospental. Mit Heidi Z'graggen und Bruno Dobler auf Kutschenfahrt von Andermatt zum Gotthard. Foto: Bernard van Dierendonck

Hüja! In Hospental UR wechselt die Kutsche auf die alte Gotthardstrasse – mit zahlreichen Haarnadelkurven.

bernard van dierendonck

Nach einem kurzen Abstecher in Hospental (laut Z’graggen «ein völlig unterschätztes Dorf») geht es in Serpentinen die alte Gotthardstrasse hoch. Lanzelot, der Kladruber, gibt den Takt an. Fucks, der Freiberger, tut mit – was vor allem auch an den Befehlen von Kutscher Adam liegt. Es ist seine 20. Saison in Andermatt, die restlichen Monate verbringt er in seiner Heimat Polen. 

Andermatt. Mit Heidi Z'graggen und Bruno Dobler auf Kutschenfahrt von Andermatt zum Gotthard. Foto: Bernard van Dierendonck

Luxuskulisse: Der neuste Bau des ägyptischen Milliardärs Samih Sawiris: das «Radisson Blu» in Andermatt.

bernard van dierendonck

«Ich habe noch längst nicht genug von der Politik»

«Hooooh», ruft er jetzt. Die Kutsche hält auf einem Grasfleck am Gotthardhang. Von hier erscheint Andermatt winzig. Aber etwas erkennt man ohne Feldstecher: das Luxus-Feriendorf des ägyptischen Investors Samih Sawiris – das Gegenstück zum historischen Andermatt. Z’graggen hat dem Megaprojekt massgeblich den Weg bereitet, indem sie Bund, Umweltverbände, den Kanton und die Korporationen an einen Tisch brachte.

Sie identifiziert sich stark mit ihrer Heimat. Sagt unterwegs Dinge wie: «Schau, Bruno, hier haben wir die historische Pflästerung erneuert.» Oder: «Dort haben wir eine Trockensteinmauer saniert.» Nach der Anstrengung im letzten Jahr könnte sie getrost einen Gang runterschalten.

Andermatt, Suworofhaus. Mit Heidi Z'graggen und Bruno Dobler auf Kutschenfahrt von Andermatt zum Gotthard. Foto: Bernard van Dierendonck

Hingucker: Im Talmuseum (1786) tauchen Heidi Z’graggen und Bruno Dobler in die Geschichte des Urserentals ein.

bernard van dierendonck

Weniger schaffen, mehr geniessen – so wie sie das nach der Kutschenfahrt bei einem «Woldmanndli»-Salat (Grün mit Pilzen) im Hotel Drei Könige tut. Aber Z’graggen will sich jetzt auch auf Bundesebene für den Kanton Uri einsetzen. Im Herbst kandidiert sie für den Ständerat. Sie sagt: «Ich habe noch längst nicht genug von der Politik.» 

Weitere Etappen gibt es im Dossier «Quer durch die Schweiz» zu lesen.

Von Michelle Schwarzenbach am 14. Juli 2019