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  4. Wendy Holdener über ihre Olympiamedaillen – und die vielen zweiten Plätze

Wendy Holdener blickt auf Olympia zurück

«Ich arbeite noch am Winnertyp»

Fünf Olympia- und vier WM-Medaillen: Wendy Holdener räumt zuverlässig ab. Dennoch muss sich die 28-Jährige nach 29 Slalom-Podesten ohne Sieg gegen den Ruf der ewigen Zweiten wehren. Wie sie das findet – und was sie stark macht.

Wendy Holdener, Ski Alpin, Medaillen Olympische Winterspiele und Weltmeisterschaften, SI 07/2022

In Peking fügte die Schwyzerin Wendy Holdener Slalombronze und Kombisilber zur Sammlung hinzu.

Gian Marco Castelberg

Wendy Holdener, Sie haben nun fünf Olympiamedaillen – gleich viele wie Vreni Schneider. Wie klingt das? 
Super! Dass ich nun gleichauf bin mit Vreni, wusste ich gar nicht, bis es so weit war. Und dass ich sie beim Teamevent sogar hätte übertrumpfen können. 

Sie haben eine Wahnsinnsbilanz an Grossanlässen. Weshalb? 
Ich weiss es nicht genau. Einerseits ist die Erfahrung von St. Moritz 2017 wohl entscheidend. Etwas viel Schwierigeres gibt es nicht: Eine Heim-WM, und du hast Medaillenchancen. Dass ich dort Weltmeisterin in der Kombi wurde und Zweite im Slalom, vor so grossem Publikum, das war verrückt. Mir hat aber auch geholfen, dass meine ersten Grossanlässe nicht wirklich gut liefen. Ich war früher noch etwas naiv, habe mir um die falschen Dinge Sorgen gemacht. Als ich dann Weltklasse war, hatte ich schon viel Erfahrung. 

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In Peking haben Sie eine Achterbahnfahrt erlebt. Wie ist Ihre Gefühlslage nun ein paar Tage danach?
Ich bin sehr zufrieden. Und erleichtert, dass ich nach dem letzten Jahr, das nicht einfach war und in dem ich eine Medaille an der WM verpasste, wieder den Rank gefunden habe. Den Slalomtag auf dem Podest verbringen zu dürfen, war schön. Ich war ziemlich stolz, wie engagiert ich fuhr. 

Sie gaben nach dem Kombi-Silber ein sehr emotionales Interview. Haben sich beim TV-Publikum wegen Ihrer Tränen erklärt. Man spürte Ihre Zerrissenheit zwischen Enttäuschung und Freude. Wie fühlt sich so ein Gefühlschaos an?
Auf der einen Seite uh schön, auf der anderen war ich den Tränen nah, weil ich halt trotzdem etwas nicht erreicht habe. Die Situation war schwierig: Ich stehe am Start, und man sagt mir, dass Mikaela Shiffrin ausgeschieden ist. Ich weiss: Das wäre der Moment. Aber wenn du zu viel gibst, schenkst du es den andern. Deshalb war ich im Ziel einfach nur happy, dass ich vorne bin. Eine Minute lang hoffte ich, Olympiasiegerin zu werden. Aber Michelle zeigte den perfekten Slalom. Es wurde nicht knapp, es war einfach krass, wie sie an diesem Tag gefahren ist. 

Wendy Holdener, Ski Alpin, Medaillen Olympische Winterspiele und Weltmeisterschaften, SI 07/2022

Letzten Winter ist ihr kurz der Spass abhandengekommen. Nun strahlt Holdener wieder.

Gian Marco Castelberg

Wäre es einfacher gewesen, wenn Shiffrin gewonnen hätte und nicht Gisin, mit der Sie befreundet sind?
Nein, ich glaube nicht. So ist es schöner. Wir haben schon so viel zusammen erlebt. Und feiern wieder einen Doppelsieg. Dann die Hymne: Ich wusste, sie wurde nicht wegen mir gespielt, aber es war trotzdem schön, sie zu hören.

Ab wann überwog die Freude?
Als ich nach der Medienarbeit zur Dopingkontrolle ging, wurde mir alles bewusst. Der Gedanke, ich hätte gewinnen können, war sehr schnell weg. Ich bin froh, dass das die Leute in der Schweiz nicht falsch verstanden haben. Ich habe auch Komplimente dafür bekommen, dass ich ehrlich war und dass so eben die Emotionen im Sport sind. Ich habe noch gelesen, dass Russi sagte, er sei sicher, dass ich mich jetzt genauso freue. Und das ist so. 

Bei der Umarmung mit Gisin hörte man Sie sagen, Sie seien eben kein Winnertyp.
Ja, das habe ich gesagt. Ich glaube, das war einfach die erste Enttäuschung. Weil ich in diesem Moment nicht alles riskiert habe für den Sieg. Aber: Ich arbeite immer noch am Winnertyp, ich bleibe dran.

Kann man das Siegen lernen?
Ja, ich glaube, man kann dran arbeiten.

Wie müssen wir uns das vorstellen?
Da geht es viel um die Einstellung, wie du gewisse Sachen siehst. Wie du dich erholst und perfekt vorbereitest. Ich bleibe bis zum Schluss dran und traue mir das auch noch zu. 

Nervt es Sie, dass Ihre zweiten Plätze oft das Thema sind, obwohl Sie schon so viel erreicht haben?
Aussenstehende haben wohl das Gefühl, das belaste mich mehr, als es der Fall ist. Man darf nicht vergessen, dass es nur fünf, sechs Slalomrennen sind, bei denen ich wirklich den Sieg verloren habe. Die anderen waren eher gewonnene zweite Ränge. Eine Zeit lang fuhr Shiffrin in einer eigenen Liga. 

Was bedeutet Erfolg für Sie?
Es sind mehrere Sachen. Im Moment, dass ich das machen kann, was ich gern tue. Und dass ich in der Lage bin zu gewinnen, ist der Lohn für die harte Arbeit. Und dass ich das Können und das Talent habe, um dort vorne zu sein – das können nicht alle. Andere haben zwar auch Erfolg, vielleicht mit etwas weniger Medaillen.

Wendy Holdener, Ski Alpin, Medaillen Olympische Winterspiele und Weltmeisterschaften, Bruder Kevin, SI 07/2022

Wendy mit Kevin, einem ihrer älteren Brüder. «Ich wollte immer mitmachen, obwohl sie beide grösser und stärker waren.» 

Gian Marco Castelberg

Sie waren immer sehr selbstkritisch und haben früher gesagt, Sie versuchten es mit der Brechstange, wenn Sie etwas unbedingt wollten. Ist das immer noch so?
Ja, aber es ist teilweise eher eine Stärke von mir. Es gibt nicht viele, bei denen es funktioniert, wenn sie es mit der Brechstange versuchen. Und ich bringe es schlussendlich einfach hin: Finde eine Lösung für den Schnee, die Piste, den Slalomkurs. In Peking hatte ich am ersten Tag Angst vor der Abfahrt, verlor fünf Sekunden. Nach vier Fahrten hatte ich es dann so gut im Griff, dass ich eine Kombi-Medaille holte. Dafür war ich sehr hartnäckig dran. 

So wie es klingt, haben Sie aber auch gelernt, zufrieden zu sein mit sich? Das konnten Sie früher nicht so gut.
Ja. Seit ich letztes Jahr einen schwierigen Winter und auch nicht mehr immer Spass hatte, habe ich gelernt, dass man manchmal mit kleinen Schritten zufrieden sein kann. 

Wie ist der Spass abhandengekommen?
Ich freute mich manchmal nicht mal mehr darüber, dass am nächsten Tag ein Rennen ist. Die Trainersituation war zu kompliziert, das Selbstvertrauen und die Sicherheit waren nicht mehr da. Nach dieser Situation war klar: Ich will zurück zu den Leuten, die ich kenne. Die mir diese Ruhe wiedergeben. Das haben wir geschafft. 

Hat Ihr Ehrgeiz auch mit den zwei älteren Brüdern zu tun?
Ja, sicher. Ich wollte immer überall mitmachen, obwohl sie grösser und stärker waren. Gleichzeitig ist Ehrgeiz etwas, das in unserer Familie alle haben. 

Wie sind denn Ihre Eltern?
Mami hat eine brutale Energie. Sie ist immer unterwegs und immer parat, mitzuhelfen, schaut, dass es allen gut geht. Dädi ist manchmal die nervösere Seite, aber sehr sportbegeistert, probiert, mir diese Ruhe zu geben, dass es gut kommt. Er glaubt an mich. 

Wie fahren Sie nun runter, um in den letzten Saisonrennen wieder angreifen zu können?
Am Montag empfingen mich mein Freund und meine Familie, das war schön. Zu Hause merkte ich, dass ich emotional ein bisschen ausgebrannt bin. Schon zufrieden, aber nicht mehr so, dass ich Luftsprünge gemacht hätte. In den Tagen danach war ich bei meinem Freund Rémy. Ich habe drei Tage nicht trainiert und freue mich, nun wieder aufs Velo oder auf eine Skitour zu gehen. Das reicht mir eigentlich schon, um weiterzumachen. Vor allem, weil ich in Form bin – und ich ja weiter am Winnertyp in mir arbeiten will. 

Von Eva Breitenstein am 27. Februar 2022 - 18:09 Uhr
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