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Clownin Gardi Hutter

«Ich bin geübt im Sterben!»

Als «Hanna» segnet Gardi Hutter auf der Bühne oft das Zeitliche. Die Corona-Krise hat der Clownin nun Zeit verschafft, sich um ihre Patientenverfügung zu kümmern und ihre «Hüüfe» abzubauen – ohne das Gefühl, es zu müssen.

Gardi Hutter, Juri, Neda, Beatrize, Neues Programm, Homestory, Arzo TI, 2018, (c) Geri Born

Gardi Hutter, 67, daheim im Dorf Arzo TI. Die Clown-Komödiantin sammelt mexikanische «Día de los Muertos»-Figuren.

Geri Born

Gardi Hutter, wie ist die Stimmung bei Ihnen im Tessin?
In meinem Dorf gut. Was in Lugano oder Bellinzona passiert, höre ich auch nur aus den Nachrichten. Ich bin seit acht Wochen nirgends gewesen. Mein Töff geht gar nicht mehr an und mein Elektroauto wird wohl vermoost sein.

Wie erlebten Sie den Lockdown?
Ich bin hier immer in einer Art Quarantäne, wenn ich von der Tour irgendwo auf der Welt ins Dorf Arzo zurückkomme, in mein Rückzugsort. Zwei extreme Leben, die sich wunderbar ergänzen.

Also alles wie immer?
Ohne News würde ich tatsächlich nicht viel mitbekommen. Ausser dass alle Tourneen wegkippen, ändert sich hier wenig. Nur die so innig gepflegten Nachbarschaftsessen fallen weg und das nagt langsam. Von denen, die grosse Gärten haben, kriege ich immer noch Salat-Säcke vor die Tür. In meinem Gärtchen wachsen nur Blumen und Kräuter, aber erstmals seit Jahren selbst gesät. Und im Wald begegne ich Vätern mit Kindern aus dem Dorf, die ich noch nie gesehen habe. Der Frühling ist überwältigend. Da ist nichts krank, im Gegenteil, es blüht im Übermass. Man schmöckt und sieht nichts von wegen Lockdown.

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Ihr Terminkalender änderte von voll auf leer. Wie gehts Ihnen damit?
Ich geniesse, dass ich im Moment nichts verpasse, nichts tun muss. Ich bin erstaunt, wie gut es mir geht, wie heiter ich den Tag verbringe. Gut, jeden Tag streift mich kurz die Krise, ich bin hässig und kanns nur an mir auslassen.

Weshalb haben Sie die Krise?
Weil ein Virus uns dazu zwingt und wir nichts entscheiden konnten. Ich liebe meinen Beruf und mein Leben, stelle aber zweifelsfrei fest, dass ich alles zu voll stopfe und mir dauernd hinterherrenne. Der Virus schafft innerhalb weniger Wochen das, was ich mir seit Jahren laut verkünde: weniger arbeiten und längere Pausen. Geradezu virtuos, viruos.

Wie finden Sie das Kontrastprogramm?
Punkto Leere find ichs wunderbar. Nicht nur meinem Kopf tut die Leere gut, sondern auch meinem Haus. Ich hatte endlich Zeit, das Angeschwemmte aufzuräumen, diese Ablagerungen überall im Haus. Im Haufen neben der Haustüre habe ich einen Gutschein gefunden, dann noch einen und noch einen und dann gesehen: 2017, 2018, 2019. Es ist erstaunlich, wie alt die Haufen sind. Damit könnte man moderne Archäologie machen und sehen, was in den Jahren passiert ist.

Gardi Hutter, Juri, Neda, Beatrize, Neues Programm, Homestory, Arzo TI, 2018, (c) Geri Born

Eigentlich wäre Gardi Hutter mit ihren Kindern Neda Cainero (r.) und Juri Cainero (l.), sowie mit Schwiegertochter Beatriz Navarro auf Tour. Im Stück Gaida Gaudi ist ihr Clown Hanna von Anfang an tot. 

Geri Born

Sie wären offiziell pensioniert.
Ich merke, mir ist auch wohl, wenn ich nicht arbeite. Wenn das Auftreten körperlich nicht mehr gehen sollte, wäre ich im Frieden daheim. Beruflich ist es aber gerade wie im Altweibersommer. Es gibt keine schönere Zeit. Der Sommer ist noch hier, aber auch das Verwelken des Herbsts ist bereits spürbar. Nach vierzig Jahren bin ich Meisterin in vielem – und kurz bevor die Blätter fallen, blüht es nochmal auf!

Nächstes Jahr sind Sie 40 Jahre als Ihre Bühnenfigur Hanna unterwegs.
Dazu wird der «Hier und Jetzt Verlag» zwei Bücher herausgeben. Denise Schmidt schreibt eine Biografie. Und ich ein Werkbuch über das Entstehen eines Stückes, das ich gerne als junge Künstlerin gelesen hätte. Dazwischen flicke ich Hanna-Perücken oder miste verstaubte Fotoschachteln aus. Die Arbeit geht nicht aus.

Wie würde Ihre Bühnenfigur Hanna die Isolation bewältigen?
Sie hätte sich extrem verbunkert und bewaffnet, hätte gekämpft, wie eine Wahnsinnige. Und auf ihrem Helm hätten ein paar Coronaviren ein Fest gemacht, getanzt und gesungen.

«Ich bin überzeugt, dass Corona nur die Hauptprobe für die auf uns zukommende Klimakrise ist»

Hanna schwankt zwischen Tragik und Komik – worin erkennen Sie momentan die Tragikomik?
Spannend ist, dass Wissenschaftler, Politiker und Experten oft sagen müssen: «Ich weiss es nicht! Es kommt darauf an, wie es sich entwickelt.» Sonst werden Zweifel und Ungereimtheiten eher verheimlicht und weggewischt. So viel Unwissenheit zugeben zu müssen, wie jetzt über diesen kleinen pfützligen Virus, ist eine Demütigung für unsere moderne Gesellschaft, in der wir doch alles unter Kontrolle haben. Es ist unangenehm, aber heilsam, zu erkennen, wie fragil und abhängig wir sind.

Macht Ihnen das Angst?
Es macht mich hellhöriger. Diesen Eindruck hatte ich seit langem, er ist nur leider bestätigt worden. Ich bin überzeugt, dass Corona nur die Hauptprobe für die auf uns zukommende Klimakrise ist.

Mit 67 Jahren gehören Sie zur Risikogruppe. Wie ist das?
Ich habe neun Stücke, und in acht von ihnen bin ich am Ende tot. Ich bin ­geübt im Sterben! Bin die Expertin für fröh­liches Sterben. Ein 90-Jähriger im Rollstuhl sagte in den Nachrichten so charmant: «Wenns mi putzt, denn putzts mi.» So simpel ist es. Ich habe aber nichtsdestotrotz endlich Zeit gehabt, meine Patientenverfügung zu machen.

Was haben Sie in der Zeit der Isolation über sich Neues gelernt?
Ich will und muss mir mehr Freiraum schaffen, grössere Löcher zwischen den Tourneen, um Zeit zu haben, «nichts zu müssen». Aber was solls, der Herbst wird sicher übervoll, da ist richtig Stau jetzt. Ich muss viel nachholen und bin schon wieder «hindedri». Aber das Spielen wird eine solche Lust werden! 

Von Aurelia Robles am 11.05.2020
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