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Rapper Stress über Sport, Musik und Depressionen

«Ich kenne Tage, an denen ich mich verdammt schlecht fühle»

Aufgewachsen im Kommunismus, zwei gescheiterte Ehen, Depressionen: Andres «Stress» Andrekson kämpft sich durchs Leben. Sport hilft dem Musiker, geistig und physisch gesund zu bleiben. Eine Leidenschaft, die als Pflicht begann.

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Der 42-jährige gebürtige Este zog als Zwölfjähriger aus der Sowjetunion in die Schweiz. 2003 gelang ihm der landesweite Durchbruch. Aktuelles Album: «Sincèrement». Andres Andrekson alias Stress ist mit Model Ronja Furrer liiert.

Joseph Kakshouri

Stress, Sie kommen eben vom Boxtraining. Zudem laufen und surfen Sie, machen Yoga – welche Sportart gibt Ihnen was?
Boxen ist gut für die Ausdauer und meinen Geist. Beim Laufen komme ich in eine Art Hypnose. Ich jogge ohne Musik und erlebe dabei Momente, in denen ich gut und frei denken und mich selbst beobachten kann. Beim Boxen und Surfen mag ich das Gegenteil. Da muss ich präsent sein, sonst kriege ich entweder eins in die Fresse, oder die Welle frisst mich.

Wie kam Sport in Ihr Leben?
Ich wuchs in Estland während des Kommunismus auf. Leute kamen in die Schule und sagten: «Du, du, du – ihr seid Teil des Sportteams.» Von da an trainierte ich bis zu viermal pro Woche Leichtathletik. Ich lernte, mich zu fokussieren und geduldig zu sein. Ich merkte, dass ich etwas erreichen kann. Das gab mir Selbstvertrauen.

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Was war Ihr grösster sportlicher Erfolg?
Als Zehnjähriger war ich die Nummer eins im Laufen. Ich war ein Junge wie alle anderen, hatte meine Probleme daheim. Aber ich war der Schnellste in den Sporttests! Durch den Erfolg wurde ich plötzlich sichtbar, bekam Respekt, war kein Opfer mehr. Ich war der Junge, der besser als die anderen fünfzig war!

Und heute? Was gibt Ihnen der Sport, was die Musik nicht kann?
(Er denkt lange nach.) Sport bringt mein Hirn an einen ruhigeren Ort. Wenn danach das Adrenalin sinkt, das mag ich. Bei der Musik hingegen ist immer etwas los, ich kriege keine Ruhe.

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Sich selbst schadet Stress am meisten mit seinen Erwartungen. «Die sind Gift. Und es kann sein, dass du so Möglichkeiten verpasst.»

Joseph Khakshouri

Sie treten an den Sport Awards 2019 auf. Was bewundern Sie an Profi-Sportlern?
Ich sehe, dass sie machen, was sie lieben, und dabei stets das Beste geben, auch wenns wehtut.

Den inneren Schweinehund überwinden – fällt Ihnen das manchmal schwer?
Nein, schon als Kind waren die Trainings eine Pflicht, ich hatte keine Wahl. Heute bekomme ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht trainiere. Seit ich einen Bandscheibenvorfall hatte, mache ich Yoga. Mittlerweile ist es zu einer Routine geworden und meine Prävention, um Verletzungen zu vermeiden. Und wenn ich ehrlich bin, sollte jeder zu jeder Zeit an sich arbeiten. Ein Problem unserer Gesellschaft ist, dass jeder schnell mit sich zufrieden ist. Manche sind hier, um das Leben zu geniessen. Ich bin hier, um etwas aus meinem Leben zu machen.

Folgen Sie einem Lebensplan?
Das wäre der Horror! Nein, ich folge dem, was sich richtig anfühlt. Diese Einstellung fordert auch, dass ich gegen mich selber ankämpfen muss.

Sind Sie sich ein harter Gegner?
Nein, ein entgegenkommender. Ich muss nicht über etwas nachdenken, von dem ich weiss, dass es gut für mich ist. Aber klar muss ich kämpfen, geduldig sein. Hauptsache, ich gebe nicht auf.

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Seit acht Jahren geht der Musiker in Zürich-Wiedikon ins Boxtraining. «Ich will lernen und besser werden. Es ist nicht nur mein Ventil.»

Joseph Khakshouri

Mussten Sie das schon jemals?
Ja, in meiner ersten Ehe. Morgens um sechs Uhr sass ich jeweils in Boxershorts in der Küche und fühlte mich gefangen, wie in einer Sackgasse. Manchmal findet man sich einfach in solchen Situationen wieder. Dann muss man loslassen, aufgeben sage ich nicht!

Sind Sie ein Optimist?
Schauen Sie mein Leben an. Es ist für mich besser, wenn ich ein fucking optimistischer Kerl bin! Ich weiss, wie es ist, Depressionen zu haben. Ich kenne Tage, an denen ich mich verdammt schlecht fühle. Das ist okay. Ich darf mich auch am nächsten Tag so fühlen. Wichtig ist, dass ich an dem Punkt ankomme, wo ich mich frage, wie ich die Situation ändern kann. Mittlerweile bin ich so eingestellt, dass ich sofort nach Lösungen suche.

Auf Ihrem Album «Sincèrement» gehen Sie offen mit Ihrer Depression um.
Ich habe immer wieder Tage, an denen ich nicht nur mental feststecke, sondern wortwörtlich. In einem Stau zu sein, ist für mich schlimm. Früher tickte ich jeweils aus, fühlte mich als Monster. Dank meiner Psychologin weiss ich, dass mich Verkehrsstaus an meine Hilflosigkeit in der Kindheit erinnern – der Ursprung meiner Depression. Diese Erkenntnis ist eine Erlösung. Heute sage ich mir im Stau, dass ich einfach eine Allergie dagegen habe und die Situation nichts mit mir zu tun hat.

Das sagt Xherdan Shaqiri

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Gian-Marco Castelberg

Stress ist ein super Typ, sehr bodenständig, ganz angenehm und lustig. Ich schätze seinen eigenen Stil, sowohl als Musiker als auch als Mensch. Wir haben uns ein paarmal getroffen und uns über Fussball und Musik unterhalten. Leider hatten wir noch keine Gelegenheit, uns gemeinsam sportlich zu betätigen.

Wie erkennen Sie den richtigen Moment, um sich selber beruhigen zu können?
Erfahrung hilft. Ich bin schon so oft ausgetickt. Die ersten zehnmal, wenn die Gedanken oder Gefühle in dir aufkommen, kriegst du Angst und Panik. Aber je mehr sie kommen, desto mehr verstehst du den Prozess, siehst das Schema und erinnerst dich, wie es für dich jeweils danach war. Wie sehr du dich geschämt hast, auch gegenüber anderen Personen.

Der Gedanke an andere hilft Ihnen, sich zu kontrollieren?
Ja. Einmal sass meine Freundin Ronja mit im Auto, als ich total ausflippte. Ich sah die Folge meines Ausrasters in ihrem Gesicht: Angst, Schock. Diesen Ausdruck will ich niemals mehr bei ihr sehen. Den Ursprung meines Benehmens kann ich meinen Eltern oder meiner Vergangenheit zuschreiben, heute aber muss ich allein die Verantwortung übernehmen.

Können Sie Ihrer Depression etwas Positives abgewinnen?
Manchmal ist es dein Geist, der dir mitteilt, dass du zu viel unter den Teppich gekehrt hast. Dann kannst du nicht mehr gerade darauf stehen. Deshalb musst du die Dinge erst hervorholen, damit du wieder aufrecht stehen kannst.

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Stress geht seiner Leidenschaft auch passiv nach und schaut täglich Sport, vor allem NBA, die nordamerikanische Basketball-Liga.

Joseph Khakshouri

Fragten Sie sich je, warum gerade ich?
Schwachsinn! Keiner weiss, weshalb wir Menschen hier sind. Unser Ego lässt uns hadern. Kein Vogel fragt sich, wieso er fliegen muss. Es ist einfach so. Vergleiche ich meine Vergangenheit mit jener meiner Mutter, dann ist meine etwas besser als ihre. Akzeptieren, lernen, stärker werden.

Was vergiftet unsere Gesellschaft?
Die Leute wollen der Welt ihr bestes Ich zeigen und vergessen dabei, Sorge zu sich selbst zu tragen. Jeder schaut, was er tun kann, damit andere ihm applaudieren, statt zu überlegen, was gut für einen selbst oder die Welt ist. Die Gesellschaft macht uns glauben, dass wir alle Superstars sein müssen. Ich wollte nie auf der Bühne sein.

Das können Sie jetzt einfach sagen.
Nein, ich wurde von einem Lehrer dazu gedrängt. Er meinte: «Andres, du wirst das lernen.» Und ja, ich konnte es. Ich habe einen Schalter im Kopf, den ich auf der Bühne umdrehen kann. Wer aber diesen Schalter nicht besitzt, muss sich doch nicht auf die Bühne zwingen. Nicht alles ist für jeden gut. Aber unsere Gesellschaft macht uns glauben, dass jeder alles tun kann. Das ist nicht wahr! Zuerst in den Spiegel gucken, schauen, wer ich wirklich bin und was meine Möglichkeiten sind, und dann entscheiden. Nichts ist schlimmer, als dem falschen Traum nachzujagen.

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Beim Boxen läuft James Browns «The Boss» oder Nina Simones «See-Line Woman» in Endlosschlaufe, als eine Art Hypnose.

Joseph Khakshouri

Was war Ihr Traum?
Ich wuchs in Estland auf, in einer Welt, in der alles vorgegeben war. Ich erinnere mich, dass ich eines Tages ins Training ging und mich fragte, was ich werden soll. Ich konnte schnell über 1500 Meter rennen. Musiker zu werden, stand ausser Frage. Meine Mutter konnte sich mit ihrem Salär von 85 Franken nicht eine Blockflöte für 25 Franken leisten. Also rannte ich weiter.

Waren Sie nie ein Träumer?
Mein Leben war früh definiert. Da existierte keine Welt mit Samichlaus und Fee, die einen Fünfliber unters Kopfkissen legt. Ich hätte nie wegen etwas geweint, das es nicht gab. Das erklärt, wie ich heute denke.

Spüren Sie das Alter?
Ich bin 42 und nicht mehr jung, sondern tatsächlich ein sehr junger Alter. Körperlich ist noch alles möglich, nur der Weg dahin ist anders.

Fühlen Sie sich geistig oder körperlich fitter?
Mein Kopf tickt nicht richtig, wenn ich mich in meinem Körper nicht wohlfühle. Das tönt banal und ist nicht neu. Es wird nur oft als Floskel angewandt. Ich kann nur sagen: Lebt danach!

Sports Awards Sonntag, 15. Dezember, 20.05 Uhr auf SRF 1.

Von Aurelia Robles am 06.12.2019
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