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  3. Köbi Kuhn spricht erstmals über den Tod seiner Tochter Viviane

Die dramatische Biografie

Köbi Kuhn: «Ich suchte meine Tochter auf dem Platzspitz»

Er hat das Schlimmste erlebt, was Eltern widerfahren kann: Köbi Kuhn verlor im Mai 2018 seine geliebte Tochter Viviane. Zum ersten Mal erzählt er jetzt in einer neuen Autiobiografie von der Tragödie seines Lebens. Ein Auszug.

Koebi Kuhn
Nathan Beck

«Meine Tochter wurde nur 46. Sie hat ihr Leben so geführt, wie sie es wollte. Gegen ihren Willen kam man nicht an. Schon als Viviane sehr jung war, hat sie das Gegenteil von dem gemacht, was ihre Mutter und ich ihr vorgelebt haben. Das hat mich beschäftigt, und ich habe mich gefragt, woran ihr Eigensinn liegen könnte, warum sie so ganz anders sein wollte. Ihre Mutter Alice hatte natürlich den engeren Kontakt zu ihr, weil ich dauernd im Fussball involviert war.

Ich war sehr viel unterwegs. Das soll im Nachhinein weder als Entschuldigung dienen, nicht informiert gewesen zu sein, noch zur Selbstanklage, nicht genug für sie getan zu haben. Was ich mit Sicherheit weiss: Viviane war sehr stolz auf mich. Doch meine Karriere wäre nicht möglich gewesen ohne meinen 100-prozentigen Einsatz dafür. Da bleiben automatisch andere Bereiche wie die Familie auf der Strecke.

Koebi Kuhn

Stolze Eltern: Töchterchen Viviane kommt 1971 zur Welt - das Glück von Alice und Köbi Kuhn ist perfekt.

HO

Mit 14 rauchte sie ihren ersten Joint

Die ersten Probleme mit Viviane äusserten sich schon in ihren Teenagerjahren. In der Schule hatte sie Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Die mathematischen Fächer fielen ihr schwer. Sie fühlte sich von den Lehrern blossgestellt und begann sich abzugrenzen, anders zu kleiden. Weil sie sich unverstanden und wenig beliebt wähnte, suchte sie Halt bei neuen ‹Freunden›, die zwei, drei Jahre älter waren. Zu der Zeit war es irgendwie angesagt, Drogen zu probieren. Die Szene hat den jungen Leuten imponiert, und sie kamen leicht an das Zeug ran. Mit 14 hat meine Tochter das erste Mal gekifft. Aus Neugierde wurde regelmässiger Haschischkonsum. Dann schnupfte sie Koks und Heroin, eine Zeit hat sie auch gespritzt. Ich sehe ihre ersten, frühen Kontakte mit den Drogen als Rebellion gegen unser Zuhause und die Gesellschaft …

Alice allein konnte Viviane nicht in den Griff kriegen. Zwischenmenschlich hatten Mutter und Tochter Schwierigkeiten miteinander. Viviane wollte sich nicht an Regeln halten, mochte keine Strukturen. Schule oder Arbeit waren ihr deswegen ein Gräuel. Vieles empfand sie zu einengend, erachtete es als zu bieder. Sie hatte hohe Ansprüche an sich und war von sich selbst am meisten enttäuscht, konnte sie diese nicht erfüllen. Sie hat ihre Mutter kaum akzeptiert, weder als Autoritäts- noch als Vertrauensperson. Den engsten Bezug hatte sie zu ihrer Gotte, meiner Schwester Doris. Doch auch sie konnte nicht mehr tun, als für ihre Nichte da zu sein.

Koebi Kuhn

Vaterfreude: «Was ich weiss: Viviane war sehr stolz auf mich», so Köbi Kuhn. «Aber sie wollte ihr Leben selber steuern.»

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Eine Zeit lang lebte sie bei ihrer Grossmutter

Wir haben uns oft darüber unterhalten, was wir mit Viviane machen sollen. Eine Idee bestand darin, ihr ein anderes Umfeld zu geben. Während einiger Monate wohnte sie bei Verwandten, zuerst bei meiner Mutter, die mit ihr umgehen konnte. Die beiden verstanden sich gut. Aber auf Dauer wurde das Zusammenleben zu eng, die Generationen waren doch zu weit entfernt voneinander. 

Viviane war frühreif, in dem Sinn, dass sie ihr Leben lieber selber steuern wollte, als sich von den Erwachsenen etwas sagen zu lassen. Der Alltag gestaltete sich schwierig, weil sie weder pünktlich zu ihrer Lehrstelle als kaufmännische Angestellte in einer Immobilienfirma gehen mochte noch die Finger von den Drogen liess.

Koebi Kuhn

Überfordert: «Alice war streng und gleichzeitig extrem besorgt. Doch unsere Tochter entzog sich bald ihrer Aufsicht.»

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Wir haben wieder und wieder versucht, mit ihr zu reden

Zuerst habe ich leider gar nicht kapiert, wie sehr sie sich verrennt, dass das der Anfang einer tragischen Entwicklung sein sollte. Alice und ich haben wieder und wieder versucht, mit ihr zu reden. Doch keine Aussprache hat gefruchtet. ‹Wir Kinder vom Bahnhof Zoo› hatte sie zu ihrer Bibel auserkoren. Diese Berliner Drogengeschichte hat sie fasziniert. Wir hatten immer weniger Zugang zu ihr. Manchmal musste ich sie in der Nacht suchen gehen, weil sie nicht nach Hause kam.

An einmal erinnere ich mich, als sei es gestern gewesen: Es lag auf der Hand, dass sie sich auf dem Zürcher Platzspitz, dem Platz für Drogensüchtige, aufhielt. Ich fuhr los, um sie zu holen, und habe sie tatsächlich dort gefunden. In der Wut habe ich ihr die Drogen weggenommen, alles zertrampelt und in die Limmat geworfen. Deswegen war sie mir lange böse. Doch nicht einmal dieser Streit hat sie zur Vernunft gebracht, sondern unser Zusammenleben noch mehr belastet. Zum Glück war sie nicht sehr oft an den einschlägigen Orten – am Letten und am Platzspitz.

Viviane rutschte immer mehr in die Beschaffungskriminalität ab. 1990 kam sie das erste Mal ernsthaft mit dem Gesetz in Konflikt. Aus dem Bezirksgefängnis Zürich schrieb sie uns verzweifelte Briefe, in ihrer kindlichen Schrift, die mir fast das Herz brachen. Teilweise wurde sie in einer Arrestzelle verwahrt, ihr ging es körperlich schlecht, und sie haderte mit der Langeweile, der Sinn- und Hoffnungslosigkeit. ‹Ich verhirne 24 Stunden lang Probleme›, sagte sie.

Wenigstens kam sie an dem Ort nicht an Drogen – sie bekam Methadon als Ersatz, spürte aber den Entzug deutlich. ‹Ich bin total auf dem Aff›, schrieb sie uns in schlaflosen Nächten, ihre Schrift verwackelt, wenn es sie wieder schüttelte. Kleine Arbeiten, zum Beispiel Kuverts falzen, brachten ihr ein paar Franken am Tag ein, für die sie sich Zigaretten kaufte. ‹Also arbeiten werde ich hier, denn es ist nicht besonders kurzweilig›, meinte sie.
 

Koebi Kuhn

Eigensinnig: «Viviane war frühreif. Ich habe mich oft gefragt, warum sie so ganz anders sein wollte», so Vater Köbi Kuhn.

HO via Franziska Suter und Sherin Hafner

Viviane wünschte sich Besuch von Alice

Wenn sie mich unter Tränen anflehte: ‹Ich halte es nicht mehr aus. Bitte Papi, hilf mir! Hol mich hier raus!›, brachte mich das an die Grenzen des seelisch Erträglichen. Ihrem geliebten Grosi durften wir nichts verraten. Zu sehr schämte sich Viviane. Meine Frau nahm die ganze Situation extrem mit. Alice und ich hatten vereinbart, dass in der Regel ich Viviane besuchen sollte und wir uns streng an das hielten, was uns der Rechtsbeistand und der Sozialarbeiter empfahlen. ‹Hey Mami, wieso kommst du mich nicht besuchen? Ist es dir unangenehm? Ich würde mich wirklich freuen, wenn du trotzdem kämst. Wir sind doch alles auch nur Menschen›, schrieb Viviane an meine Frau.

Meine Bekanntheit nützte in dem Fall nicht immer. Manchmal gereichte sie sogar zum Nachteil. Die Polizisten kannten mich natürlich, meine Zeit beim FCZ lag nicht allzu lange zurück. Und sie machten sich ihr eigenes Bild von meiner Tochter. ‹Von der Polizei wurde ich heute als Schmuddel und frechä Siech artikuliert. Sie fanden, Papi sei ein anständiger, ehrbarer Bürger, doch ich sei das pure Gegenteil und mache ihm nichts als Schande. Ja, irgendwie muss halt jeder seine Karriere machen. Ich glaube, meine ist bereits abgelaufen, oder es wird gar keine geben?! Was solls?!›, schleuderte sie uns in Briefen entgegen.

‹Findet ihr das nicht ein bisschen unfair, auch wenn ich noch so ein Versager bin?› Solche Zeilen unterzeichnete sie mit ‹Eure vom Frust kaputte Viviane›. In besseren Momenten schien sie motiviert, etwas zu ändern: ‹Hier drin ist eine Minute wie eine Stunde, eine Stunde wie ein Tag, ein Tag wie eine Woche, und dieser Monat, wo ich schon hier bin, kommt mir vor wie ein Jahr. Ich möchte das alles endlich hinter mich bringen und mir einen Job und ein Zimmer suchen.›

Koebi Kuhn

Unbeschwert: «Nach aussen wirkte ich glücklich, innerlich zerriss es mich fast», bekennt Kuhn in seiner Autobiografie.

HO

Im November 1993 kam sie erneut sechs Wochen in Haft. Alice und mich belastete das Schicksal unserer Tochter sehr. Meine Frau war nervlich enorm strapaziert. ‹Ich fühle mich wie in einem endlosen Tunnel›, sagte sie zu mir. Trotzdem hoffte sie von ganzem Herzen, dass unsere Familie eines Tages wieder mal das Licht sehen würde.

Wir Eltern waren uns der gegebenen prekären Situation völlig bewusst – aber auch einig, dass uns allen nur noch mit fremder Hilfe eine bessere, hoffnungsvollere Zukunft aufgezeigt werden konnte. ‹Obwohl sinnlose traurige Jahre hinter uns liegen, sind wir der festen Überzeugung, dass wenn wir gezielte Hilfe in Anspruch nehmen dürfen, sich unser aller Leben wieder positiv verändern könnte›, schrieb Alice nach einem Besuch an Viviane. Weihnachten und Neujahr verbrachten wir zusammen auf der Rigi. Doch allzu grosse Hoffnung, dass uns das neue Jahr Frieden bringen würde, hegten wir nicht.

Koebi Kuhn

Schalkhaft: «Ich erinnere mich gern an die schönen Augenblicke voller Lebensmut», so Kuhn über Viviane.

HO

Sie konsumierte täglich Drogencocktails

1994 wurde Viviane zu zwölf Monaten Gefängnis verurteilt. Sie hatte mehrfach unbefugt Betäubungsmittel aufbewahrt, vermittelt, vor der Polizei versteckt und ähnliche Delikte begangen. Dafür hatte sie jeweils Kokain oder Heroin als Provision erhalten. Sie konsumierte täglich Drogencocktails. Die Strafe sollte ‹zugunsten einer ambulanten Behandlung ihrer Drogenproblematik›, wie es im Urteil des Bezirksgerichts Zürich hiess, aufgeschoben werden. Daraufhin kam unsere Tochter in die Psychiatrische Uniklinik Zürich. Der Beginn einer Serie an Therapien oder deren Versuch.

Anfangs gingen wir sogar zusammen in eine Art Familientherapie – Alice und ich hätten alles getan, um ihr zu helfen. Aber es hat letztlich zu keiner Verbesserung geführt. Sie fand die Sitzungen zwar interessant, war aber nicht wirklich bereit, so mitzumachen, dass sich etwas zum Guten verändert hätte. Und ich muss selbst zugeben, dass ich vielleicht auch nicht voll überzeugt von Therapeuten bin. Zweimal machte sie einen Entzug in einer Spezialeinrichtung in der Nähe von Bern. Von den Drogen kam sie im Lauf der Zeit durch eine Ersatztherapie (einem Mix aus Methadon und anderen Medikamenten) los. Vom Alkohol nicht …

Koebi Kuhn

In Sorge: Auf dem Balkon der Wohnung, wo Viviane bald darauf starb. «Mit dem Wissen von heute hätte ich einiges anders gemacht.»

Kurt Reichenbach

Viviane stirbt an einer Leberzirrhose

Der hat schliesslich auch zu ihrem Tod geführt. Sie hatte eine Leberzirrhose; dabei vernarbt und verhärtet sich die Leber. Ihre war am Ende hart wie ein Stein, sodass das Blut nicht mehr durch das Organ fliessen konnte. Das Blut hat sich einen anderen Weg gesucht, durch die Speiseröhre. Der Leberschaden führte zu Krampfadern in der Speiseröhre. Diese erweiterten, sehr dünnwandigen Venen können leicht einreissen, was bei ihr passierte. Sie hat Blut gespuckt. Jeder Schluck Alkohol hat sie dem Tod ein Stück näher gebracht.

Die Polizei fand meine Tochter tot in ihrer Wohnung. Viviane lebte seit Ende 2015 in einer Mietwohnung in meinem Haus im Kreis 3 in Zürich. Sie zog als Erste nach der Renovation ein. Ich habe sie, wann immer sie es brauchte, finanziell unterstützt und war für sie da. Es war ihr aber sehr wichtig, dass sie ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen führen konnte und dazu auch – dank IV-Rente – selbst in der Lage war.

Die Obduktion ergab, dass sie zwischen 12 Uhr am Samstag, 12. Mai, und 12 Uhr am Montag, 14. Mai 2018, gestorben ist. Später wurde als Todestag der 14. Mai festgelegt. In der Küche lagen zahlreiche Einkaufszettel, auf jedem Einzelnen fand sich ein Posten mit billigem Wodka. Vier leere Flaschen standen herum. Ihr Tod hat ein riesiges Loch in mein Herz gerissen.

Seine Tochter wünschte sich mehr gemeinsame Zeit

Ich denke viel darüber nach, wie es so weit kommen konnte. Meines Erachtens hat die Misere sehr früh angefangen. Alice war streng und gleichzeitig extrem besorgt. Sie wollte alles unter Kontrolle halten, doch unsere Tochter entzog sich bald ihrer Aufsicht. Viviane hatte ihren eigenen starken Willen. Mit den Kämpfen waren beide überfordert. Aufgrund ihrer Erfahrungen mit unserer Tochter wollte Alice auch keine weiteren Kinder. Also habe ich mich recht bald ihr zuliebe unterbinden lassen. Ich war glücklich, Nachwuchs zu haben, aber als Fussballer und später Trainer war ich berufsbedingt dauernd unterwegs. Zwar habe ich Viviane den Grossteil meiner kargen Freizeit gewidmet, doch sie machte mir das zum Vorwurf: Ich sei zu oft abwesend gewesen. Klar konnte ich mich in die Erziehung weniger einbringen als meine Frau, die daheim täglich mit ihr zusammen war. Sie musste darum strikter und konsequenter sein und hat Vivianes Frust mehr zu spüren bekommen.

Auf der einen Seite stand mein Erfolg im Beruf, auf der anderen standen die familiären Probleme. Nach aussen wirkte ich glücklich und erfolgreich. Innerlich zerriss es mich fast. Das kann man durchaus als meine persönliche Tragödie bezeichnen.

Am 23. Mai 2018 fand die Beerdigung statt. Viviane wurde im Familiengrab neben ihrer Mutter auf dem Friedhof Sihlfeld beigesetzt. Die Trauerfeier im engsten Familienkreis leitete dieselbe Pfarrerin wie bei Alice 2014. Am Tag danach gab es eine zweite Gedenkfeier für ihren Freundeskreis.

Erst daraufhin liessen wir eine Todesanzeige in der Zeitung platzieren, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erregen. Meine Geschwister und ich hatten ein Gedicht von Rilke gewählt: ‹Wenn ihr an mich denkt, denkt an die Stunde, in der ihr mich am liebsten hattet. › Und das tun wir.»

«Köbi Kuhn» – Die Autobiografie

Koebi Kuhn Autobiografie Cover
HO

Lebensgeschichte
Köbi Kuhn & Sherin Kneifl: Die Autobiografie erscheint am 18. April 2019 bei Orell Füssli.

Zum vollständigen Buchauszug mit dem Kapitel über Tochter Viviane gehts hier.

am 17. April 2019