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Komikerin Jane Mumford

«Männer kommentieren oft mein Aussehen»

Als Kind wurde sie rot, wenn sie vor der Klasse sprach. Als Kabarettistin steht Jane Mumford heute im Rampenlicht. Beim unfreiwilligen Zügeln verrät sie, wie Rollenbilder sie bis heute prägen. Und warum sie die Gothic-Szene befreite.

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<p>Mit einem Papierflieger verab­schiedet sich Jane Mumford von Wiedikon, ihrem Lieblingsquartier in Zürich. «Ich bin schon etwas traurig.»</p>

Mit einem Papierflieger verabschiedet sich Jane Mumford von Wiedikon, ihrem Lieblingsquartier in Zürich. «Ich bin schon etwas traurig.»

Joseph Khakshouri

«This is so emotional», sagt Jane Mumford (37). Die Kabarettistin mit britischen Wurzeln steht auf dem Balkon ihrer Wohnung in Zürich Wiedikon im vierten Stock. In der Hand hält sie einen Papierflieger, auf dem sie sich selbst als winkende Comicfigur gezeichnet hat. Sekunden später lässt sie die Papierschwalbe los und beobachtet, wie diese sanft auf dem Asphalt landet.

Es ist ein symbolischer Abschied von ihrem Lieblingsquartier. Drei Jahre lebte die studierte Animationszeichnerin hier. Jetzt muss sie raus – unfreiwillig. «Die Verwaltung begann grundlos, befristete Verträge auszustellen. Anscheinend wollen sie nicht, dass sich jemand im Leben wohlfühlt», stichelt die Gewinnerin des Swiss Comedy Award 2025. «Ich habe noch nie so viel für die SP gespendet wie jetzt.»

<p>Jane Mumford ist studierte Animatorin. «Ich liebe Comics»: Fürs SI-Shooting zeichnet sie sich auf den Papierflieger.</p>

Jane Mumford ist studierte Animatorin. «Ich liebe Comics»: Fürs SI-Shooting zeichnet sie sich auf den Papierflieger.

Joseph Khakshouri

In Zürich hat sie keine eigene Bleibe gefunden. Deswegen ist ihr neues Zuhause vorübergehend bei ihrem Freund Nick (35). Seit zweieinhalb Jahren ist die Komikerin mit dem Musiker liiert. Es verbindet sie eine gemeinsame Liebe zu ihrem Hauptinstrument: dem Schlagzeug – und die 90er-Coverband Pritney Beers, mit der sie an Geburtstagen, Scheidungspartys und Sommerfesten zusammen auftreten. Auch Nick wäre beim heutigen SI-Shooting dabei gewesen – doch ihn plagt eine hartnäckige Erkältung. «Keine Ahnung, was ihn da erwischt hat», sagt Jane.

Während sie in den ausgeräumten Küchenschränken vergebens nach Zucker für den frisch gebrauten Kaffee sucht, schwärmt sie von Nicks Wohnung. «Ich habe mich sofort wohlgefühlt. Er hat sie schön und sehr minimalistisch eingerichtet.» Grinsend fügt sie an: «Das wird sich mit meinem Scheiss ändern.»

<p>Jane Mumford gilt als eine der unkonventio­nellsten Stimmen der Schweizer Kleinkunstszene und mischt Humor mit Haltung und einer Prise Chaos.</p>

Jane Mumford gilt als eine der unkonventionellsten Stimmen der Schweizer Kleinkunstszene und mischt Humor mit Haltung und einer Prise Chaos.

Joseph Khakshouri

Dass sie sich auf die Nerven gehen, glaubt Mumford nicht. «Wir sind generell keine Köpfe-einschlagen-Typen. Ausserdem haben wir das Zusammenleben kürzlich in London getestet, es war mega.» Drei Monate verbrachte das Paar in einer Künstlerresidenz. «Ich merkte, dass ich eine Pause brauchte, war in einer Phase, in der ich viele Dinge machte, aber gar nicht mehr gespürt habe, wie toll diese sind», gesteht sie. London sei der perfekte Ort gewesen. Nicht nur, weil sie bislang nie Zeit hatte, die Heimatstadt ihres Vaters, eines Jazzmusikers, zu entdecken. «Auch, weil ich dort Raum bekam, einfach ich zu sein. Ich konnte machen, was ich wollte und worauf ich Lust hatte.»

Mit vielen Inspirationen im Gepäck kehrte sie zurück in die Schweiz – und auf die Bühne. Seit einem Jahr tourt sie mit ihrem aktuellen Programm «Leben!» durchs Land. Darin erzählt sie von ihren Jugendjahren, ihrer Gothic-Phase, vom Scheitern und davon, wie schwer es manchmal ist, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Denn als Kind sei sie alles andere als selbstbewusst gewesen. «Ich war mega schüchtern», gesteht Jane, die ein grosser Fan der britischen Komikertruppe Monty Python und der Kabarettistin Hazel Brugger ist. «Ich konnte früher nicht mal vor der Klasse vorlesen, meine Hände zitterten und ich lief rot an. Zum Glück gibts Make-up.»

<p>Die letzten Habseligkeiten aus drei Jahren Wiedikon: Die Komikerin posiert mit einigen originell verpackten Bildern.</p>

Die letzten Habseligkeiten aus drei Jahren Wiedikon: Die Komikerin posiert mit einigen originell verpackten Bildern.

Joseph Khakshouri

Wenn das Leben Regeln bekommt

Irgendwann kam die Teenagerzeit – und mit ihr die Erkenntnis, dass die Welt nicht für alle gleich funktioniert. Jane erzählt, wie sie damals in der klaren Einteilung von Mädchen und Buben keinen Platz fand. «Plötzlich wirst du sexualisiert und merkst, dass Frauen gewisse Dinge sollen und andere nicht dürfen.» In der Gothic-Szene fand sie ihren Ort, an dem alles möglich war – ohne Geschlechterrollen. «Ich konnte mich verkleiden, mich ausprobieren. Und je schräger man aussah, desto cooler wars.»

Wie ihre Eltern auf den düsteren Look reagierten? Jane lacht. «Mein Vater fand, Goths seien depressiv und nicht mehr lebensfreudig. Für mich war das Gegenteil der Fall – es war mein Weg zurück zur Lebensfreude.» Ihre Mutter dagegen – sie kam vor Janes Geburt von London in die Schweiz zurück, weil die Geburtshäuser in England «so schrecklich waren» – fand es jeweils cool, dass ihre drei Kinder machten, was sie wollten. «Und sie findet das bis heute sehr gesund.»

<p>Zum Auszug räuchert die Zürcherin ihre Wohnung aus – allerdings ohne spirituelle Expertise. «Ich hoffe, es beschweren sich keine Hexen bei mir.»</p>

Zum Auszug räuchert die Zürcherin ihre Wohnung aus – allerdings ohne spirituelle Expertise. «Ich hoffe, es beschweren sich keine Hexen bei mir.»

Joseph Khakshouri

Vom Goth zum Punk

Vom Goth-Look hat sich Mumford inzwischen verabschiedet. Im Alltag sei sie heute eher «shabby-punkig» unterwegs. Doch auf der Bühne bleibt sie den schwarzen Klamotten treu. «Das passt zum aktuellen Programm. Und ich finds cool, relativ neutral zu bleiben. Die Leute projizieren schon genug in eine Frau.» Ihre Frisuren, etwa ihr pinker Vokuhila, der bald einer neuen Mähne weichen soll, sorgen häufig für Aufregung. «Männer kommentieren oft mein Aussehen unter meinen Videos», sagt sie. «Aber wenn jemand etwas völlig Unpassendes zu meinem Äusseren schreibt, blocke ich die Person einfach. Und tue damit nicht nur mir einen Gefallen.»

Mumfords Humor ist scharf, aber nie verletzend. «Ich versuche, keine Scherze über das Aussehen von Leuten zu machen. Das ist für mich die faulste Art von Witz.» Jane rebelliert, aber in einer freundlichen und schrägen Form. Neben Auftritten mit dem Comedy-Duo 9 Volt Nelly ist sie oft in deutschen Comedyshows zu sehen. Und aktuell arbeitet sie an einem neuen Bühnenprogramm. Diesmal geht es um Beziehungen – Freundschaften, Familie, Liebe «und all die hässlichen Gefühle, die dazugehören. Es geht um das, was man eigentlich lieber verstecken würde – Eifersucht, Ungeduld, Neid – all das, was einen zu einem richtig miesen Menschen machen kann.»

<p>Der Friedhof Sihlfeld, für Mumford ein Ort zum Durchatmen. Etwa nach Beziehungsenden. Sie scherzt: «Immerhin lebe ich noch!»</p>

Der Friedhof Sihlfeld, für Mumford ein Ort zum Durchatmen. Etwa nach Beziehungsenden. Sie scherzt: «Immerhin lebe ich noch!»

Joseph Khakshouri

An Ideen mangelt es ihr nicht – und an Zukunftsplänen schon gar nicht. Ihr grosser Traum? «Ein gut sitzender Blazer. Und eine eigene Late-Night-Show. Mit intelligenten Gästen, aber trotzdem lustig.» Jane Mumfords Blick schweift über Kisten, Koffer und eingepackte Bilder. «Für den Moment wünsche ich mir aber vor allem Leichtigkeit. Und eine unbefristete Wohnung – das Leben ist befristet genug.»

AG
Andrea GermannMehr erfahren
Von Andrea Germann am 2. Februar 2026 - 06:00 Uhr