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U23-Weltmeister vor seiner Premiere

Marc Hirschi ist das Supertalent

Als Zehnjähriger sah Marc Hirschi Fabian Cancellara beim Sieg an der Tour de Suisse – und war beeindruckt. Heute ist er U23-Weltmeister, Hoffnungsträger und steht vor einer Premiere.

Marc Hirschi, U23-Weltmeister im Radfahren, steht vor seiner ersten Tour de Suisse. Aufgenommen in Ittigen. Sein Vater Heinz hat ihn in den Jungen Jahren Trainiert und seine Velos präpariert. Bild © Remo Naegeli

Grosser Förderer: Marc Hirschi mit seinem Vater Heinz im Garten in Ittigen BE. Von ihm hat er auch die Leidenschaft – und die Ruhe.

Remo Nägeli

Was braucht man mehr als das Wesentliche? In Marc Hirschis Zimmer hängt das Weltmeistertrikot in einem Rahmen an der Wand. Drei Champagnerflaschen stehen auf dem Boden, auf einem Gestell Pokale und Medaillen. «Die motivieren mich, wenn es mal nötig ist», sagt Hirschi, als er auf dem Bett sitzt, einen Bildband von Fabian Cancellara in den Händen.

Motivationsprobleme bei Marc Hirschi? Kaum vorstellbar, so steil wie die Karriere des 20-Jährigen bisher verlaufen ist. Er ist Bahn-Weltmeister bei den Junioren, Europa- und Weltmeister auf der Strasse bei den unter 23-Jährigen. Und nun verblüfft er in den ersten Monaten seiner ersten Profisaison. Ab Samstag darf er an der Tour de Suisse mitmischen, «die Vorfreude ist riesig».

ABD0084_20180928 - INNSBRUCK - OESTERREICH: Sieger Marc Hirschi (SUI) jubelt am Freitag, 28. September 2018, waehrend des Strassenrennens der Maenner-U23 im Rahmen der UCI-Strassen-Rad-Weltmeisterschaften in Innsbruck. (KEYSTONE/APA/HERBERT NEUBAUER)

Grosser Triumph: In Innsbruck wird Hirschi 2018 Weltmeister der U23 im Strassenrennen.

Keystone

Trotz Erfolg: Zuhause wird Marc ganz normal behandelt

Zehn Jahre ist es her, seit er zum ersten Mal an der Landes-Rundfahrt dabei war. Als zehnjähriger Bub fährt er mit seinem Vater mit dem Velo ans Abschluss-Zeitfahren nach Bern, sieht morgens zu, wie alles aufgebaut wird, wie sich die Fahrer vor den Teambussen aufwärmen – und wie Fabian Cancellara das Rennen gewinnt. «Er war von Anfang an mein Vorbild und meine Inspiration», sagt Hirschi, der in Ittigen BE nur ein paar hundert Meter neben dem Ex-Profi lebt.

Hier erholt sich Marc Hirschi, wenn er zwischen Renneinsätzen oder Trainingslagern zu Hause ist. Auch die drei Geschwister Angela, 23, Fabian, 19, und Joel, 13, leben noch daheim. Am liebsten geniesst Hirschi das Nichtstun im Garten, schaut Netflix und Fussball oder geht mit Kollegen an die Aare. Zu Hause gross über seine Karriere sprechen tut er nicht. «Er ist der Ruhige unter uns», sind sich alle einig.

Marc Hirschi, U23-Weltmeister im Radfahren, steht vor seiner ersten Tour de Suisse, ausruhen mit Katze Mira im Garten. Aufgenommen in Ittigen. Bild © Remo Naegeli

Entspannen: In einer Rennpause mit Katze Mira im Garten. In den Ferien macht er am liebsten Städtetrips.

Remo Nägeli

Das hat er von Vater Heinz, 51, genauso wie seine Leidenschaft für den Radsport. Dieser begann nach dem Militär mit dem damals neuen Mountainbike – zu spät, um Profi zu werden, aber rechtzeitig, um einen grossen Eifer zu entwickeln. Und Marc zog mit. Er tritt dem Radrennclub Bern bei, lernt aber auch von seinem Vater viel.

Dieser hält Pulswerte des Jugendlichen fest, lässt ihn ein Trainingstagebuch führen – alles spielerisch, die Freude steht im Vordergrund. Und er hält ihn früh dazu an, seine Mitfahrer und Gegner genau zu beobachten. Übersicht und Cleverness – Rennen werden nicht nur mit den Beinen gewonnen. Sein Renninstinkt ist heute einer seiner grössten Trümpfe.

Anderes muss er ihm nicht beibringen. Dass Marc Ehrgeiz hat, zeigt er immer wieder. Mit der Familie folgt er ein paar Tage der Tour de France – schlafen im Auto, zwei Tage vor dem Rennen wie Tausende andere Fans die Pässe abfahren. An der Alpe d’Huez lässt der Youngster reihenweise Amateurfahrer stehen.

Marc Hirschi, U23-Weltmeister im Radfahren, steht vor seiner ersten Tour de Suisse. Aufgenommen in Ittigen. Bild © Remo Naegeli

Zurückziehen: Die Weltmeisterstreifen dominieren in Marc Hirschis Zimmer. Die Bücher von Fabian Cancellara, seinem Idol, besitzt er auch.

Remo Nägeli

Marc fühlt sich als Neuling wohl bei den Stars

Anfang Jahr ist Hirschi beim Team Sunweb bei den Profis angekommen, mit 20 Jahren einer der Jüngsten in der höchsten Kategorie. Normalerweise brauchen Neoprofis zwei, drei Jahre, um sich an die Distanzen und das Tempo auf höchster Stufe zu gewöhnen. Und Hirschi? Verliert beim Klassiker Mailand–Sanremo nicht mal eine halbe Minute. Fährt bei der E3 Classic in Belgien in die Top Ten. Bei der Baskenland-Rundfahrt wird er einmal Vierter und einmal Fünfter. «Das hat mich schon selbst überrascht.»

In der Zukunft sieht er sich vor allem für schwere Eintagesklassiker und kleinere Rundfahrten geeignet. Schwester Angela sagt: «Wir sind so stolz, was er erreicht hat. Es ist fast unwirklich, wie er gegen die Älteren fährt.» Im Team mit Stars wie Tom Dumoulin oder Michael Matthews fühlt sich der Neuling wohl. «Für einen Leader, den man respektiert, gibt man noch ein bisschen mehr, als wenn mans einfach als Job betrachtet.»

Marc Hirschi, U23-Weltmeister im Radfahren, steht vor seiner ersten Tour de Suisse. Im Bilder seine ganze Familie: Bruder Joel (13) Schwester Angela (239 Mutter Erika und Vater Heinz. Aufgenommen in Ittigen. Bild © Remo Naegeli

Familiensache: Bruder Joel, Schwester Angela, Mutter Erika, Bruder Fabian, Marc und Vater Heinz (von links).

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Die Tour de Suisse zu fahren, war Hirschis einziger Wunsch beim diesjährigen Rennkalender. Er wird fürs Team arbeiten müssen, hofft aber auch, mal in eine Fluchtgruppe zu kommen. Vor allem die zweite Etappe, ein Rundkurs um Langnau i. E., hat es ihm angetan. Dort wird auch sein Idol Fabian Cancellara sein. Längst kennen sich die beiden Ittiger, waren schon zusammen auf dem Rennvelo unterwegs. Und nun ist es der Ältere, der dem 17 Jahre Jüngeren die Daumen drückt.

Von Eva Breitenstein am 16. Juni 2019