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Ihr Leben nach der Folterhaft in Belarus

Natallia Hersche ist wieder frei – was nun?

In Belarus, dem Land, in dem sie aufwuchs, ging sie für faire Wahlen, Demokratie und Freiheit auf die Strasse. Ihren Mut bezahlte Natallia Hersche mit anderthalb Jahren Gefängnis. Vor einem Monat kam die Ostschweizerin überraschend frei. Stück für Stück baut sie ihr Leben wieder zusammen.

ZUERICH, 19.03.2022 - Die schweizerisch-belarussische Doppelbuergerin Natallia Hersche, fotografiert an der Glatt in Zuerich-Schwammendingen. Hersche war am 18.03. nach 18 Monaten in Haft in Belarus freigekommen und in die Schweiz zurueckgekehrt. PHOTO BY PASCAL MORA

Im März 2022 ist sie zurück in der Schweiz. Am Ufer der Glatt in Zürich Schwamendingen findet sie Ruhe.

PASCAL MORA

Es blendet. Ohne Sonnenbrille hält Natallia Hersche das Licht an diesem sonnigen Vormittag fast nicht aus. «Meine Augen sind empfindlich geworden. Und auch meine Sehkraft hat nachgelassen.» Die 52-Jährige spaziert entlang der Glatt in Zürich Schwamendingen. Dieser Ort, den sie bis vor Kurzem nicht kannte, hat heute eine besondere Bedeutung für sie. «Ich kam am ersten Tag meiner Freilassung hierher», sagt sie mit leiser Stimme. «Obwohl ich so viele Gedanken in meinem Kopf hatte, fand ich hier etwas Ruhe.»

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Natallia Hersche sass über 500 Tage in verschiedenen belarussischen Gefängnissen. Vor einem Monat kam sie unerwartet frei. Die schweizerisch-belarussische Doppelbürgerin lebt jetzt bei ihrer Tochter Violetta Kasjan, 23, in Zürich. «Ich bin glücklich, dass meine Mutter wieder da ist», sagt die Studentin. «Erst jetzt wird mir bewusst, wie schlimm alles war.»

Natallia Hersche, wie geht es Ihnen?
Eigentlich gut. Ich gewöhne mich an meinen neuen Alltag, und auch körperlich gehts mir immer besser. Aber ich fühle, dass noch etwas tief in mir drin ist. Es ist Zeit, dass ich einen Psychotherapeuten suche. Nur ist es nicht so einfach, einen guten zu finden.

Was fühlen Sie in sich?
Das ist schwierig zu beschreiben. Letztens sagte meine Tochter, dass ich jetzt das Bett anders mache. Es ist mir gar nicht aufgefallen – aber ich lege die Decke immer noch so zusammen, wie ich es im Gefängnis machen musste. Das muss ich unbedingt loswerden.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Morgens wache ich früh auf, die Gedanken kreisen oft in meinem Kopf und lassen mich nicht schlafen. Ich organisiere viel. Ich muss eine Wohnung finden. Ich lebe momentan in der WG meiner Tochter. Wir haben ein kleines Zimmer und schlafen im gleichen Bett. Und ich möchte die Geschichte meiner Gefangenschaft erzählen. Das ist nun die wichtigste Aufgabe, die ich habe.

ZUERICH, 19.03.2022 - Die schweizerisch-belarussische Doppelbuergerin Natallia Hersche und ihre Tochter Violetta Kasjan , fotografiert in Zuerich-Schwammendingen. Hersche war am 18.03. nach 18 Monaten in Haft in Belarus freigekommen und in die Schweiz zurueckgekehrt. PHOTO BY PASCAL MORA

Anderthalb Jahre lang sahen sich Mutter und Tochter nicht. Nun wohnen die beiden Frauen zusammen.

PASCAL MORA

Die Geschichte von Natallia Hersche beginnt in der Industriestadt Orscha in Belarus. Sie wächst zusammen mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Gennadi hier auf, 50 Kilometer westlich von der russischen Grenze. Ihr Vater ist Maschinenbauingenieur, die Mutter Zugbegleiterin. Als Mädchen zeichnet sie viel und spielt gern draussen mit ihren Freunden. «Es war eine ganz normale sowjetische Kindheit», sagt sie. «Wir hatten nicht viel, aber es stand immer Essen auf dem Tisch.» 2007 kommt sie – inzwischen Mutter von zwei kleinen Kindern – in die Schweiz. Sie heiratet einen Appenzeller. Vor vier Jahren stirbt ihr Ehemann. Hersche zieht nach St. Gallen.

Fast jedes Jahr besucht sie Freunde und ihre Familie in Belarus. Auch im September 2020 fliegt sie für zehn Tage nach Minsk. Kurz zuvor lässt sich Alexander Lukaschenko bei der Präsidentenwahl in Belarus – mit angeblich 80,1 Prozent der Stimmen – zum Sieger erklären. Tausende Belarussinnen und Belarussen protestieren auf den Strassen, darunter auch die Ostschweizerin. Lukaschenko reagiert mit brutaler Härte: Er lässt Abertausende Menschen wegsperren und foltern. Als ein Polizist Natallia Hersche festnimmt, zieht sie seine Sturmhaube runter. «Ich wollte das Gesicht der Person sehen, die mich verhaftet.» Drei Monate später wird sie zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt. Ihr Fall erreicht die höchste politische Ebene, Aussenminister Ignazio Cassis setzt sich für sie ein. Vergeblich.

Aus der Haft schrieben Sie, es ist brutal, den Frühling im Gefängnis zu verbringen.
Draussen fing alles an zu blühen. Ich sah die Blumen wachsen und hörte die Vögel zwitschern. Neues Leben erwachte. Jedes Mal, wenn ich den Frühling spürte, litt mein Herz etwas mehr.

In der Frauen-Strafkolonie in der Stadt Gomel wurden Sie gezwungen, Uniformen zu nähen.
Ich sagte von Anfang an, dass ich für ein solches Regime keine Uniformen nähe. Dafür wurde ich bestraft. Ich musste für 46 Tage in den Karzer. Das war das Schlimmste, was ich erleben musste. Es war Folter.

Ein Karzer ist eine Zelle aus Zeiten der Sowjetunion. Wie sah es da aus?
Der Raum ist etwa 1,5 Meter breit und sieben Schritte lang. In der einen Ecke steht ein Lavabo, in der anderen ein Abflussloch. Hoch oben gibt es ein vergittertes Fenster. An der Wand ist ein Holzbett angebracht, das die Wär- ter jeweils abends um 22 Uhr runtergelassen haben, damit ich darauf schlafen konnte. Der Raum ist so gebaut, dass es immer Durchzug gibt und kalt ist.

Was hatten Sie bei sich?
Nur die Gefängniskleidung, die ich trug: ein Rock, ein Oberteil, ein Slip und Socken. Alles abgenutzt, und auf der Rückseite des Oberteils stand gross «Karzer». Und dann hatte ich noch ein Küchentuch, dieses diente als Decke oder Matratze.

Natallia Hersche

Im Dezember 2020 wurde Hersche in Belarus zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten verurteilt.

ZVG

Wie hielten Sie die Kälte aus?
Ich trieb Sport, um mich aufzuwärmen. Nachts joggte ich auf der Stelle. Das machte ich etwa 20 Minuten lang, legte mich für 20 Minuten hin und schloss die Augen. Danach musste ich wieder joggen. Das ging ganze Nächte lang so

Wie haben Sie es geschafft, nicht zu verzweifeln?
Ich wusste, dass ich zum Arzt darf, falls ich gesundheitliche Probleme bekomme. Das beruhigte mich. Und ich konnte diese Bestrafung irgendwie ertragen, weil ich wusste, wofür ich kämpfe. Innerliche Proteste erlebte ich nicht. Ich war mit meinen Gedanken beschäftigt. Mir war nie langweilig.

Wie ging es Ihnen gesundheitlich?
Einmal, als ich auf dem Betonhocker sass, nickte ich kurz ein. Ich fiel zu Boden und schlug den Kopf an, es blutete sehr stark. Ich bekam dann medizinische Hilfe. Als ich später wegen der Kälte und der Feuchtigkeit starke Schmerzen in den Knien und Fussgelenken bekam, musste ich mehrere Tage warten, bis ich behandelt wurde.

Erlebten Sie noch andere Arten von Folter?
Es gab keine Schläge, aber die Wärter fassten uns grob an und schubsten uns. In einem Gefängnis beschallten sie mich tagelang mit dem staatlichen Radiosender, der extrem laut eingestellt war. Insgesamt verbrachte ich zehn Monate in Einzelhaft.

Sie hätten ein Gnadengesuch unterschreiben können. Dann wären Sie wahrscheinlich freigekommen. Warum taten Sie das nicht?
Weil ich unschuldig bin und nichts Falsches gemacht habe. Ich kann mich nicht selber belügen. Das wäre noch schlimmer gewesen. Dann hätte ich nicht weiterleben können. 

ZUERICH, 19.03.2022 - Die schweizerisch-belarussische Doppelbuergerin Natallia Hersche, fotografiert an der Glatt in Zuerich-Schwammendingen. Hersche war am 18.03. nach 18 Monaten in Haft in Belarus freigekommen und in die Schweiz zurueckgekehrt. PHOTO BY PASCAL MORA

Natallia Hersche will die Geschichte ihrer Gefangenschaft öffentlich machen. «Das ist die wichtigste Aufgabe, die ich habe.»

PASCAL MORA

Am Morgen des 18. Februar wird Natallia Hersche in der Zelle geweckt. Sie soll ihre Sachen packen. Am gleichen Abend landet sie in Zürich. Sie ist frei. Müde tritt sie am Flughafen vor die wartenden Medienleute. «Grüezi», sagt sie mit einem Lächeln – und dann leise: «Ich wäre gern noch zum Coiffeur gegangen.» Was den Ausschlag für die Freilassung gegeben hat, ist nicht klar. Einen Deal habe es nicht gegeben, betont das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA). Eine Rolle spielte vielleicht, dass die Schweiz kurz vor der Freilassung wieder eine Botschafterin nach Belarus entsandte.

Was gab Ihnen so viel Kraft, die 17 Monate Gefangenschaft zu überstehen, ohne zu zerbrechen?
In schweren Momenten half mir der Glaube. Ich hatte immer eine Bibel dabei. Ich las viel – die christliche Literatur gab mir sehr viel Halt.

Waren Sie schon immer gläubig?
Ich bin nicht oft in die Kirche gegangen. Aber das hat für mich auch nicht viel mit Glaube zu tun. Für mich ist Gott in mir drin. Ohne meinen Glauben wäre ich ganz sicher nicht im gleichen Zustand aus dem Gefängnis rausgekommen wie jetzt.

Natallia Hersche arrives at Zurich Airport on Friday, February 18, 2022 in Zurich, Switzerland. Swiss-Belarusian dual citizen Natallia Hersche has been released after 17 months in prison in Belarus. Hersche had taken part in a rally against the regime of ruler Alexander Lukashenko in Minsk on September 19, 2020 and had been arrested. (KEYSTONE/Pool/Michael Buholzer)

Wenige Stunden nach ihrer Feilassung kommt Hersche in Zürich an. «Ich hatte fünf Minuten Zeit zum Packen.»

keystone-sda.ch

Kontakt zu Ihren Kindern hatten Sie nicht. Wie war das für Sie?
Es hat mich beruhigt, dass meine Kinder erwachsen sind. Mein Sohn ist 27, meine Tochter 23. Mein damaliger Partner hat sich um sie gekümmert, wenn es Probleme gab. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Ihre Beziehung hat nicht gehalten?
Nein, wir waren zu lange getrennt.

Was ist mit Ihrer alten Wohnung geschehen?
Die wurde mir gekündigt, und eine Räumungsfirma hat alles entsorgt. Meine Sachen sind fast alle weg – ich habe nur noch etwas Kleidung, ein Sofa und einen Tisch. Es war schlimm für mich, als ich davon erfahren habe. Aber irgendwann habe ich mir gesagt, dass andere Menschen auch alles verlieren. Die Ukrainerinnen und Ukrainer, die vor dem Krieg fliehen müssen, haben auch nichts mehr.

Ihr Arbeitgeber hat Ihnen Ihre Stelle offen gehalten. Kehren Sie zurück?
Das weiss ich noch nicht. Momentan bin ich krankgeschrieben. Ich werde mich in den nächsten Tagen mit meinem Chef treffen, und dann besprechen wir alles.

Was würden Sie jetzt gern machen?
Ich wollte immer schon einen gestalterischen Vorkurs besuchen. Davon träume ich seit Langem. Aber zuerst konzentriere ich mich darauf, eine Wohnung für mich und meine Tochter zu finden.

Werden Sie je wieder nach Belarus reisen?
Nein. Ich weiss, was mich dort zurzeit erwartet: das Gefängnis. Eine Reise nach Belarus kommt für mich erst infrage, wenn Lukaschenkos Regime durch eine demokratische Regierung abgelöst wird.

Von Silvana Degonda am 26. März 2022 - 12:06 Uhr
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