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  4. Marco Odermatt zwischen Adelboden-Podest und Ski-WM

Der Skistar und sein Traumwinter

Odermatt ist on fire!

Er ist Swiss-Skis heissestes Eisen im Feuer und Teil der coolsten Clique im Skisport: Marco Odermatt und das Schweizer Riesenslalom-Team sind frech, selbstbewusst und mit viel Charme an die Weltspitze gefahren.

Skifahrer Marco Odermatt in Engelberg. 12.01.2021

Gemütlichkeit statt Lauberhorn-Trubel: Marco Odermatt gönnt sich eine Pause in Engelberg OW.

david birri

Das Feuer knistert mitten im Wald etwas ausserhalb Engelbergs. Marco Odermatt setzt sich plaudernd auf den Schlitten. «Eine ziemlich gemütliche Woche», stellt er fest. Schuld daran ist die Absage der Lauberhornrennen, aber so fest stört ihn das nicht: Ein bisschen Indoor-Golf beim Kollegen, vielleicht mal Pulverschnee fahren – er nutzt die unerwartete Pause, um in der Natur und mit Freunden Kraft zu tanken.

Ohnehin bringt eine Rennabsage diesen Odermatt nicht aus dem Konzept. Zwar gibt es tatsächlich nur eines, worüber er sich generell aufregen kann: wenn etwas nicht nach seinem Plan läuft. «Ich bin schon ein bisschen verwöhnt in der Hinsicht: Alles läuft, wie es soll. Auf meinem Level wird viel für einen getan, ohne dass ich Bittibätti machen muss.» 

Da er auf die Lauberhorn-Absage aber keinen Einfluss hat, ist das schnell abgehakt – da ist er trotz seinen erst 23 Jahren viel zu gelassen, als dass er darauf Energie verschwenden würde. Abgeklärt kurvt er diese Saison im Schnitt in jedem dritten Rennen aufs Podest. Und gewinnt mit seiner gelassenen Sonnyboy-Art jedes Mal neue Fans. Im Kopf habe er den grössten Schritt gemacht im letzten Jahr: Er sei nicht nur auf die Resultate fixiert, sondern gehe alles etwas lockerer an. «Der Typ reift jeden Tag», sagt sein Trainer Helmut Krug. Aufgaben, die er ihm stellt, sind zwei Wochen später bereits überholt. Und Marc Berthod, vor Odermatt der letzte Schweizer Podestfahrer im Riesenslalom von Adelboden: «Er hat einfach dieses Champion-Gen.»

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Bei allem Ehrgeiz: Odermatt ist es wichtig, ein Leben neben dem Skisport zu haben. Golf und Wassersport stehen hoch im Kurs.

david birri

Dieses hat ihn zu einem der Favoriten auf den Gesamtweltcup gemacht. Das Selbstvertrauen ist riesig, und Odermatt ist Treiber des wieder auferstandenen Schweizer Riesenslalom-Teams, das im letzten Jahrzehnt so untendurch musste. Wurde Trainer Krug vor wenigen Jahren im Scherz geraten, er solle seine Swiss-Ski-Jacke umdrehen, wenn er sich in den Adelbodner Zielraum begebe, sind seine Jungs heute die begehrteste Clique im Weltcup. Loïc Meillard, 24, Justin Murisier, 29, und Gino Caviezel, 28: Alle standen diesen Winter wie «Odi» bereits auf einem Riesenslalom-Podest und verstehen sich prächtig. Sie gehen zusammen in die Ferien, haben ihre kleinen Spielereien: Beim Fussballtennis, Jassen oder Brändi Dog spielen sie darum, wer den täglichen Kaffee-und-Kuchen-Plausch übernimmt. «Es geht um nichts Grosses, aber immer um Ruhm und Ehre», sagt Odermatt augenzwinkernd. 

Vier Schlitzohren im Team

Allen vier gemein ist der Ehrgeiz und die Professionalität; sie profitieren voneinander, eine Hierarchie gibt es nicht. «Odi ist der junge Unbekümmerte, der Jüngste halt», sagt Caviezel. «Ich kitzele und provoziere die anderen eher, fordere sie heraus.» Murisier sei die «Wildsau», kann auch mal aufbrausend sein, ein Kämpfer, während Meillard eher der ruhige Top-Athlet ist. Auch Trainer Krug schwärmt: «Die sind alle ehrlich, bodenständig, bescheiden. Aber auch Schlitzohren, wie so junge Leute halt sind.» Was der Tiroler bewundert: «Wie sie sich gegenseitig auch in schwereren Zeiten akzeptieren. Scheidet einer aus, nehmen sie den abends wieder in die Gruppe auf, ziehen den so richtig mit.» Trainer wie Athleten reden beim Znacht auch gern über etwas anderes als den Sport.

SOELDEN, AUSTRIA - OCTOBER 18: Gino Caviezel (left) and Marco Odermatt (right) both of Switzerland talk to each other after their second run in the Men's Giant Slalom of the Audi FIS Alpine Ski World Cup on October 18, 2020 in Soelden, Austria. (Photo by Andreas Schaad/Getty Images)

Das Schweizer Riesenslalom-Team ist wieder erstarkt. Hier feiern Odermatt (r.) und Gino Caviezel ihre Podestplätze beim Saisonauftakt 2020 in Sölden, Österreich.

Getty Images

«Bei den Spielereien im Team gehts um nichts Grosses – ausser Ruhm und Ehre»

Marco Odermatt

Odermatt hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sich in seinem Leben nicht alles ums Skifahren dreht. Er sei schliesslich nur einmal jung, sagte er, als er vor drei Jahren gleich fünfmal Gold an der Junioren-WM gewonnen hat. Er ist auf jeden Fall nicht der Erste, der heimgeht, wenn es gesellig wird. 

Aufgewachsen ist er in Buochs NW, der Vierwaldstättersee ist im Sommer sein Spielplatz. 2020 hat er die Bootsprüfung gemacht, geht mit Freunden wakeboarden. Er lebt mit einem Kollegen in einer WG, ist aber noch oft in seinem Elternhaus, als Ausgleich. Seit einem Jahr ist er ausserdem vergeben – seine Freundin kennt er aus dem Kindergarten. Sie haben sich dann aus den Augen verloren und dank einer gemeinsamen Kollegin wieder getroffen. Mit dem Skisport hat seine Freundin nichts am Hut. 

Eine grosse Rolle in den Ski-Karrieren von Marco Odermatt und seiner Schwester Alina, 20, spielte Vater Walter. Jahrelang präparierte er im Keller die Ski, ist selber Trainer und Funktionär beim Nachwuchs. Und heute? Greift er Marco eher bei administrativen Dingen unter die Arme. «Die Rennen besprechen wir schon kurz», sagt der Sohn. «Er hat seine Meinung und ab und zu auch Tipps. Mal sind die besser, mal lächle ich ein bisschen darüber.»

Skifahrer Marco Odermatt in Engelberg. 12.1.2021

Die ersten Rennen in diesem Winter konnten die Skifahrer relativ problemlos bestreiten. Nun gab es wegen Corona die ersten Verschiebungen. Das Saisonhighlight, die WM in Cortina d'Ampezzo, würde am 8. Februar beginnen.

david birri

Odermatt versucht, seinen Eltern etwas zurückzugeben. Das kann mal eine Einladung sein. «Aber am meis-ten Freude haben sie an den Rennen, dem Nervenkitzel. Sie können sie Jahr für Jahr mehr geniessen und sind nicht mehr so nervös wie am Anfang.» Mit Schwester Alina hat er ein sehr gutes Verhältnis, er versucht ihr zu helfen, wo es geht. Doch es gibt Unterschiede zwischen dem Frauen- und dem Männersport sowie zwischen FIS-Rennen und Weltcup. «Ich will ihr nicht zu viel dreinreden.»

Ein unglaublicher Drang nach vorne

In seiner Karriere läuft bis auf ein paar kleinere Blessuren alles reibungslos. Und nun hat er mit seinem dritten Platz in Adelboden einen Kindheitstraum verwirklicht. Einer, der das kennt, ist sein Vorgänger Marc Berthod. Der Bündner hatte früh Erfolg, 2007 den Slalom und 2008 den Riesenslalom am Chuenisbärgli gewonnen. Und danach etwas Mühe, sich neue Ziele zu setzen, weil «eine extreme Zufriedenheit da war. Aber ich glaube, Odi ist vom Typ her anders. Er hat einen unglaublichen Drang nach vorne.» 

Wie Odermatt mit dem Druck umgeht und sich um Erwartungen schert, beeindruckt den heutigen SRF-Experten Berthod. Wie der Nidwaldner das macht? Das weiss nicht einmal Marco Odermatt selbst. «Es funktioniert bei mir einfach gut. Ich finde, ich habe jetzt schon genug erreicht, um niemandem mehr etwas schuldig zu sein.» Ab nun könne er die Resultate einfach für sich einfahren. Noch aber geniesst er die kurze Auszeit mit einem Pfefferminztee, bevor er wieder Feuer und Flamme für den Skisport ist. 

Von Eva Breitenstein am 15.01.2020
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