Eric Bonvin, wie haben Sie die Stunden nach dem Ausbruch des Feuers erlebt?
Unser Spital in Sitten wechselte nach den ersten Notrufen in den Katastrophenmodus, das war gegen 2 Uhr. Ich verbrachte die Nacht in Fribourg – bis ich alarmiert wurde. Um 5.30 Uhr traf ich hier im Spital ein. Unsere Teams waren hoch konzentriert an der Arbeit, trotz der riesigen Belastung.
Wie viele Verletzte kamen hierher?
Innert weniger Stunden trafen 55 Verletzte ein, die meisten mit schweren Verbrennungen am Gesicht und an den Händen. Etliche Kinder wurden von ihren Eltern gebracht. Für die traumatisierten Angehörigen organisierten wir sofort psychologische Betreuung.
Mussten Sie Personal mobilisieren?
Viele Spitalangestellte, die frei hatten, kamen von selber noch in der Nacht zur Arbeit. Ein paar von ihnen wussten nicht, wo ihre Tochter oder ihr Sohn ist – einige hatten in Crans-Montana gefeiert. Diese Solidarität hat mich sehr berührt. Wir leben in einer Zeit des Sinnverlusts. In so intensiven Momenten findet das Pflegepersonal noch stärker zu seiner Berufung, kommen Menschen zusammen.
Wie geht es Ihren Teams?
Gut. Doch die Müdigkeit macht sich bemerkbar, die Leute müssen sich erholen. Die Pflegekräfte werden nun gebeten, ihre Gefühle mitzuteilen.
«Nie hätte ich gedacht, dass ich als Spitaldirektor noch eine solche Tragödie erleben muss»
Eric Bonvin
Wie fühlen Sie sich selbst?
Müde und gerührt zugleich. Ich glaube, ich kann sagen, dass wir alle den Tränen nahe sind. Wir müssen uns beherrschen. Es ist erschütternd zu sehen, wie viele Familien betroffen sind. Für mich ist es sowieso etwas Besonderes.
Warum?
Ich bin in Crans aufgewachsen, nur 100 Meter vom Ort der Tragödie entfernt. Damals gab es im Gebäude, wo heute das «Constellation» ist, ein Restaurant. Ich trank dort täglich einen Kaffee. Ausserdem habe ich meine Psychiatrie-Ausbildung im Zentrum für Brandverletzte in Lausanne begonnen. Meine Dissertation handelt davon. Ich bin 64, werde bald pensioniert – nie hätte ich gedacht, dass ich als Spitaldirektor noch eine solche Tragödie erleben muss.
Wie viele Patientinnen und Patienten sind fünf Tage nach der Katastrophe noch im Spital?
Zwölf. Doch viele der schwer Brandverletzten, die in Spezialkliniken verlegt worden sind, kommen später für die Nachbehandlung hierher zurück.
Haben Sie Kontakt zu den Hospitalisierten?
Nein. Doch das Pflegepersonal erlebt beeindruckende Momente. Brandverletzte, die nach dem Erwachen aus dem Koma realisieren, dass sie noch leben. Und dann als Erstes fragen: Wo ist mein Bruder, wo ist meine Freundin? Leben sie noch? Und sie fühlen sich fast schuldig, dass sie noch am Leben sind.

