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Tennis-Star litt unter Depressionen

Timea Bacsinszky: «Fühlte mich wie eine leere Schale»

Kurz vor Beginn der US Open spricht Timea Bacsinszky über die Tiefen ihres Lebens, die sie in die Depression trieben. Obwohl sie noch immer mit ihrer schweren Kindheit kämpft und mit dem Leben als Tennis-Profi hadert, sei sie heute «so glücklich wie nie».

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Nachdenklich: Timea Bacsinszky.

Kurt Reichenbach

Nächste Woche geht es in Flushing Meadows los mit den US Open. Eine, die bereits vorher ins Geschehen eingreift, ist Timea Bacsinszky, 30. Allerdings nicht zu ihrer Freude: Nach vielen verletzungsbedingten Rückschlägen steckt die Waadtländerin in sportlicher Hinsicht in der Krise – und muss sich vom ersten Match an beweisen.

Bacsinszky hadert mit diesem Umstand. Nachdem sie sowohl 2015 als auch 2017 noch im Halbfinale der French Open gestanden hatte, musste Bacsinszky in Paris dieses Jahr wieder die Qualifikationsrunde bestreiten. «Das war sehr schwierig für mich», gibt sie in einem Interview mit «L'Illustré» zu. 

Bacsinszky gibt nicht auf

Trotz der schwierigen sportlichen Phase ist Bacsinszky zuversichtlich, was die Zukunft anbelangt. «Ich bin überzeugt, dass ich tennistechnisch noch etwas erreichen werde», erzählt sie. «Ich spüre das Feuer noch.»

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Erfolgshunger: Trotz dürftigen Resultaten gibt Timea Bacsinszky nicht auf.

Getty Images

Dieses Feuer aber war einmal erloschen. 2012 gab die Romande ihren Rücktritt bekannt. Sie habe damals eine sehr schwere Zeit durchlebt, erzählt sie. «Im Nachhinein kann ich klar sagen, dass ich depressiv war. Damals habe ich mich geweigert, das zuzugeben, und habe versucht, es vor aller Welt zu verstecken.»

Schwierige Familienverhältnisse

Der Ursprung für ihre Krise reicht weit zurück. Ihr Papa Igor Bacsinszky, der seine Tochter schon im Kindesalter zu Top-Leistungen drillte, war allgegenwärtig – auch, nachdem seine Tochter mit ihm gebrochen hatte. «Jedes Mal, wenn ich einen Fuss auf einen Tennisplatz setzte, hat mich meine Kindheit eingeholt», erzählt Bacsinszky. «Ich habe nur in der Vergangenheit gelebt.»

Seit sechs Jahren nun besucht Bacsinszky regelmässig eine Psychotherapeutin und versucht, ihre Erlebnisse aus der Kindheit zu verarbeiten. Mit ersten Erfolgen: «Ich stelle fest, dass ich endlich begonnen habe, mich selbst zu lieben», so die Doppel-Vizeolympiasiegerin von Rio 2016. «Ein Gefühl, das ich so noch nie erlebt habe. Weil ich immer damit beschäftigt war, mich um alles andere zu kümmern – alles, ausser mich selbst.»

Die schwierigen Familienverhältnisse prägen Bacsinszky. «Ich bin mit der Überzeugung aufgewachsen, meine Familie auseinandergetrieben zu haben», gibt sie zu. Als sich ihre Mama im Halbfinale der French Open 2015 gemeinsam mit ihren Schwestern und den Halbbrüdern in der Box platzierte, überkam es Bacsinszky fast. «Sie zusammen zu sehen – nur für mich –, wird für immer mein allerschönster Sieg bleiben.» 

Bacsinszky hadert mit Einsamkeit

Obwohl sie mit 30 «so fröhlich wie noch nie» sei, kämpft Bacsinszky mit den Nebenerscheinungen des Lebens als Tennis-Star. «Ich verbringe meine Zeit mit Reisen. Ich sehe meine Familie und meine Freunde kaum.» Besonders in der Zeit um 2012 haderte sie mit diesem Umstand. «Ich habe mich schlagartig gefühlt wie eine leere Schale.»

Doch auch heute noch macht ihr das Reisen zu schaffen. «Das Schwierigste meines Berufes ist es, ständig unterwegs, rastlos zu sein. Immer zwischen zwei Flugzeugen, zwischen zwei Flughäfen.» Dieses Leben lasse nur wenig Zeit für sich selbst zu. «Wenn ich heimkomme, renne ich gestresst umher, um alle wiederzusehen und den Einladungen meiner Familie und meiner Freunde nachzukommen.»

Mit dem Stress in der Freizeit will Bacsinszky nun aufhören. Sie habe kürzlich festgestellt, dass sie mehr Zeit für sich brauche; dass sie sich auch mal was Gutes tun will. Vor einigen Tagen hat sie ihre Schwester besucht, die in derselben Region wohnt. «Ich habe realisiert, dass ich seit Ewigkeiten keinen einzigen Moment mit ihr zu zweit verbracht habe – ohne Kinder, ohne Mama.»

Zufrieden trotz sportlicher Schwierigkeiten

Die Teilnahme an den US Open ist für Bacsinszky wegweisend. Nach zahlreichen Turnieren, an denen sie bereits in der Qualifikationsrunde ausgeschieden war, hätte sie an den Palermo Ladies Open ihre Form wiederfinden wollen. Doch eine Sehnenentzündung hielt sie davon ab.

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Hat das Leben wieder lieben gelernt: Timea Bacsinszky.

Kurt Reichenbach

Nun sollen in Flushing Meadows neue Erfolge her, auch wenn Bacsinszky heute ihre Person vor die Sportlerin stellt – und zufrieden mit dieser ist. «Wenn ich heute meine Familie, mein Team und das Leben sehe, das ich mir aufgebaut habe, bin ich stolz.» Mit 30 Jahren fühle sie sich endlich weiblich und schön. «Ich hätte nie gewagt, mir vorzustellen, dass ich jemals an diesem Punkt sein würde.»

Von Ramona Hirt am 22.08.2019
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