1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Jürg Halter: «Unterwegs, bis die Sonne aufgeht»

Jürg Halter

«Unterwegs, bis die Sonne aufgeht»

Er zählt zu den wichtigsten Autoren seiner Generation. Der Berner Jürg Halter rappte bis 2015 als Kutti MC und dichtet heute. Gerade erschien sein Buch «Gemeinsame Sprache». Hier verrät er Allmachtsfantasien, warum er als Kind «überem See» essen sollte – und wer ihn Speedy rief.

Zürich, 21.8.2018 , Jürg Halter ist nun Romancier. Als Rapper nannte er sich Kutti MC @Sabina Bobst/Lunax @Sabina Bobst/Lunax

Jürg Halter, 40, früher als Kutti MC bekannt, liest am 21. Juni im Zürcher Kaufleuten aus seinem neusten Buch «Gemeinsame Sprache».

Sabina Bobst/LUNAX

Was ist Ihre früheste Erinnerung?
Meine Mutter im Sommerkleid auf dem Balkon im Sonnenlichtspiel.

Als Sie Kind waren: Was hat Ihr Vater da immer zu Ihnen gesagt?
«Iss überem See» – damit meinte er, ich solle über dem Teller essen, damit keine Brotkrümel danebenlanden.

Als Sie 16 waren: Wie sah Ihr Zimmer aus?
An den Wänden hingen Poster von Tieren und von NBA-Basketballspielern.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz?
Es war eine unerwiderte Liebe.

Ihr schönstes Geschenk als Kind?
Wanderungen mit meiner Grossmutter und die anschliessende Einkehr in ein Restaurant oder Übernachtungen im Berghotel.

persönliches Interview  Jürg Halter

MEINE ERINNERUNG Mit meinem Grosi war ich als Kind viel wandern. Das waren für mich jeweils die schönsten Geschenke.

ZVG
Mehr für dich

Welche Musik hat Ihr Leben massiv beeinflusst?
«Landjäger» von Stiller Has inspirierte mich, selbst Mundart-Texte zu schreiben.

Haben Sie ein Tattoo?
Nicht dass ich wüsste.

Ihre peinlichste Modesünde?
Ein Haarschwänzchen bis zum Po mit eingeflochtenen Holzperlen, dazu Hip-Hop-Hosen, bei denen ein Hosenbein breiter war als ich selbst.

Haben Sie Allergien?
Heuschnupfen. Ich erinnere mich an einen Mai-Bummel mit der Schulklasse über eine Wiese, wo mir die Augen so zuschwollen, dass ich nichts mehr sah. Die grösste Erniedrigung war, dass mich die Lehrerin an der Hand führte. So verlor ich meine ganze mir eingebildete Coolness auf einen Schlag.

Ihr grässlichster Urlaub?
Mit Urlaub verbinde ich vor allem Urlaube als Kind mit meinen Eltern und meiner Schwester. Da fällt mir nichts Grässliches ein.

Das Kitschigste, das Sie je gemacht haben?
Ich weiss nicht, ob ich da der Richtige bin, um das zu beantworten.

Ihr Spitzname als Kind?
Meine Grossmutter nannte mich Speedy – in Anlehnung an die Zeichentrickfigur Speedy Gonzales –, weil ich nie ruhig dasass.

Jürg Halter alias Kutti MC gibt Rücktritt bekannt

Jürg Halter, als er noch als Kutti MC die Schweizer Rap-Szene aufmischte. 2015 hörte er als Musiker auf.

via Facebook

Die beste Idee Ihres Lebens?
Mich entschieden zu haben, den Leib meiner Mutter zu verlassen.

Und die dümmste?
Dass ich vor Jahren bei einem Auftritt Alkohol trank, dazu die glorreiche Idee hatte, von der Bühne auf einen Tisch im Publikum zu springen, ausrutschte, mit dem Hinterkopf auf die Tischkante knallte, viel Blut floss und mir im Notfall das Ganze mit neun Stichen genäht werden musste.

Haben Sie nachts einen Traum, der immer wiederkommt?
Ich am Rand eines Pools. Im Moment, in dem ich mich ins Wasser abstosse, taucht unter mir ein riesiges Krokodilmaul auf. Dann erwache ich jeweils.

Welches Geräusch lieben Sie?
Regentropfen, Wasserrauschen, Feuerknistern.

Und welches hassen Sie?
Stimmen von Menschen, die sich so empören, dass man merkt, dass sie sich in ihrer eigenen Empörung gefallen.

Wovon träumen Sie schon lange, getrauen sich aber nicht, es zu tun?
Mit einem Containerschiff nach Buenos Aires zu fahren. Es ist nicht so, dass ich mich das nicht getraue, vielmehr warte ich auf die richtige Begleitung.

Für welche Eigenschaften bekommen Sie immer wieder Komplimente?
Dass ich zuhöre, mich nicht für Ideologien einspannen lasse – und man mit mir unterwegs sein kann, bis die Sonne wieder aufgeht.

In welcher Situation in Ihrem Leben hatten Sie so richtig Schwein?
Beim islamistischen Terrorangriff auf das Pariser «Bataclan» war ich in der Nähe.

Was war der unangenehmste Job, den Sie je verrichtet haben?
Der steht mir wohl noch bevor.

Wie sind Sie, wenn Sie betrunken sind?
Nicht anders als sonst. Ich werde weder aggressiv noch zu einem sexistischen Arschloch. Ich denke: So, wie sich Menschen betrunken verhalten, sind sie wirklich.

Und was können Sie alkoholisiert besser als in nüchternem Zustand?
Die Gedanken abschalten, in was für einer Welt wir leben. Mein Horizont wird beschränkter, das kann sehr befreiend sein.

persönliches Interview  Jürg Halter

MEIN LIEBLINGSFOTO Es zeigt mich als Kind bei einem gewagten Rollschuhsprung. Gemacht hat es meine Schwester.

ZVG

Ihr Lieblingsbild im Fotoalbum aus Kindertagen?
Ich als Zwölfjähriger mit Rollschuhen bei einem Sprung in der Luft. Meine Schwester machte es.

Womit belohnen Sie sich selbst?
Ich gehe gern in Restaurants essen, sowohl alleine als auch mit Freunden.

Angenommen, Sie könnten Wunder vollbringen – Superkräfte inklusive: Was wären Ihre ersten drei Taten?
Das löst in mir gerade Weltherrschaftsfantasien aus. Ich würde ein Gesetz erlassen, das es mir ermöglicht, zu bestimmen, wer wie viel Steuern zahlt. Dann würde ich alle Atomwaffen einsammeln und mit einer Superkanone möglichst weit ins Universum hinauskatapultieren. Und zuletzt würde ich den Abstand zwischen den Religionen und Menschenrechten verringern.

Sie sind für einen Tag eine Frau.Was tun Sie? Was probieren Sie aus?
Abends alleine mit Minirock und High Heels durch die Stadt gehen, um zu erfahren, was das für Reaktionen auslöst und wie sich das als Frau anfühlt.

Wie alt wären Sie gern für immer?
So 35 ist gut – aber das hab ich jetzt leider schon verpasst.

Von René Haenig am 19.06.2021
Mehr für dich
© 2021 Schweizer Illustrierte
© 2021 Schweizer Illustrierte
Logo von Ringier Axel Springer