1. Home
  2. People
  3. Swiss Stars
  4. Peter Bichsel im persönlichen Interview

Peter Bichsel im Interview

«Wegen diesem Corona rauche ich nicht mehr»

Am 24. März ist Schriftsteller Peter Bichsel 85 Jahre alt geworden. Er hofft, dass Homeoffice bald vorbei ist, liest Krimis und trinkt Roten aus seinem Keller. Und – wer hätte das je gedacht – wegen der Epidemie gönnt er sich keine Zigaretten mehr.

Placeholder

Peter Bichsel 

Roland Schmid / 13 Photo

Wie geht es Ihnen?
Eigentlich gut. Ich bin und bleibe zu Hause. Ich langweile mich ja gern.

Wie feiert man seinen 85. Geburtstag in Zeiten einer Epidemie?
Man feiert allein. Wenn jemand vorbeikommt, bleibt er auf Distanz, draussen im Garten.

Haben Sie keine Bedenken? Mit 85 gehören Sie zur Risikogruppe.
Doch, das beschäftigt mich schon. Vor drei Monaten war ich so krank, dass ich ins Spital musste. Ich hatte einen Virus erwischt und grosse Atemnot.

Jetzt geht es Ihnen wieder besser?
Ja, ich fühle mich wieder gut. Aber ich habe seither das Rauchen aufgegeben.

Wie bitte? Nebst Ihrer Chugeli-Brille und der Lederweste sind die Zigaretten doch Ihr Markenzeichen.
Es wäre für mich noch wichtig jetzt, ab und zu eine Zigarette zu rauchen. Aber bis jetzt ist es gegangen ohne.

Mehr für dich
Placeholder

Zwei Markenzeichen: Die Brille bleibt, die Zigaretten nicht. 

Kurt Reichenbach

Ihre Beizen in Solothurn, das «Kreuz» und das «Flora», sind wegen Corona zu.
Ich habe zum Glück noch etwas Rotwein im Keller. Aber die Wirte und die Angestellten tun mir leid.

Wer kauft für Sie ein?
Meine Enkelin erledigt das.

Was macht die Epidemie mit uns?
Ach, dieses Virus – das ist Natur. Und wir müssen uns langsam abgewöhnen zu meinen, dass alles in der Natur seine Nützlichkeit hat. Und dass alles Unnütze irgendwann dann doch noch für etwas nützlich ist. Es ist nicht die Aufgabe der Natur, nützlich zu sein. Das wäre die Aufgabe der Menschen. Wenn man glaubt, dass der Mensch etwas lernt von der Natur … Ach, verdammt wenig lernt er. Und aus historischen Ereignissen – vielleicht ist auch diese Pandemie eines – hat der Mensch sozusagen noch nie etwas gelernt. Ja, das ist traurig. Und ich hoffe schon sehr, dass nach der Epidemie dieses Homeoffice nicht bleibt. Das wäre eine Verarmung für uns alle.

Was ist Ihr liebstes Mundartwort?
Es sind besonders jene Ausdrücke, die ich im Hochdeutschen nicht finde. «Mir göi i Schärme» – wundervoll!

Im Buch «Auch der Esel hat eine Seele» findet man Ihre alten Kolumnen von 1963 bis 1971 wieder. Was denken Sie heute über die Texte des jungen Peter Bichsel?
Ich lese da Texte von einem anderen. Aber dieser andere ist offensichtlich doch ein Vorläufer von mir. Und wenn ich dann ein paar Zeilen laut lese, merke ich, dass dieser andere auch eines von meinen Ichs ist. Es war halt einfach eine andere Zeit.

Was lesen Sie jetzt gerade?
In einem einzigen Tag habe ich Hansjörg Schneiders Krimi «Hunkeler in der Wildnis» gelesen. Grossartiger Autor.

Hatten Sie selbst nie Lust, einen Krimi zu schreiben?
Ganz und gar nicht. Ich hatte schon als Kind nicht gemocht, wenn Autoren ihre Figuren schlecht behandeln. Und als Krimiautor muss man halt einzelne Figuren schlecht behandeln. Ich bin auch nicht ein Mensch, der die Menschen in Verdacht hat.

Welches Buch prägt Ihr Leben?
Es gibt für mich nicht das Buch oder den Autor. Ein Mensch, der nur einen Lieblingsautor hat, das ist kein Leser. Ein echter Leser ist ein buchstabensüchtiger Mensch. Aber ich mag schon sehr gern Goethe und Jean Paul.

Welche Musik ist Ihnen nah?
Moderne, zeitgenössische Musik. Ob Jazz, ob modernisierte Volksmusik,
ob zeitgenössische E-Musik – das liebe ich sehr. Ein Grossteil dieser Mundartrock-Sachen aber geht mir total auf die Nerven, zum Kotzen, sone Blödsinn – natürlich immer mit Ausnahmen.

Wie hätten Sie als Mädchen geheissen?
Da ich als Bub Peter getauft wurde, ist ja wohl zu befürchten, was ich als Mädchen geworden wäre: eine Heidi. Aber ich habe meine Eltern nie gefragt.

Was ist Ihre früheste Erinnerung?
Ich bin dreijährig und mit meiner Mutter in Luzern unterwegs. Sie schwatzt mit einer Frau, die ein kleines, weisses Hündchen an der Leine führt. Ich zerre an der Hand meiner Mutter und will weiter. Da steht ein Buchsbaum, ich reisse Blättchen ab und wickle sie mir um den Finger. Wann immer ich in all den vergangenen Jahrzehnten in Luzern war, besuchte ich diesen Buchsbaum, er stand nah bei der Kantonalbank. Vor etwa 15 oder 20 Jahren musste der Buchs einem Neubau weichen.

Ihr schönstes Geschenk als Kind?
Mein Schaukelpferd.

Ihr Lieblingsgeräusch?
Das gibt es nicht mehr. Es ist ein Sommerabend, noch hell draussen, ich bin ein kleiner Bub und liege im Bett. Und ich höre, wie draussen vor dem Haus mein Vater den Kiesplatz recht.

Haben Sie ein besonderes Talent, von dem niemand weiss?
Ja sicher. Da alle Leute ein besonderes Talent haben, von dem niemand weiss, nehme ich an, dass auch ich ein Talent habe, von dem niemand weiss – auch ich nicht.

Letzte Frage, und dann lasse ich Sie in Ruhe.
Grossartig. Endlich.

Gibt es einen Tag, den Sie noch einmal erleben möchten?
Ich möchte jeden Tag den morgigen erleben.

Merci, Herr Bichsel, dann wünsche ich Ihnen einen schönen Tag.
Danke. Ich hoffe, er wird langweilig.

 

Von Marcel Huwyler am 24.03.2020
Mehr für dich