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Komiker Charles Nguela hat Krisenerfahrung

«Wenn man nichts mehr hat, ist Honig wie Schoggi»

Eigentlich wäre Charles Nguela mit «Helvetia’s Secret» auf Tour. Stattdessen sitzt der Komiker aus Lenzburg mit Dosenfutter daheim, wie seine vier Geschwister in Kanada, England, Südafrika und im Kongo. Der gebürtige Kongolese weiss, was in Krisen zu tun ist: «Essen in Dosen? Eifach neh!»

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Wegen Corona ist Komiker Charles Nguela, 30, erwerbslos. Und weil er beim Sport oder beim Tanzen Asthma bekommt, wurde er nun auch zum Risikopatienten.

Paolo Dutto / 13 Photo

Charles Nguela, wie lange sind Sie schon allein zu Haus?
Seit fünf Wochen. Die ersten zwei waren wie Zwangsferien und taten mir sehr gut. Ich ging damals auch noch raus, um einzukaufen und Sport zu machen. Da mittlerweile aber mehr und mehr Menschen nach draussen gehen, bleibe ich daheim. Und ich habe realisiert, was es für mich wirklich heisst. Wir haben alle Shows abgesagt und um sieben Monate verschoben. Für die SRF-Show «Darf ich bitten?» hatte ich drei Monate trainiert und kann es jetzt nicht zeigen. Ab sofort bin ich sicher bis im September erwerbslos.

Ich begegne Ihnen dennoch oft – in Werbungen. In beiden schreien Sie. Empfinden Sie die aktuelle Situation auch zum Schreien?
Oh auf jeden Fall! Ich habe eine Woche Krise geschoben, als ich an alle meine Projekte dachte. Wir haben Monate an diesen gearbeitet und kriegen nichts dafür zurück, das tut weh.

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Dann haben Sie geschrien?
(Lacht) Ich habe Kissen herumgeschmissen, damit nichts kaputt geht, da ich nichts ersetzen kann. Aber ich bin auch sonst ein lauter Mensch! Das ist unser kongolesisches Temperament.

Sie werben für einen Mobile-An­bieter. Telefonieren Sie jetzt öfters?
Mit meiner Mum, die gerade meine Schwester in Kanada unterstützt, schon. Sie will wissen, was ich nun im Sommer mache und ob ich Geld ­bekommen habe. Anfänglich habe ich viel mit Freunden telefoniert. Aber über was will man denn noch reden? «Was hast du heute gemacht?» – «Nüt. Das Badezimmer geputzt, so, wie gestern.»

Putzen Sie mehr?
Auf jeden Fall. Ich kann das Chaos nicht mehr auf morgen verschieben, denn morgen bin ich auch daheim. Aber meine Motivation variiert zwischen Putzwahn und der Einstellung, dass es eh niemand sieht.

Gehen Sie auch öfters zum Kühlschrank?
Am Anfang. Aber ich habe realisiert, dass ich all das, was ich für «Darf ich bitten?» abtrainiert habe, sofort wieder draufhabe, wenn ich das fünf Wochen lang mache.

In der «Swissmilk»-Werbung befindet sich in Ihrem Kühlschrank eine Kuh. Was haben Sie aktuell drin?
Sicher Gemüse und ja, Alkohol. Ich habe einiges gekauft, unter anderem Dosenzeugs und dabei gesehen, wie andere WC-Papier kaufen. Das check ich nicht. Wenn ein Staat in der Krise ist, kauft man zuerst lang haltbares ­Essen, so habe ichs gelernt.

Zum Beispiel?
Es gilt, alles, was du in einer Dose findest: eifach neh! Selbst Früchte in der Dose und sicher Mais. Ravioli sind gut, um genügend Kohlehydrate zu kriegen. Zudem Honig, weil der lange haltbar ist. Wenn man nichts mehr hat, ist Honig wie Schoggi. Im Kongo haben die Leute mit Tiefkühler auch Fleischvorrat. Manche Kongolesen lieben Fleisch und Fisch so sehr, dass meine Tante nicht wusste, was ein Vegi ist.

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Drei Monate hat Charles Nguela für die SRF-Tanzshow «Darf ich bitten?» trainiert. In Quarantäne versucht er nun das abtrainierte Gewicht zu halten.   

Geri Born

Halten Sie die aktuelle Situation besser aus, weil Sie Krisen aus Ihrer Heimat, dem Kongo, kennen?
Naja, diese Situation ist eine, die ich auch nicht kenne. Ich fühle mich zwar in Gefahr, aber nicht in direkter. Das Virus ist ein unsichtbarer Feind und damit kann man nicht richtig umgehen. Im Krieg höre und sehe ich meinen Feind. Du weisst, wohin du flüchten musst, wem du vertrauen kannst. Aktuell ist es so, dass du deinen Mitmenschen gegenüber misstrauisch wirst. Jeder, der neben dir atmet, ist eine Gefahr. Das ist sehr speziell. Es schweisst uns zusammen, aber trennt uns auch.

Sehen Sie kulturelle Unterschiede in der Handhabung der Krise?
Die Schweiz ist viel weniger strikt als die meisten Länder. Ich kapiers nicht, aber vermutlich gibts Gründe, die ich nicht kenne. Jedenfalls können reiche Länder einen Lockdown einfacher durchführen und den Leuten sagen, sie sollen daheimbleiben. In armen Ländern ist nach einer Woche daheim das ganze Leben weg. Der «Vorteil» ist, dass diese Leute wissen, was eine Krise ist und mehr Respekt davor haben. Im Kongo gibts Krankheiten, die schlimmer sind. Und sie wissen, wie es ist, mit weniger umzugehen und zu überleben. Einfacher ist es trotzdem nicht.

Ihre vier Geschwister leben im Ausland. Wie geht es ihnen?
Meinen Schwestern soweit gut. Bibish in London ist die Paranoide in der Familie und hat sich schon im Dezember auf die Situation vorbereitet. Meinem Bruder Aimé und seinen Kindern haben wir Geld geschickt, da er seinen Job verloren hat. In Südafrika haben Unternehmen zeitgleich mit der Lockdown-Verkündung Leute entlassen. Mein Bruder Ige im Kongo ist Priester und hat mir gesagt, dass die Leute nicht in die Kirche kommen und die Zustände ähnlich sind, wie damals, als Ebola ausgebrochen ist. Er denkt positiv: «Das Gesetz der Natur ist immer so, dass, wenn etwas zerstört wird, etwas Schönes nachwächst.» Er glaubt, dass wir nach dem Ganzen als Gesellschaft zusammenwachsen werden. Ich hoffe, mein Bruder hat recht.

Von Aurelia Robles am 20.04.2020
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