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Die SRK-Präsidentin tritt Ende Juni ab

Annemarie Huber-Hotz: «Das Elend spornt mich an»

Hungernde Kinder, vergewaltigte Frauen, Krieg und Naturkatastrophen – die Präsidentin des Schweizerischen Roten Kreuzes hat viel gesehen. Nun geht Annemarie Huber-Hotz nach acht Jahren. Und wirft einen selbstkritischen Blick zurück.

SRK Praesidentin Annemarie Huber Hotz 2019

Abschied: Die SRK-Präsidentin Annemarie Huber-Hotz, 70, stand nur ins Rampenlicht, wenn es der Sache diente.

Kurt Reichenbach

Zwei knallrote Sofas im Eingang, aber ansonsten: keine Hinweise, dass sich hier die Geschäftsstelle des Schweizerischen Roten Kreuzes befindet. «Ein Bild von Henry Dunant muss dringend her», sagt Annemarie Huber-Hotz, 70, in Nadelstreifen-Blazer und Pumps. Als Präsidentin des SRK geht 
sie hier in Bern seit acht Jahren ein und aus. Doch am 30. Juni ist Schluss. Dann macht die Freisinnige, die von 2000 bis 2007 als erste Frau überhaupt Bundeskanzlerin war, ihrem Nachfolger Platz. Aber vorher will sie dem Gründer des Roten Kreuzes noch ein Denkmal schaffen.

Annemarie Huber-Hotz, welches Schicksal hat Sie in Ihrer Amtszeit am meisten berührt?
Letztes Jahr hatte ich die Gelegenheit, im Süden von Bangladesch das wohl grösste Flüchtlingslager der Welt zu besuchen. Dort leben auf einer Fläche, kaum grösser als Zürich Oerlikon, fast eine Million Muslime, die aus Myanmar vertrieben wurden. Ich sprach mit einer Frau, die fünf ihrer acht Kinder durch den Angriff myanmarischer Soldaten verloren hat. Wie sie dasass, erschöpft und hoffnungslos – das hat mich sehr berührt.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie abends im sauberen Hotelzimmer entspannten? 
Einmal mehr realisierte ich: Wo man geboren wird, ist Zufall. Aber dieser Zufall spielt eine wichtige Rolle für die Zukunft. Das ist extrem ungerecht. Ausserdem war ich empört über die vielen Autos, mit denen unsere Delegation und Vertreter von humanitären Organisationen ins Flüchtlingslager fuhren. Es kann nicht sein, dass wir mit einem riesigen Konvoi aufkreuzen – und die Menschen links und rechts im Elend ertrinken.

Da müssten Sie als Präsidentin des SRK doch eingreifen.
Das habe ich gemacht. Als ich aus Bangladesch zurückkehrte, sagte ich: «Wir müssen bescheidener werden, uns mehr der Situation anpassen.»

SRK Rot Kreuz Besuch mit Annemarie Huber-Hotz 2018

Echter Schmerz: Annemarie Huber-Hotz im Rohingya-Flüchtlingslager in Bangladesch, Juli 2018.

Remo Naegeli

Wie nahe gehen Ihnen solche Reisen? 
Ich falle danach weder in eine Depression, noch komme ich ins Grübeln. Im Gegenteil! Das Elend spornt mich an, noch mehr zu leisten.

Aussenminister Ignazio Cassis will die Entwicklungshilfe neu ausrichten. Die Gelder sollen stärker Schweizer Interessen dienen. Das dürfte nicht in Ihrem Sinn sein.
Für mich tönt die Aussage von Herrn Cassis nach einem nicht ganz passenden Werbespot. Damit möchte er die Entwicklungshilfe beim Volk akzeptabler machen. Für mich zählt, dass er die Mittel nicht kürzen will.

Und doch bleibt nicht alles beim Alten: Cassis will die Entwicklungshilfe stärker mit der Migrationspolitik verknüpfen.
Die Devise darf nicht lauten: Wir geben euch Geld, dafür nehmt ihr eure illegalen Migranten zurück. Darum bin ich strikt dagegen, dass wir Entwicklungshilfe an Rückübernahme-Abkommen koppeln. Aber dass der Bund versucht, die Lebensverhältnisse in den Entwicklungsländern zu verbessern, und dadurch Migration verhindern will, finde ich gut.

SRK Praesidentin Annemarie Huber Hotz 2019

Gemalter Schmerz: «A la frontière» von Auguste Bachelin hängt beim SRK in Bern. Französische Zivilisten suchen 1871 in der Schweiz Schutz.

Kurt Reichenbach

«Am meisten Sorgen bereitet mir die Sahelzone»

Wie hat sich die Welt seit Ihrem Amtsantritt verändert? 
Es gibt mehr Bürgerkriege und Gewalt. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels: Zyklone, Tsunamis, Erdbeben. Davon sind viel mehr Menschen in ihrer Existenz bedroht als früher. Und längst vergessene Krankheiten wie Lepra oder Cholera tauchen wieder auf.

Afrika trifft es am härtesten – ein Kontinent, der ohnehin unter Armut leidet.
Oh ja! Am meisten Sorgen bereitet mir die Sahelzone. Dort wechseln sich Dürrekatastrophen mit Überschwemmungen ab. Gleichzeitig wüten Bürgerkriege.

Oft spricht man von all den Katastrophen und vergisst dabei, dass das SRK hauptsächlich in der Schweiz tätig ist …
Ja, 95 Prozent unserer Mittel fliessen in Projekte im Inland. Wir sind dankbar, dass die Solidarität dafür so gross ist. Das liegt auch an den vielen Freiwilligen, die hervorragende Arbeit leisten, sei es im Fahrdienst oder in der Entlastung von pflegenden Angehörigen.

«Ich habe mich bereits gemeldet, um ältere Leute zu betreuen»

Werden wir Sie nach Ihrem Rücktritt auch in der roten SRK-Weste sehen? Vielleicht als Samariterin? Als Kind wollten Sie Ärztin werden.
Ich habe mich bereits als Freiwillige beim Kantonalverbund Zug gemeldet – allerdings, um ältere Leute zu betreuen. Diese Aufgabe ist am wenigsten beliebt.

Sie könnten auch einfach Ihre freie Zeit geniessen.
Ich finde, wem es gut geht, ist verpflichtet, sich freiwillig zu engagieren. Aber natürlich freue ich mich auch darauf, mehr Zeit für meine Familie zu haben. Mein Mann wurde in den letzten Jahren fast ein Einsiedler. Aber er wartete stets mit dem Znacht auf mich, selbst wenn es spät wurde.

Als Bundeskanzlerin und als SRK-Präsidentin war Politik zentral in Ihrem Leben. Können Sie ohne? 
Natürlich wird mich die Politik weiterhin interessieren. Aber das parteipolitische Gezänk werde ich nicht vermissen. Pauschalverurteilungen, Neid, Pöbeleien – das geht mir auf den Wecker.

Mit Thomas Heiniger, Noch-Gesundheitsdirektor des Kantons Zürich, wird schon wieder ein Freisinniger SRK-Präsident. Ist ein Bürgerlicher weniger angreifbar?
Die Parteizugehörigkeit hat bei der Suche nach meiner Nachfolge keine Rolle gespielt.

Schwer zu glauben, weil ja auch Ihr Vorgänger FDPler war.
Ich kann auch nichts dafür, dass der Freisinn lauter tüchtige Kandidaten hervorbringt (lacht). Und Thomas Heiniger mit seinen ausgewiesenen Kenntnissen und seinem breiten Netzwerk ist nun wirklich der Richtige für diese ehrenvolle Aufgabe.

Von Michelle Schwarzenbach am 10. Mai 2019