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Der Blick in die Zukunft

Karin Frick: «Wir werden keine besseren Menschen»

Hält die Solidarität nach der Corona-Krise an? Wird das Homeoffice zur Normalität? Zukunftsforscherin Karin Frick wagt für uns den Blick in die Zeit nach dem Virus. Für sie ist klar: In vielem kehren wir zur Normalität zurück.

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Karin Frick: Die gebürtige Liechtensteinerin ist Leiterin Research und Geschäftsleitungsmitglied des Thinktanks am Gottlieb Duttweiler Institut. Die Ökonomin analysiert Trends in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Sie ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Geri Born

Karin Frick, 59, ist allein im Park des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon ZH. «Das Institut ist geschlossen – aber ich nutze mein Büro für Interviews», sagt die Zukunfts- und Trendforscherin und fügt schmunzelnd an: «Zum einen weil ich gleich um die Ecke wohne, zum anderen damit wir uns zu Hause nicht auf die Nerven gehen.» Ihr Sohn lernt per Homeschooling für die Matura, und auch ihr Mann arbeitet zu Hause.

Frau Frick, das Coronavirus hat unseren Alltag stark verändert. Wie werden die Menschen reagieren, wenn die Pandemie vorbei ist?
Mit grosser Freude! Die meisten fühlen sich gesundheitlich nicht bedroht, sie bleiben aus Rücksicht auf die anderen zu Hause. Dafür spüre ich bei vielen die Angst vor einem Jobverlust. Deshalb wird die Erleichterung riesig sein.

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Werden die Menschen gar exzessiver leben? Ober bleiben sie vorsichtig?
Der Lockdown zwingt uns zum Konsumfasten. Und Fasten ist bekanntlich Stress für Körper und Psyche. Wie an Ostern endet die Fastenzeit mit einem Fest. Die Leute werden Party machen, Freunde zum Essen einladen, die wiedergewonnene Freiheit zelebrieren. Viele fühlen sich leichter. Manche aber halten weiter Abstand, geben sich etwa zur Begrüssung keine Küsschen.

Stürmen die Menschen die Geschäfte, oder legen sie Geld auf die Seite?
Das kommt ganz darauf an, ob die Schweiz eine Wirtschaftskrise erlebt oder nicht. Wenn die Leute Angst um ihren Job haben, führt das dazu, dass sie sparen. Falls nicht, pendelt sich alles wieder ein. Wir sind in einer Welt von Überfluss aufgewachsen mit sehr vielen Angeboten. Diese werden auch weiter genutzt.

Allerdings sind zurzeit viele globale Lieferketten unterbrochen.
Das ist so, und für alle jene, die in die Kette involviert sind, führt das zu Einnahmeausfällen und höheren Kosten. Allerdings sehe ich da auch eine Verschiebung. Wer das neuste Handy, die neuste Musikanlage kaufen will, wartet halt länger. Der Wunsch, dieses Produkt zu haben, bleibt.

Der Online-Handel boomt, die Post schlägt bereits Alarm. Hält das an?
Der Online-Handel wird sich noch mehr etablieren. Die Leute haben jetzt auch gemerkt, wie bequem es ist, Lebensmittel oder andere Anschaffungen per Mausklick nach Hause zu bestellen. Durch Krisen lernen Unternehmen schneller als sonst, Prozesse zu verbessern.

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Karin Frick im Park des Gottlieb Duttweiler Instituts in Rüschlikon am Zürichsee. Sie wohnt ganz in der Nähe.

Geri Born

Was bedeutet diese Entwicklung für stationäre Geschäfte. Sterben sie aus?
Nein, das glaube ich nicht. Die Menschen brauchen die sinnlichen Erfahrungen des Einkaufens – und den sozialen Austausch! Aber es wird Verschiebungen geben. Klar ist: Wer jetzt keinen Online-Kanal hat, wird kaum überleben.

Was ist mit den kleinen Firmen und Selbstständigen wie Coiffeuren, Fitnesscentern oder Bars, die zum Teil ums Überleben kämpfen?
Abhängig davon, wie lang der Lockdown dauert, erleben sie starke Einbrüche, bis zum Konkurs – ob sie nun Kredite erhalten oder nicht. Aber auch hier: Der Bedarf bleibt. Coiffeure werden nach dieser Krise überrannt werden, genauso wie Fitnesscenter, egal ob jetzt alle joggen gehen oder nicht. Das Angebot muss auch dezentral bleiben. Niemand will plötzlich einen weiten Weg zurücklegen, um sich die Haare schneiden zu lassen.

Apropos weite Wege: Was ist mit dem Reisen? Werden die Schweizer nach der Krise wieder in die Ferne schweifen?
Die Reiselust wird nicht abnehmen, es werden viele verlockende Schnäppchenangebote auf den Markt kommen. Dämpfen könnten diese Lust die grösseren Hürden im Reiseverkehr.

Woran denken Sie?
Das Virus hat gezeigt, dass der internationale Menschenverkehr eine Gefahr darstellen kann. Vielleicht braucht man neu einen Gesundheitspass, um in gewisse Länder zu reisen. Nach 9/11 wurden die Sicherheitsbestimmungen an Flughäfen ebenfalls erhöht – und nie mehr gelockert. Das könnte nach Corona auch der Fall sein. Fiebermessgeräte an den Flughäfen, Quarantäne nach der Einreise.

«Was wohl bleibt, ist das Grundvertrauen. Wir wissen nun: Im Notfall sind unsere Nachbarn für uns da»

Die Pandemie hat uns aufgezeigt, wie abhängig wir vom Ausland sind – etwa bei den Schutzmasken. Wird die Schweiz künftig mehr selbst produzieren?
Ich glaube die Krise ist für Schweizer Firmen eine Chance, künftig multifunktionaler zu produzieren. So könnte eine Firma, die Unterwäsche herstellt, schnell auf die Produktion von Masken umstellen. Oder eine Nähmaschinenproduzentin könnte wenn nötig auf medizintechnische Geräte umschwenken. Es geht nicht darum, sich abzukoppeln, sondern flexibler und smarter zu werden.

Viele arbeiten zurzeit im Homeoffice. Wird sich das nach der Pandemie etablieren?
Firmen waren technisch aufs Homeoffice vorbereitet, haben eine Umstellung aber hinausgeschoben. Jetzt wurden sie über Nacht dazu gezwungen und merken: Es funktioniert! Hinzu kommt die Kostenfrage. Wer Büroflächen reduziert, spart Geld. Ich glaube aber nicht, dass niemand mehr im Büro arbeitet. Wir brauchen den Austausch, sonst werden wir unproduktiv und krank. Aber dieser muss nicht zwingend von einem Arbeitsort abhängen – es wird neue Modelle geben.

Welche?
Homeworking in Kombination mit Co-Working-Spaces, wie sie heute viele Selbstständige nutzen. Diese liegen am besten in Fuss- oder Velodistanz. Mehrere Firmen können diese nutzen, in der Mitte steht ein Kaffeeautomat, es gibt Meetingräume, vielleicht ein Fitnessstudio. Die Entkopplung von Arbeitsorten könnte auch dazu führen, dass Randregionen wieder stärker besiedelt werden und der Drang, in die Stadt zu ziehen, abnimmt. Klar, bei Berufen wie im Spital- oder Pflegebereich geht das nicht.

Apropos: In der Krise sind Angestellte in der Pflege besonders gefordert. Haben diese Berufe nach Corona einen höheren Stellenwert?
Die Anerkennung nimmt sicher zu. Doch die Löhne werden durch Angebot und Nachfrage geregelt. Gibt es genug Leute, die zu einem tiefen Lohn arbeiten, steigt die Bezahlung nicht.

Die Pandemie zeigt schonungslos auf, wo es im Schweizer Gesundheitssystem hapert. Kommt es zum grossen Umbau?
Unser Gesundheitswesen ist seit Jahren im Umbau. Klar ist: Die Schliessung von Spitälern wird nach der Krise vielerorts kein Thema mehr sein. Dafür wird sich die Telemedizin schneller etablieren. Die Patienten können mit ihrem Arzt am Telefon ihr Leiden besprechen. Je nachdem erübrigt sich ein Besuch, der Arzt kann ein Rezept schicken. So haben wir die Chance, bessere Prozesse schneller zu standardisieren.

Bleibt die Hygiene so wichtig?
Ja, eine bessere Hygiene wird zum Standard. Desinfektionsmittel zum Lifestyleprodukt. Es kommen mehr Pflegeprodukte mit virentötenden Wirkstoffen auf den Markt. Genauso wie bakterienabhaltende Textilien.

 

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Karin Frick denkt nicht, dass Homeschooling den traditionellen Unterricht ersetzen wird.

Geri Born

Das Social Distancing bringt Menschen auf eine andere Art näher. Der lokale Zusammenhalt steigt, die Nachbarschaftshilfe blüht auf. Wird die Solidarität nach der Krise anhalten?
Die Erfahrungen, die wir jetzt mit unseren Mitmenschen machen – die Hamsterkäufe, die Nachbarschaftshilfe, bleiben in Erinnerung. Und können unser Menschenbild beeinflussen. Was wohl bleibt, ist das Grundvertrauen. Wir wissen nun: Im Notfall sind unsere Nachbarn für uns da. Und doch werden sich viele neue Kontakte wieder verlieren. Das ist wie mit Ferienbekanntschaften.

Was ist mit den Kontakten zu Freunden und Familie. Viele Beziehungen können wir zurzeit nur noch online aufrechterhalten. Bekommen diese Kontakte eine neue Bedeutung?
Ich sehe das ähnlich wie mit guten Vorsätzen: Momentan haben wir viel mehr Zeit für längere Gespräche und nehmen uns vor, diese auch künftig fortzuführen. Doch wenn wir den Alltag wieder zurückhaben, ändern sich die Prioritäten. Hinzu kommt: Gerade Familien, die zurzeit zu Hause aufeinandersitzen, werden auch froh sein, wenn sie wieder etwas Abstand haben.

Macht Homeschooling keine Schule?
Nicht insofern, als dass es den traditionellen Unterricht ersetzt – dafür halte ich den Austausch zwischen den Kindern und den Lehrpersonen für viel zu wichtig. Aber ich sehe Homeschooling als sinnvolle Ergänzung. Gerade in der Oberstufe hilft es, wenn man gewisse Lektionen online aufzeichnet. Ich habe das bei meinem Sohn schon beobachtet: Wenn er etwas nicht versteht, schaut er sich auf Youtube Erklärungsvideos an. Da ist es doch besser, wenn die eigene Schule so ein Angebot hat.

Sie haben das Gefühl am Ende der Pandemie mit dem Ende der Fastenzeit verglichen. Wie lange hält diese Leichtigkeit an?
Wie beim Fasten gibts oft einen Jo-Jo-Effekt. Im Moment haben wir mehr Zeit, kochen vermehrt, gehen in die Natur. Im besten Fall haben wir Selbstbewusstsein getankt, weil wir wissen: Wir können eine solche Krise überstehen. Wir machen neue Erlebnisse und Erfahrungen – aber zu anderen, besseren Menschen werden wir nicht. Auch wenn wir uns das wünschen.

Von Jessica Pfister am 10.04.2020
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