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«Sofort handeln und den CEO ersetzen»

Oswald Grübel kritisiert die Führung der Credit Suisse hart

Verfolgungsjagd und Handgemenge mitten in Zürich! Einen solchen Krimi hat selbst der erfahrene Banker Oswald Grübel nie erlebt. Er fordert Konsequenzen bei der Credit Suisse: «Wenn die Zeitungsberichte stimmen, dann sollte der Verwaltungsrat der CS sofort handeln und den CEO ersetzen.»

Oswald Gruebel, ehemaliger Chef von CS und UBS, spricht am Schweizer Medienkongress des Verbandes Schweizer Medien, am Freitag, 12. September 2014, in Interlaken. (KEYSTONE/Anthony Anex).

Oswald Grübel, 75, war zuerst CEO der Credit Suisse, dann der UBS –  als einziger Banker überhaupt.

Keystone

Die Credit Suisse hat ihren Top-Banker Iqbal Khan von Privatdetektiven überwachen lassen. Sie waren Chef der Credit Suisse, später der UBS. Gab es das unter Ihnen auch?
Nein, ich habe nie einen Mitarbeiter beschatten lassen.

Wurden Sie selbst in Ihrer langen Karriere einmal überwacht?
Nicht, dass ich davon wüsste.

Eine Verfolgung im Auto durch Privatdetektive, angeordnet durch den eigenen Arbeitgeber. Ein Handgemenge, als die Überwachung aufflog. Was halten Sie davon?
Was die Credit Suisse getan haben soll, ist höchst aussergewöhnlich in der heutigen Zeit, welche die Persönlichkeitsrechte hoch gewichtet. Allerdings wissen wir im Moment noch nicht, was die genauen Umstände waren.

Die Credit Suisse soll Iqbal Khan verdächtigt haben, bisherige Mitarbeiter abzuwerben – und sie mit zur UBS zu nehmen, seinem neuen Arbeitgeber. Plausibel?
Je nach Vertrag dürfte das Khan tatsächlich nicht. Was unüblich ist an diesem Fall: In der Regel läuft es umgekehrt. Beim Wechsel eines guten Chefs von einer Bank zur anderen melden manche Mitarbeiter ihr Interesse an mitzukommen – ohne dass der Chef sie abwerben müsste.

Sind diese Wechsel von Mitarbeitern so wichtig, dass die Credit Suisse deswegen jemanden beschatten lassen könnte?
Banken sind speziell: Mit einem Berater wechseln oft auch dessen Kunden – und damit Milliarden Franken an verwalteten Vermögen. Denn die Kunden kennen ihren Berater meist seit vielen Jahren – und vertrauen ihm. Ob sie ihr Geld bei der CS oder der UBS haben, spielt für sie keine grosse Rolle. Die Qualität der beiden Banken ist vergleichbar.

Oswald Gruebel

Oswald Grübel liest im  Café Metropol die Zeitung. Hier fand die Verfolgung von Iqbal Khan ihr Ende –  mitten in Zürich.

Kurt Reichenbach

Iqbal Khan wechselt ohne grössere Pause von der Credit Suisse zur UBS – was bedeutet das?
In der Geschäftsleitung dauert die Kündigungsfrist normalerweise bis zu einem Jahr. Es ist sehr überraschend, dass die Credit Suisse Iqbal Khan so schnell bei der Konkurrenz beginnen lässt – und bedeutet ein grosses Entgegenkommen ihm gegenüber. Umso weniger plausibel ist es, wenn sie Khan überwachen lässt. Es wird interessant sein, bald mehr zu erfahren.

Wenn Sie noch CEO der Credit Suisse wären: Wie würden Sie vorgehen?
Zuerst würde ich intern klären, was die Gründe für die Überwachung waren und weshalb diese ausser Kontrolle geraten ist. Dann würde ich extern kommunizieren. Je länger die Credit Suisse den Fall nicht vollständig aufklärt, desto mehr leidet ihre Reputation.

Wie schnell muss das gehen?
Eine solche interne Untersuchung dauert Stunden, nicht Tage. Spätestens Anfang dieser Woche hätten die Verantwortlichen wissen sollen: Wer hat die Überwachung angeordnet? Weshalb? War sie rechtmässig? Es reicht nicht, wie am Montag geschehen, in einem dürren Communiqué eine Untersuchung anzukündigen. Der CEO der Credit Suisse hätte stattdessen am Montag hinstehen und ein inhaltliches Statement abgeben müssen.

Was sagt es über Tidjane Thiam aus, dass er es nicht gemacht hat?
Gute Krisenkommunikation ist essenziell. Die Bank muss wissen, weshalb sie ihren Angestellten überwachen liess. Und der CEO muss diese Gründe darlegen. Das erwartet die Öffentlichkeit, weil die Angelegenheit längst zu einem grossen Medienfall geworden ist.

Was passiert sonst?
Je länger die Bank wartet, um diesen Fall aufzuklären, desto nachteiliger wird er für die Credit Suisse. Und damit auch für ihren CEO.

Inzwischen enthüllen die Medien immer mehr Details über einen angeblich heftigen Streit zwischen Khan und Thiam in dessen Villa. Ist Thiam überhaupt noch haltbar als CEO der Credit Suisse?
Wenn die Zeitungsberichte stimmen, dann sollte der VR der CS sofort handeln und den CEO ersetzen, denn ein solches Verhalten ist einer Schweizer Grossbank unwürdig.

Herr Thiam stand bereits in der Kritik, weil er die Nachwuchshoffnung Iqbal Khan an die UBS verlor. Kennen Sie Khan?
Ich habe ihn getroffen, bevor er zur Credit Suisse ging. Er machte einen überaus kompetenten Eindruck auf mich.

Khan ist im Bankgeschäft ein Quereinsteiger. Ursprünglich arbeitete er als Wirtschaftsprüfer. Ungewöhnlich?
Wir werden bei den Banken noch häufiger Quereinsteiger sehen, weil sich das Geschäft geändert hat. Zu meiner Zeit gingen wir im Investment Banking viel höhere Risiken ein als heute. Dafür brauchte es Spezialisten. Für das Private Banking ist Kahn der Richtige.

Khan gilt als Wunderkind. War das bei Ihnen auch so?
Nein, ich bin kein Wunderkind. Ich habe immer hart arbeiten müssen.

Viele Fragen im Banken-Krimi um die Credit Suisse

Iqbal Khan, 43, ist ein Wunderkind. Schnell steigt er bei der Credit Suisse auf, gilt als Zögling von CEO Tidjane Thiam. Im Sommer der Bruch: Khan verlässt die CS, will zur Konkurrentin UBS. Noch bevor er dort beginnt, nimmt die Geschichte eine dramatische Wende. Letzte Woche bringt Khan an seinem Wohnort Herrliberg ZH den sechsjährigen Sohn ins Fussballtraining, fährt dann mit seiner Frau nach Zürich. Plötzlich merkt er, dass ihn ein Auto verfolgt. Khan hat Todesangst, versucht das Auto abzuschütteln – vergeblich. Mitten im Zürcher Bankenviertel steigt Khan aus, fotografiert die Verfolger. Nach Aussage von Khan wollen ihm diese das Handy entreissen. Schliesslich fliehen die Männer, werden später von der Polizei gefasst. Bei Redaktionsschluss der SI am Mittwoch sind viele Fragen offen: Wer hat bei der CS die Überwachung angeordnet? Weshalb? Wusste CEO Thiam Bescheid? Die Bank schweigt. In einem dürren Communiqué kündigt sie nur an, den Fall zu untersuchen.

Von Philipp Mäder am 25.09.2019