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«Hanseatic nature»

Mehr Meer geht nicht

Hapag-Lloyd und die «Hanseatic nature» definieren die Expeditionsreise neu. Ein «Nature Walk». Und zwei ausfahrbare gläserne Balkone 15 Meter über dem schäumenden Meer.

Hanseatic Nature Hapag-Lloyd

Lamm in Sicht! Die «Hanseatic ­nature» unter­wegs in den Inneren ­Hebriden.

Kurt Reichenbach

Am zweiten Seetag ist es so weit: Der Kapitän lässt auf der Steuerbordseite den gläsernen Balkon ausfahren. Die ersten Gäste betreten den Glasboden. Etwas zaghaft zunächst, denn immerhin schäumt 15 Meter tiefer das Meer. Dann weicht die Furcht der Begeisterung: ein erhabenes Gefühl. Mehr Meer geht nicht. Zweite grosse Neuheit an Bord: der «Nature Walk», ein Decksumlauf auf dem Vorschiff. Die Expe­di­tionsteilnehmer können so ganz vorn «auf der Back» stehen, sind damit noch näher am Geschehen als der Kapitän; in der Antarktis hört man hier das Eis knacken. Klar, was auf dem ­«Nature Walk» angesagt ist: Selfies, Fotoshooting. In der Pose natürlich, die Leonardo DiCaprio und Kate Winslet im Film «Titanic» berühmt gemacht hat. Voll Instagram-tauglich.

Echte «Abenteurer» wollen mehr. Anlandungen beispielsweise. 17 bordeigene Zodiacs, darunter zwei E-Zodiacs mit umweltfreundlichem Elek­tro­antrieb, stehen für den Gang von der «Nature» in die Natur zur Verfügung. Bei ruhigem Wasser fährt der Kapitän die Marina aus, steigen die mutigsten Passa­giere um ins Kanu und gehen auf eigene Faust auf Entdeckungsreise. Die Gäste sind gut vorbe­reitet: Im Hightech-Hanseatrium auf Deck 4 wird auf grossen LED-Bildschirmen und in spannenden Vorträgen Wissen vermittelt. Auf Deck 8 gibts eine «Study Wall», einen 6 mal 1,4 Meter grossen Touch-Bildschirm. Alle Informationen sind digital auf­gearbeitet. Wer keine Zeit oder keine Lust hat, ­bei den Vorträgen dabei zu sein, kann sich in der ­Kabine die Aufzeichnung am TV-Gerät anschauen.

Die Expeditionskreuzfahrt boomt. Die Nach­frage ist trotz stolzen Preisen dreimal grösser als das Angebot. Und: Auch «Abenteurer» wollen, wenn der Parka mal zum Trocknen hängt, Komfort und Fünfsterne-Luxus. Deshalb definiert Hapag-Lloyd die Expeditionsklasse neu, schickt künftig gleich drei neue Schiffe Richtung Arktis, Antarktis und Amazonas. Die «Hanseatic nature» (höchstens 230 Passagiere!) ist bereits unterwegs. Im Okto-ber 2019 kommt die «Hanseatic inspiration» in Dienst, im Mai 2021 die «Hanseatic spirit». Karl J. Pojer, der Chef der stolzen Flotte, hatte erst mit zwei Schiffen geplant, dann wegen ­grosser Nachfrage die Nummer 3 in Auftrag gegeben. Pojer:   «Expeditionskreuzfahrten bieten ein ‹Once in a Lifetime›-Erlebnis. Das Erleben steht für den Gast immer mehr im Mittelpunkt. Unsere neuen Expeditionsschiffe sind die smarte Antwort auf den Routing- und Bildungsanspruch unserer Kunden.» Natürlich hat Pojer für sein Konzept auch einen smarten Namen: «Inspired by nature».

Hanseatic nature Hapag-Lloyd Expeditionskreuzfahrt Fingal's Cave

Abenteuer. Mit dem einen der (17!) Zodiacs unterwegs in Fin-gal’s Cave. Einige haben E-Antrieb.

Kurt Reichenbach
Hanseatic nature Hapag-Lloyd Expeditionskreuzfahrt Schiffskrankenschwester

Doppeljob! Cornelia Sterr ist Schiffskrankenschwester und Boots­führerin zugleich.

Kurt Reichenbach

Hapag-Lloyd hat in den Expeditionsgebieten viel Erfahrung – und Kapitäne, die sich auch im ewigen Eis gut auskennen. Axel Engeldrum, im Turnus mit Thilo Natke der «Master» an Bord: «Auf der Brücke müssen wir die Eislage sorgfältig prüfen, die Wetterentwicklung immer gut im Auge haben. Spontanität und Flexibilität sind wohl das wichtigste Werkzeug in der Expeditionsfahrt. Die Eissituation kann sich mit einem Wechsel der Windrichtung innerhalb kürzester Zeit verändern. Ein zuvor aufgebrochenes Eisfeld stellt plötzlich eine zugeschobene Barriere dar.» Engeldrum gehts gelassen an: «Die Kapitäne und die Brückenbesatzung haben die Erfahrung aus vielen Jahren Eisfahrt. Das hilft.» Auf der «Hanseatic inspira­tion» ist ab November ein Schweizer der Boss: Der erfahrene St. Moritzer Roman Obrist, zehn Jahre mit den «alten» Hapag-Schiffen «Bremen» und «Hanseatic» in den Polargebieten unterwegs, wurde zum Kapitän ernannt.

Expedition und Luxus schliessen sich nicht länger aus. Hapag-Lloyd positioniert seine drei Han­seatics in der Fünfsterne-Klasse. Der Komfort ist gross: Die 120 Kabinen und Suiten auf der «Hanseatic nature» verfügen über 21 bis 71 Qua­drat­meter («Grand Suite»). Fast alle Kabinen haben ­einen eigenen Balkon oder ­einen French Balcony. Die Ausstattungsdetails sind beein­druckend: In den Kabinen gibts Feldstecher von Swarovski, die Wände in den klug geschnittenen Badezimmern sind beheizt, damit die Kleider nach Exkursionen – etwa ins ewige Eis – rasch trocknen. Der Gast selbst wärmt sich am besten in der finnischen Sauna oder im Dampfbad auf: Ocean Spa auf 235 Quadratmetern, 100 Quadratmeter Gym, mit Fitnesscoach und Blick aufs imposante Natur­panorama. Der Pool ist mit einer Ge­gen­strom­anlage ausgerüstet und kann dank einem flexiblen Zeltdach wetterunabhängig genutzt werden.

Gleich drei Restaurants stehen zur freien Wahl und ohne feste Tischzuteilung zur Verfügung: Das Hauptrestaurant Hanseatic, das Spezialitätenrestaurant Hamptons, das sich etwas überraschend an der ostamerikanischen Küche orientiert (Meeresfrüchte, Barbecue, Gemüse). Und das «Lido», mit seinem grossen Aussenbereich bei Fahrten in wärmeren Regionen der Hotspot an Bord. Küchenchef ist einer, der von der Marine kommt und viel Expeditionserfahrung mitbringt: Der Norddeutsche Tobias Schnieders, Boss der 28-köpfigen jungen Brigade. Schnieders weiss, was auf grosser Fahrt alles passieren kann: Teilt der Kapitän über die Borddurchsage mit, dass ­Buckelwale zu sehen sind, lassen die Gäste am Tisch alles stehen und rennen raus. «Ich muss dann den Service stoppen und danach neu starten.» Schnieders scheut für seine Passagiere keinen Aufwand. «Treffen wir auf See einen ­Fischer, fahren wir auch schon mal mit einem ­Zodiac zu seinem Boot rüber und verhandeln über fangfrischen Fisch.» Frischer geht nicht.

Natürlich ist «Shopping by Zodiac» die romantische Ausnahme. Der nautische Alltag ­beruht auf genauer Planung und viel Erfahrung. Auf der «Hanseatic nature» führt Hapag-Lloyds bester Mann in diesem Fach Regie: Hotelmanager Johann Schrempf, der alle neuen Schiffe der Reederei «einfährt». Fünf Sterne sind ein Versprechen. Kann er es einlösen? Schrempf: «Auf jeden Fall. Auch wenn die Logistik eine Herausforderung ist. Die Standards sind sehr hoch angesetzt, und die gelten auch für Expeditionsschiffe. Wir planen die Container-Versorgungen mehr als zwei Monate im Voraus. Frisches Gemüse und Obst erhalten wir zu Beginn jeder Reise. Da unsere Zielgebiete exponiert sind und vor Ort teilweise wenig wächst, werden die Vorräte häufig eingeflogen. Wenn immer möglich besucht der Küchenchef lokale Märkte und kauft spontan ein.» Routinier Schrempf weiss, was nie ausgehen darf: Weissbier! Dieses wird zu seiner ­eigenen Verwunderung nicht nur in warmen Gebieten, sondern in geselliger Runde auch im ewigen Eis literweise getrunken. Na dann Prost!

Leinen los!

Routing Die «Hanseatic nature» kreuzt im Winter jeweils in der Antarktis und ist danach auf den ver­schiedensten Routen unterwegs: in Südamerika (Chile, Amazonas), in Europa (z. B. Spitzbergen), auf der Nordwest­passage, in Asien und im Südpazifik. Am Schluss kehrt sie zurück in die Antarktis.
Info cruisetour.tui.ch, Tel. 0848 848 444

Von Urs Heller am 30. August 2019