Ein Wochenende in der Surselva

Auf die Schlitten, fertig, los!

Wer den Winter mag, wird die Surselva lieben. Das Bündner Oberland überzeugt mit rasanten Abfahrten, bodenständiger Küche und Hotels, die dem Food Waste den Kampf ansagen.

Husky-Schlitten
Der spezielle Husky-Schlitten des Berg­restaurants Wali ober­halb von Ober­saxen ist eine Eigen­krea­tion. Zu zweit oder allein gehts runter ins Tal. Flurina Rothenberger

Wer die Surselva kennt, der wird sagen: Ein Wochenende genügt nicht, um die Talschaft des Vorderrheins in seiner ganzen Schönheit und Weite kennenzulernen. Das stimmt! Denn das Gebiet, auch bekannt als Bündner Oberland, erstreckt sich vom Oberalppass im Westen bis zum Bergsturz­gebiet von Flims im Osten. Und weil Hektik und Stress nicht in dieses Tal passen, gehen wir es ebenfalls ruhig an und besuchen an diesem «Weekend» den unteren Teil rund um den Hauptort Ilanz. 

Wir starten den Samstag in Obersaxen, wo wir uns bei Caroline Gerner im Scarnuz Grischun Surselva, einer umgebauten Schreinerei, mit allerlei Bündner Spezia­litäten eindecken. Hinter dem Einkaufs­lädeli steht eine Interessengemeinschaft von zehn Bäuerinnen aus der Region, die zu Hause ihre Spezialitäten wie fixfertige Gerstensuppe oder Fondue-Mischungen aus Alpkäse herstellen. Die Frauen achten darauf, vor allem lokale Produkte zu verwenden, und beziehen die Rohstoffe wann immer möglich vom eigenen Hof. Caroline Gerner verpackt unsere Einkäufe am Schluss in den typischen Papiersack – den sogenannten Scarnuz. 

Obersaxen bietet aktiven Besuchern und Naturliebhabern viel. Auf dem weitläufigen Winterwandernetz – rund achtzig Kilo­meter – kann die Gegend zu Fuss erkundet werden. Und wer den Berg hoch, aber nicht wieder runterlaufen will, mietet sich beim Bergrestaurant Wali einen Husky-Schlitten und saust die drei Kilometer ­lange Strecke nach Obersaxen Meierhof hinunter. Wer es gemächlicher mag, geht Schneeschuh wandern. Das passende Terrain dafür findet sich im sonnigen Andiast auf der anderen Talseite. Eine der schönsten und aussichtsreichsten Strecken ist die sechs Kilometer lange Rundtour via Cuolm Dado und Alp Dadens Sut. 

In Andiast kehren wir später auch ein. Im Restaurant Postigliun steht gleich die ganze Familie im Einsatz. In der Küche kochen Guido Sgier und Sohn Sandro. Im Service bedient Corina Sgier mit Tochter Tanja die Gäste. Das funktioniert gut.
«Wir sind ein eingespieltes Team. Unsere Eltern übergeben uns viel Verantwortung», sagt Tanja Sgier. Corina und Guido führen den Betrieb seit dreissig Jahren. Die Sgiers ­haben es nicht nur geschafft, GaultMillau-Punkte (aktuell sind es 14) und Gäste aus der ganzen Surselva in das Bergdorf zu holen, sondern auch Einheimische und Arbei­ter am Stammtisch glücklich zu ­machen. «Ich biete am Mittag ein ein­faches Menü. Zudem habe ich schnell ­gemerkt, dass auch Arbeiter Freude an ­einem schön angerichteten Teller haben», so Guido Sgier. Seine Küche beschreibt er als authentisch und regional mit inter­nationalem Einfluss. Immer passend und fein: seine «Capuns alla moda da Guido». In zwei Jahren will der passionierte Jäger wissen, ob sich eines seiner Kinder oder beide zusammen vorstellen können, das Restaurant zu über­nehmen: «Es wäre schön, wenn es in der Familie bleiben würde, aber wenn nicht, ist das auch okay.» Dem Nachwuchs lässt sich zu diesem Thema derzeit kein Kommentar entlocken. 

Für die Übernachtung entscheiden wir uns für das Riders Hotel in Laax. Der Bündner Reto Gurtner investierte vor zehn Jahren achtzig Millionen Franken in das Tou­rismus­konzept Rocksresort, zu welchem das «Riders» noch heute gehört. Im Zen­trum stand damals wie heute ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit. So ist das «Riders» nach Minergie-Standards gebaut, das Gebäude wird mit Wasser aus dem nahe gelegenen See geheizt. Im Dezember 2017 eröffnete das frisch renovierte Riders Hotel unter neuer Führung: Der ­gebürtige Aargauer Roger Heid hat das Management übernommen. Neu sollen nicht mehr nur junge Freerider angesprochen werden: «Unsere Zielgruppe ist nicht nach dem Alter definiert, sondern nach ­ihrem Lifestyle. Menschen, die Freude an Kunst, Musik und gutem Essen haben, sollen sich hier wohlfühlen.» In Sachen Nachhaltigkeit versucht sich Heid an neuen Konzepten. Zusammen mit dem Schweizer Start-up Kitro startete das Hotel im letzten Winter ein Pilotprojekt: Das Küchenteam mass und analysierte die gesamte Wintersaison lang Essensreste, die in der Küche und im Restaurant anfielen. Das Ergebnis: 505,5 Kilogramm vermeidbarer Müll. «Wir wissen jetzt auf das Produkt genau, wo bei uns Müll anfällt, und können unsere Einkäufe besser planen», sagt Heid.

Lädeli Scarnuz
Im Scarnuz Grischun in Obersaxen gibt es Spezialitäten von Bäuerinnen aus der Region. ?? 2018 Flurina Rothenberger, All Rights Reserved
Brigels, Schneeschuhlaufen
Die Surselva mit ihren Hängen und Tannen im Wintergewand. ?? 2018 Flurina Rothenberger, All Rights Reserved

Wer abends noch weg möchte und Lust auf Kultur und Kunst hat, fährt nach Ilanz ins Cinema Sil Plaz. Die Lokalität – eine alte Schmiede – hat sich seit ihrer Eröffnung 2010 zu einem der wichtigsten Kulturorte in der Surselva entwickelt. Die lokalen ­Architekten Gordian Blumenthal und ­Ramun Capaul sorgten beim Umbau der Schmiede dafür, dass ihr roher Charakter erhalten blieb. Meist werden von Mittwoch bis Samstag ausgewählte Filme gezeigt oder Konzerte, Theater und Lesungen ­veranstaltet. Danach setzt man sich für
ein Glas Wein an die Bar und bekommt mit ­etwas Glück von den Einheimischen weitere Tipps für die Region.

Den Sonntag starten wir mit einem Brunch im Café Livingruhm im nahen Flims, ­welches seit fünf Jahren von Björn Sten-der und seiner Freundin geführt wird. Der ­gebürtige Deutsche ist im Ort aber besser unter seinem Spitznamen Herr Günni bekannt. Das Interieur in der ehemaligen Schlosserei ist ein Sammelsurium aus Fund­stücken aus aller Welt und Kunst von Freunden. So hängen hier auch die Stoff­taschen der Grafikerin Marionna Isenbügel an der Wand, die in Flims die Papeterie Mopertei betreibt. Neben dem Brunch besonders lecker: der Scho­koladenkuchen und der Cheesecake, den Björn auch nach einem langen Arbeitstag noch selber backt. 

Wer vom Schlitteln oder Schneeschuhwan­dern ein wenig Muskelkater verspürt, kann seinem Körper im Spa des Waldhaus Flims Alpine Grand Hotels etwas Gutes tun. Mit Aussicht auf hohe Tannen und verschneite Bergspitzen lässt es sich im heissen Aussenerlebnisbad oder im Innenpool herrlich sprudeln und entspannen.

Das Tal als Kraftort

 „Aufgewachsen bin ich in Tavanasa bei Brigels. Noch heute kehre ich gerne und oft in meine Heimat zurück. Die Surselva ist ein wahrer Kraftort für mich, das unaufgeregte Leben gefällt mir. Im Winter kann man auf den verschiedenen Pisten wunderbar Ski fahren. Und ein Besuch der Ruinaulta, wie die Rheinschlucht auf Romanisch heisst, lohnt sich auch, wenn es kalt ist. In der Surselva gibt es viele kleine Dörfer, die Architektur spielt eine grosse Rolle. Ein gutes Beispiel dafür ist Vrin im Lugnez, hier hat der Bündner Architekt Gion A. Caminada die typischen Strickbauten weiterentwickelt. Ein Besuch dort ist ein schönes Erlebnis.“ Arno Camenisch, 41, Schriftsteller

Arno Camenisch
Arno Camenisch, 41, Schriftsteller. KEYSTONE / CHRISTIAN BEUTLER
Ein Wochenende in der Surselva
Ein Wochenende in der Surselva Illustration: Anna Haas

Ein Wochenende in der Surselva

Geniessen

  1. Postigliun Die GaultMillau-Küche von Guido Sgier macht Hungrige aus der ganzen Surselva wie Einheimische am Stammtisch glücklich. Zum Restaurant gehört ein kleines Hotel. Via Principala 19, 7159 Andiast. Öffnungszeiten auf der Homepage. www.postigliun-andiast.ch
  2. Cinema sil plaz Im Cinema Sil Plaz in Ilanz vereinen sich Film, Konzerte, Kleinkunst und Literatur. Zudem gibt es einen Barbetrieb. Mittwoch bis Samstag, jeweils abends geöffnet. Via Centrala 2, 7130 Ilanz. www.cinemasilplaz.ch
  3. livingruhm Der selbst gemachte Schokoladenkuchen von Pächter Björn Stender ist ein Gedicht. Im Winter wärmt ein Cheminée die klammen Finger. Via dil Crest 4, 7017 Flims. So/Mo/Mi/Do 9–19 Uhr, Fr & Sa 9–23 Uhr. www.livingruhm.ch

Einkaufen

  1. Scarnuz Grischun SURSELVA Spezialitäten von Bäuerinnen aus der Surselva. Alle Produkte können auch online oder per Telefon bestellt werden. Markal 2, 7134 Obersaxen. Bis 30. März 2019 Öffnungszeiten wie folgt: Di & Fr 14–18 Uhr, Sa 8.30–12 Uhr. www.scarnuz-grischun.ch
  2. Mopertei Bücher, Papeterie, Spielwaren & Grafik. Via Nova 41, 7017 Flims. Mo/Di/Do/Fr 8.30–12 & 14–18 Uhr. Sa 8.30–12 & 14–16 Uhr. www.mopertei.com

Erleben

  1. Schneeschuhwandern Diverse markierte Routen rund um Andiast; auch geführte Touren werden angeboten. www.surselva.info/Winter/Schneeschuh-Skitouren
  2. Schlitteln Bergrestaurant Wali Anreise: beim Parkplatz Miraniga in Obersaxen Meierhof den Waldweg ­nehmen. Dauer des Spaziergangs circa 45 Minuten. Oder mit der Sesselbahn nach Kartitscha fahren, danach 30 Minuten bis Wali. www.bergrestwali.ch/winter/home
  3. Baden im Waldhaus Flims Saunen, Innenpool & Aussenerlebnisbad. Drei Stunden Aufenthalt kosten CHF 55.–. Täglich 8–21 Uhr. Via dil Parc 3, 7018 Flims. www.waldhaus-flims.ch/de/spa/pools

Übernachten

  1. Riders Hotel Stylische und ­funk­tionale Doppelzimmer in verschie­denen Kategorien, z. B. «Riders Kings» mit Schwebebett für CHF 220.– in der Hauptsaison. Via Murschetg 1, 7032 Laax. www.ridershotel.com
Von Manuela Enggist am 26. März 2019