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Thomas Stocker

«Zu Hause bleiben, gilt auch fürs Klima»

Mit der Corona-Pandemie wird unser ökologische Fuss­abdruck kleiner. Profitiert wenigstens die Umwelt von der Krise? Klimaforscher Thomas Stocker findet, nein.

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Klimaforscher Thomas Stocker, 60, leitet die Abteilung für Klima und Umweltphysik an der Universität Bern. Anhand von Klimamodellen analysiert sein Team die Vergangenheit und simuliert die Zukunft. 

Adrian Moser
Barbara Halter

Thomas Stocker, das Wasser in Venedigs Kanälen ist wieder klar, in Nordindien sieht man den Himalaja. Man könnte sagen: Wunderbar, wenigstens die Umwelt profitiert von der Pandemie. Stimmt das? 
Es ist klar, dass durch einen Lockdown, bei dem der Verkehr um sechzig bis achtzig Prozent zurückgeht, in Ballungszentren wie Neu-Delhi eine unmittelbare Wirkung in der Atmosphäre sichtbar wird. Die Bilder führen uns vor Augen, wie stark wir unsere Umwelt belasten. Und wie schnell man einen Bene­fit hat, wenn man die Emissions­quellen reduziert.

Wissen Sie, um wie viel der Treibhausgas-Ausstoss zurzeit sinkt?
Nein, auf diese Daten wird man noch warten müssen. Sie werden aber sicher vom Global Carbon Project erhoben.

Können Sie die Reduktionen einschätzen?
Der Flugverkehr wurde praktisch zu neunzig Prozent zurück­gefahren, der Individual­verkehr wohl etwa um die Hälfte. Da Fliegen in der Schweiz zwanzig Prozent der Treibhausgas-Emissionen ausmacht und der Verkehr etwa einen Drittel, reduziert sich der gesamte CO2-Fuss­abdruck der Schweizer Bevölkerung massiv. Natürlich: Gesehen aufs ganze Jahr, wenn wieder auf Courant normal hochgefahren wird, werden diese Einsparungen geschätzt bei etwa zehn Prozent liegen. 

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Deutschland soll 2020 dank den Folgen von Corona seine Klimaziele erreichen. Wie ist es mit der Schweiz?
Wenn Deutschland nun seine Ziele erreicht, bedeutet das noch gar nichts. Um die globale Erwärmung einzu­dämmen, braucht es infra­strukturelle Veränderungen und eine permanente Reduktion – jedes Jahr. Das geht nur mit der Energie­wende und einer ­Dekarbonisierung, also dem Ersetzen von fossilen Energieträgern durch erneuerbare. 

Sehen Sie trotzdem Parallelen zwischen der Klimakrise und der Corona-Krise?
Ich sehe vielmehr dezidierte Unterschiede: Corona bedroht zwar direkt das Leben jedes Einzelnen. Die meisten Regierungen haben auf die Wissenschaft gehört und schnell gehandelt, und die Bevölkerung trägt die Entscheidungen mit. Dabei gab es keine Zeit für Parteiengeplänkel. In der Klima­krise ist es anders: Auch sie ist lebensbedrohend. Und zwar nicht nur für den Menschen, sondern für den Planeten als Ganzes – aber es fehlt die unmittelbare Bedrohung. Schon vor dreissig Jahre warnten Wissenschaftler vor der Erhitzung, vor Wetterextremen und vor dem Meeresspiegel­anstieg. Gehandelt wurde nicht.

«Auch die Klimakrise ist lebensbedrohend. Und zwar nicht nur für den Menschen, sondern für den Planeten als Ganzes – aber es fehlt die unmittelbare Bedrohung.»

Das muss Sie als Klima­wissenschaftler ärgern.
Selbstverständlich ärgert das einen, aber mit Ärger bewegt man nichts. Unsere Aufgabe in der Wissenschaft ist, verläss­li­che Informationen für den demo­kratischen Prozess zu liefern. In den letzten zwei Jahren wurden diese Resultate von der Klimajugend aufgenommen. Sie erzeugte viel Druck auf die Öffentlichkeit und die Politik. Das Thema wurde praktisch in jede Familie hineingetragen. In der Schweiz debattiert die Politik endlich über eine sub­stanzielle CO2-Abgabe, das war lange ein Tabu. 

Erhält die Klimajugend nun einen Dämpfer?
Das glaube ich nicht. Wir sind auf dem besten Weg, wieder einen extrem heissen Sommer zu erleben. Der Feuchtigkeitsgehalt der Böden ist ein massgeblicher Faktor, wie stark die Erwärmung im Sommer zuschlagen wird. Zurzeit ist die Trockenheit schlimmer als 2018.

Der deutsche Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber fordert einen «Klima-Corona-Vertrag»: «Wer achtlos das Virus weitergibt, gefährdet das Leben seiner Gross­eltern. Wer achtlos CO2 freisetzt, gefährdet das Leben seiner Enkel.» 
Das ist sehr gut gesagt und trifft genau den Punkt. 

Für Junge ist es schwierig zu sehen, wie die Golden Ager von einer Kreuzfahrt zur nächsten gondeln. Wie sehen Sie diesen Generationenkonflikt?
Es sind ja nicht nur die Pen­sionierten, die übermässig konsumieren. Wir alle, besonders in der Schweiz, beteiligen uns an diesem Konsum. «Bleiben Sie zu Hause» gilt in gewisser Weise auch für die Klimakrise.

Welche Lehren können wir aus der Pandemie ziehen?
Sie führt uns vor Augen, dass ein gut organisiertes und finanziertes Staatswesen lebensrettend ist. Wir sind als Gesellschaft innovativ und erreichen mit Solidarität viel. Diesen Geist braucht es auch in der Klimakrise. Nur meistert man diese nicht mit ein paar Wochen Durchhalten und regel­mässigen Presse­konferenzen, sondern mit einer langfristigen Strategie. 

Wie kann man nun der Wirtschaft helfen und gleichzeitig klimafreundlich handeln?
Indem wir nicht zum gleichen Modell zurückkehren, das wir die letzten zwanzig Jahren hatten. Wenn eine Airline nun vom Staat finanziell unterstützt wird, muss dies an Bedingungen geknüpft werden. Natürlich ist das zunächst störend für Leute, die finden, dass sich die Wirtschaft frei entfalten soll. Aber im Pariser Abkommen zum Klimaschutz, das auch die Schweiz unterschrieben hat, ist klar festgelegt, dass eine absolut freie Entwicklung nicht mehr möglich sein wird. 

Der Erdölpreis ist so tief wie nie. Was bedeutet das für die Umwelt?
Was jetzt passiert, sind kurzfristige Sachen. Längerfristig muss auch der Ölhandel im Einklang mit den Klimazielen von Paris sein. Der Konsum von Öl oder Kohle muss mit einem Generationenbeitrag belegt sein, der es uns ermöglicht, die fossilen Energie­träger zu ersetzen und unsere Infrastruktur auf erneuerbare Energien umzustellen. 

Wie hat die Pandemie Ihren beruflichen Alltag verändert? 
Ich halte meine Vorlesung vor einem leeren Hörsaal. Sämtliche Konferenzen sowie unser Feldeinsatz in Grönland sind abgesagt. Mir fehlen vor allem die persönlichen, spontanen Diskussionen im Institut. 

Und privat?
Wir haben uns gut arrangiert und sind mit Garten in einer privilegierten Situation. Für die Arbeit zu Hause brauchts aber mehr Disziplin, da bei diesem Wetter die ­Terrasse lockt. 

Können Sie sich als Klima­wissenschaftler überhaupt freuen über den fast sommerlichen Frühling?
Als Mensch und Einwohner der Schweiz geniesse ich die Wärme. Aber wie ein Bauer wünsche ich mir Regen, damit der Sommer nicht so ­extrem heiss wird wie 2018 oder 2003.

Von Barbara Halter am 15.05.2020
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