1. Home
  2. Specials
  3. GRUEN 3/2019
  4. Frischluft fürs Wohnzimmer des Pfister-Chefs

Matthias Baumann

Frischluft fürs Wohnzimmer des Pfister-Chefs

Pfister setzt auf Schweizer Möbel, stösst damit aber an Grenzen. Der CEO über vegane Duvets, kompostierbare Vorhänge – und wie der Garten zur Stube wird.

Matthias Baumann
Roland Tännler

Als wir mit Pfister-CEO Matthias Baumann morgens um neun die Wohnung in Dübendorf ZH betreten, steht noch eine junge Frau in der Küche und trinkt seelenruhig Kaffee. Die Studentin ist Besucher gewohnt. Ihr Zuhause ist auch ein Demonstrationsobjekt. Es befindet sich im Haus NEST (Next Evolution in Sustainable Building Technologies) der Empa. Im futuristisch aus­sehenden Gebäude wird mit Abfall und Recycling-Mate­rialien experimentiert. Unter dem Dach befindet sich ein mit Solarenergie betriebener Wellnessbereich. Die Wohnung, in der wir uns befinden, wurde von Robotern und 3-D-Druckern gebaut. Ein­gerichtet ist sie mit Sesseln, Bettwäsche und Vorhängen von Pfister. CEO Matthias Baumann schaut sich interessiert in den Räumen um. Es ist sein erster Besuch hier. 

GRUEN: Matthias Baumann, wieso ist Pfister bei NEST Partner?

Als das Forschungsprojekt 2017 entstand, kamen wir gerade mit unseren Cradle-to-Cradle-Vorhängen auf den Markt. Das Haus ist ein passender Ort, um solche ­Innovationen den Konsu­men­ten näherzubringen.  

Kurz erklärt – was ist Cradle to Cradle?

Der Begriff bedeutet «von
der Wiege zur Wiege». Grundlegend für das Prinzip ist der Kreislaufgedanke. Bei solchen Produkten gibt es keine Ab-fälle. Bei unseren Cradle-to-Cradle-Heim­textilien sind alle Materialien komplett biologisch abbaubar – vom Stoff über den Faden, die Farb­pig­mente bis hin zum Etikett. Um dies zu erreichen, muss-ten wir unsere Vorhang-Produktionsstätte umstellen. Hinzu kommt der Rücklaufprozess ausgedienter Ware: Der Handel setzt sich nor­maler­weise nicht mit der Frage auseinander, wie man ein Produkt zurücknimmt. 

Matthias Baumann

Matthias Baumann, 46, ist seit Mai 2015 CEO von Pfister.

Roland Tännler

Das heisst: Wenn ich die Vorhänge nicht mehr will, bringe ich sie in eine Filiale zurück?

Genau. Und Sie bekommen sogar zehn Prozent des Preises gutgeschrieben. Wir lassen die Vorhänge dann kompos­tieren. 

Wie viele Kunden machen das?

Fragen Sie in fünf, zehn Jahren wieder. Das Produkt ist noch zu jung und in Gebrauch. Der Rücknahme­prozess wird noch kaum genutzt – zum Glück, sonst hätten wir ein Qualitätsproblem. 

Sind solche Produkte, gemessen am gesamten Pfister-Sortiment, nicht bloss ein­same, grüne Leuchttürme?

Man muss aufpassen: Nach­haltigkeit ist ein sehr weiter Begriff. In unserer DNA ist Qualität seit je ein zen­traler Punkt: Die Möbel sollen lange leben. Wir produzieren keine Masse wie ein Discounter. Wir haben viele Massivholzmöbel im Angebot. Diese kann man, wenn man will, ein Leben lang nutzen, restaurieren lassen und mehrmals auf- und abbauen.

Schaut man sich bei den Wohn­accessoires um, ist aller­dings vieles Made in China oder Indien. Ein Widerspruch?

Nein. Die Frage ist, wie man mit diesen Ländern zusammen­arbeitet. Nehmen wir Teppiche: Pfister ist Gründungsmitglied des Labels Step, das sich für faire Arbeitsbedingungen und umweltfreundliche Herstellung sowie gegen Kinderarbeit engagiert. Auch wenn wir in Nepal oder sonst wo in Asien produzieren, wollen wir soziale Standards erfüllen. Hundertprozentige Gewissheit gibt es nie, aber wir bemühen uns sehr. Um kompetitiv zu sein, können wir gewisse Produkte in unseren Breitengraden gar nicht mehr produzieren. 

Haben Sie persönlich ein Faible fürs Handwerken? 

Es fasziniert mich, wenn jemand schöne Sachen gestalten kann. Ich selbst bin kein guter Handwerker. Wenn meine ­Kinder älter werden und mit mir basteln wollen, werde ich gefordert sein (lacht).

Ist nichts aus dem Werk­unterricht hängen geblieben?

Im letzten Jahr bin ich beim Räumen meines Elternhauses auf ein Regal von mir gestossen und war erstaunt, dass ich das selbst geschreinert habe.

Für Atelier Pfister entwerfen Schweizer Designer Möbel und Accessoires. Sind die ­Produkte auch Swiss Made?

Wir sind sehr stark gewillt, in der Schweiz zu produzieren, wenn das möglich ist. In der neuen Kollektion für den Herbst haben wir wieder ein Produkt, das zu hundert Prozent hier gefertigt wurde. 

Wie hoch ist der Anteil an Schweizer Lieferanten?

Im Möbelbereich beschaffen wir fünfzig Prozent in der Schweiz. Das ist ein hoher Anteil, wir kämpfen aber. In den letzten Jahren haben viele Hersteller Insolvenz angemeldet. Das macht uns Sorgen. 

Bedeutet ökologisch korrekt auch teurer?

Nein. Den Beweis konnten wir mit den Cradle-to-Cradle-Produkten erbringen. Sie sind absolut konkurrenzfähig. Das ist wichtig. Bei nachhaltigen Produkten darf keine Subven­tionspolitik dahinterstehen. 

Werfen wir einen Blick ins Schlafzimmer: Sie verkaufen vegane Duvets mit Bam­bus­faser-Füllung. Springen Sie auf den Vegan-Trend auf?

Nein, wir stürzen uns nie auf Hypes, das liegt uns nicht. Wir haben diese Duvets schon länger. Die Anfragen steigen zurzeit, auch wenn die Verkaufszahlen nicht explodieren. 

Die meisten wollen Daunen?

Ja. Da verwenden wir übrigens nur Federn, die nicht an lebenden Tieren gerupft wurden.

«Im Möbel­bereich beschaffen wir fünfzig Prozent in der Schweiz. Wir kämpfen aber. Viele Hersteller haben Insolvenz angemeldet.»

Matthias Baumann

Die Wohnung im «DFAB House» im NEST-Gebäude wurde digital geplant und mit Robotern und 3-D-Druckern gebaut. Bewohnt wird sie von Stu­denten. 

Roland Tännler

Ganz allgemein: Spiegeln sich gesellschaftliche Strömungen in unserer Einrichtung wider?

Viele Entwicklungen sind sehr schnell, das Wohnen bewegt sich langsamer. Die Tendenz ist – dies entspricht vielleicht dem Nachhaltig­keitstrend –, dass Möbel eher kleiner und individueller ­werden. Und Holz ist wieder im Kommen.

Weitere Trends?

Der Garten ist das verlängerte Wohnzimmer geworden, die schönen Sommer haben dies unterstrichen. Im Nischen­bereich sieht man, dass die jüngere Generation nicht mehr zwingend alles besitzen will. Man gibt Sachen über einen Secondhand-Markt weiter oder mietet sie. Damit setzen wir uns seit Längerem auseinander und beobachten, wie sich das entwickelt.

Die Wohnungen sind neuerdings wieder voller Pflanzen. Haben Sie eine Erklärung? 

Nein, dafür fehlt mir der grüne Daumen. Ich gehe lieber im Wald spazieren und geniesse die Natur dort.

Auf wie vielen Quadrat­metern leben Sie?

Auf rund 120. Wir suchen aber eine grössere Wohnung. Noch teilen sich die beiden Kinder ein Zimmer. 

Wie ökologisch leben Sie daheim? 

Wir pflegen einen haushälterischen Umgang mit Ressourcen. Mein Sohn geht gern zur ­Recyclingstelle, das ist immer ein Highlight für ihn. Mir ist Qualität wichtig, beim Essen, beim Einrichten. 

Und wie sind Sie vom Stil her eingerichtet?

Wir leben modern, eher reduziert und runden dies mit saisonalen Accessoires ab. Ich mag es schlicht. Zu viel rumstehen darf nicht – auch wenn zurzeit die Spielsachen dominieren.

«Die Tendenz ist, dass Möbel eher kleiner und individueller werden. Und Holz ist wieder im Kommen.»

Von Barbara Halter am 12. August 2019