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Ein Wochenende im Waadtländer Jura

Bienvenue chez les Vaudois

Wälder, Felder und ganz viele Dörfchen – bei einer E-Bike-Tour durch den Naturpark Jura vaudois erlebt man Ursprüngliches und stösst auf Unerwartetes. Schon nach ein paar Minuten auf dem Velo kommt man zur Ruhe, kann die Natur an sich vorbeirauschen und die Gedanken ziehen lassen.

Romain­môtier

Im Dörfchen Romain­môtier trifft man sich im ehe­maligen Haus des Priors und geniesst im Hof «un café». 

Flurina Rothenberger

Als die ersten Regentropfen leise auf ­unsere Helme prasseln, starten wir unsere Reise in Arzier durch den Regionalen ­Naturpark Jura vaudois – auf E-Bikes. ­Zugegeben: Sonnenschein wäre uns lieber gewesen. Immerhin fährt es sich dank dem unterstützenden Motor ziemlich beflügelt. Ich gehe gleich in die Vollen und schalte auf High, die höchste Stufe. Schon nach ein paar Minuten ist der Regen fast vergessen. Es geht bergab, links und rechts rauschen die Bäume vorbei, die feuchte Luft legt sich aufs Gesicht. Unser heutiges Etappenziel ist Romainmôtier, ein Städtchen nahe von Yverdon-les-Bains. 
Auf dem Weg dorthin machen wir halt in La Garenne, einem Zoo, wie ich ihn noch nie besucht habe. Nicht nur Rangerin Stéphanie Massy, die uns im Safarilook inklusive Geierfeder am Lederhut begrüsst, ist äusserst sympathisch. Auch das Konzept überzeugt: Hier werden verletzte Tiere aufgepäppelt und wenn möglich wieder ausgewildert. Alle, die das nicht schaffen, finden im La Garenne Unterschlupf. So auch eines der drei Wildschweine, das von einer älteren Frau im Wohnzimmer grossgezogen wurde, bis irgendwann die Einrichtung nicht mehr standhielt. Jetzt gräbt es nach Eicheln und suhlt sich mit Art­genossen im Matsch. Nachbar Hector, ein Damhirsch, drückt derweil seine weiche Nase ans Gitter und versucht, die Aufmerksamkeit von Oscar zu erhaschen. Der Ranger ist der unangefochtene Star unter den Tieren: Diesen Ruhm hat er sicher auch dem Futterkessel zu verdanken. 
Kollegin Stéphanie kümmert sich im Zoo um die Menschenkinder und führt Schulklassen durch die Anlage. «Am besten lernt man über Emotionen», sagt sie. «Auf unseren Führungen möchten wir Kindern beibringen, was es heisst, Tiere und die Natur zu schützen.» Manchmal reicht dafür ein unscheinbares Detail: Die Holztreppe hinauf zu den Wildkatzen wurde extra so gebaut, dass die Ameisen aus dem nahe gelegenen Ameisenhaufen unter der Brücke hindurchkrabbeln können. Da ist es fast selbstverständlich, dass im Zoo­bistro alles recycelt wird und vorwiegend Biologisches auf dem Menü steht. 

VallA(C) de Joux

Die «Route verte» verbindet sechs Regionale Naturpärke – von Schaffhausen bis nach Genf.

Flurina Rothenberger
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Wir bewundern die filigranen Wandverzierungen und malen uns aus, im Saal mit der offenen Feuerstelle ein Fest zu feiern.

Im Städtchen Romainmôtier steht das älteste romanische Kloster der Schweiz

Wir steigen wieder auf unsere E-Bikes und fahren weiter auf der Veloroute E1. Sie ist eine von zahlreichen Strecken, die durch den Naturpark Jura vaudois führen. Nach gut zwei Stunden erspähen wir die ockerfarbenen Steinhäuser und der spitze Turm der Abteikirche von Romainmôtier. Hier steht das älteste romanische Kloster der Schweiz, eine Mini-Kopie der berühmten Kirche von Cluny in Frankreich. Im Jahr 1986 hei­ratete darin die Sängerin Diana Ross. Getanzt wurde im Haus des Priors, das nur wenige Meter entfernt liegt. Dass dieses heute noch steht, ist alleine der Journalistin Katharina von Arx zu verdanken. 1959 kaufte sie die heruntergekommenen Gemäuer und merkte bald, dass sich unter all dem Schutt ein Juwel versteckt. Ihr ganzes Leben lang restaurierte sie das Haus, eröffnete einen Tearoom und vermietete es für private Anlässe. Wir bewundern die fili­granen Wandverzierungen und malen uns aus, im Saal mit der ­offenen Feuer­stelle ein grosses Fest zu ­feiern. Bis es so weit ist, schwelgen wir noch ­etwas. Was würde zu Träume­reien besser passen als ein Stück himmlische Früchte­tarte im dazugehörigen Café? 
Romainmôtier hat aber nicht nur Historisches zu bieten. Während wir durch die Gassen schlendern, entdecken wir ein kleines Schaufenster mit handbemalten Surfbrettern. Laetitia Urfer von Les Planches du Nozon bittet uns herein und legt den Stift beiseite, mit dem sie gerade feine Linien auf ein Holzbrett zeichnete. Seit März führt sie den kleinen Laden im Dorf­zen­trum. Die Idee entstand vor ein paar Jahren. Die 25-Jährige und ihr Freund Marius Boulaz sind leidenschaftliche Surfer. Weil sie aber am Fluss Nozon in Romainmôtier und nicht am Meer auf Hawaii leben, ho-len sie sich mit ihren Surfbrettern ein Stück Ferienfeeling nach Hause. Das Holz stammt ausschliesslich aus den umliegenden Wäldern und wurde von Marius Boulaz eigenhändig gefällt. «Ins Wasser kann man damit nicht, unsere Bretter sind Design­objekte», sagt Laetitia. Viele der Bretter entstehen auf Kundenwunsch. Und so sieht man VW-Busse, Berggipfel und Scherenschnittmuster auf den Surfboards.
Am nächsten Morgen müssen wir nur unserer Nase folgen: Aus der Boulangerie Fleur de Farine duftet es herrlich nach Croissants, Pain au Chocolat und Nussbrot. Wir ergattern die letzten Plätze und machen es uns auf den Sofas gemütlich – während draussen in einer langen Schlange geduldig die Kunden anstehen. Es scheint, das ganze Dorf treffe sich hier am Sonntagmorgen. Gestärkt steigen wir auf unsere Bikes und radeln los. Alles hinauf nach Vaulion.

VallA(C) de Joux

Im Café du Prieur in Romainmôtier gibt es himmlische Tartes.

Flurina Rothenberger
VallA(C) de Joux

Im Hôtel de l’Union in Arzier warten heimelige Zimmer und ein ausgezeichnetes Restaurant mit Blick auf den Genfersee.

Flurina Rothenberger

Die Produkte der Bergerie du Petit-Boutavent kann man nur auf dem Markt kaufen

Der Regen ist noch immer unser ständiger Begleiter. Durchnässt werden wir von Luc Rempe begrüsst. Zusammen mit seiner Frau, seinem Sohn und der Familie ­Viande führt er die Bergerie du Petit-Boutavent. Zu den Menschen gesellen sich gut achtzig Schafe. Aus der Milch gibt es zwanzig Sorten Käse und Joghurt. «Hier können wir nach unseren Vorstel­­lungen wirtschaften und produzieren», sagt Luc Rempe. «Zuerst kommt immer das Tier. Das heisst, dass wir uns deren Rhythmus anpassen. Frischen Käse gibt es nur im Frühling und im Sommer, dann, wenn die Tiere Junge bekommen und genügend Milch geben.» Das ist mit ein Grund, wa­rum die beiden Familien ihre Produkte nur auf Märkten (zum Beispiel in Morges, Nyon und Le Sentier) verkaufen. «Ich liebe den Kundenkontakt. Manche kommen wöchentlich und reservieren immer die gleichen Joghurts.» Wir packen die Chance und decken uns vor Ort mit Käse ein. Dann lädt uns Madame Rempe in die trockene Küche ein. Wir sitzen um einen grossen Tisch, Sohn Alois hat Croissants und die Sonntagszeitung im Dorf ­geholt. Als der dampfende Kaffee auf dem Tisch steht, wissen wir, warum es sich manchmal doch lohnt, durch den Regen zu fahren.

VallA(C) de Joux

Luc Rempe produziert zwanzig verschie­dene Sorten Schafkäse. Zu­sammen mit seiner Frau und einer befreundeten Familie führt er seit zwanzig Jahren den Bio-Hof in Vaulion.

Flurina Rothenberger

«Zuerst kommt immer das Tier. Das heisst, dass wir uns dem Rhythmus der Schafe anpassen. ­Frischen Käse gibts deshalb nur im Frühling und im Sommer.»

Luc Rempe
Von Lisa Merz am 16.10.2020
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