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  4. Snowboarder Jan Scherrer: Spot an für den grossen Sprung

Snowboard-Ass Jan Scherrer

Spot an für die grosse Nummer

Er beherrscht als erster und einziger Freestyle-Snowboarder den schwierigsten Trick, den es gibt. Nicht nur deshalb avanciert der Toggenburger Jan Scherrer zum Anwärter auf Olympiagold.

SI SKI 2020, erschienen November 2020 Ein Selbstportrait mit der eigenen privaten Lochkamera.

Jan Scherrer verschiebt die physikalischen Grenzen im Flug auf dem Board.

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Das muss sich der Laie erst mal auf der Zunge zergehen lassen: «Switch Alley-Oop Double Rodeo1080 Indy to Nose». Klingt kompliziert, ist noch viel komplizierter. Um genau zu sein: Der komplizierteste, technisch anspruchsvollste und schwierigste Trick, den man auf einem Snowboard derzeit machen kann.

«Switch bedeutet, dass man rückwärts anfährt, Alley-Oop, dass man die drei vollständigen Drehungen hangaufwärts auslöst, was prinzipiell schwieriger ist, weil man in der Luft dann weniger Korrekturmöglichkeiten hat, Double Rodeo besagt, dass …» — Jan Scherrer, 26, blickt ins Gesicht des Gesprächspartners und lacht. Offensichtlich ist dessen Vorstellungsvermögen leicht überfordert. «Ich finds selber schwierig, den Trick in Worte zu fassen», sagt der Toggenburger aus Ebnat-Kappel SG.

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SI SKI 2020 erschienen November 2020

Motive für sein Fotohobby findet Scherrer genug. 

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Also halten wirs einfach: Der Trick, den Scherrer gleich beim zweiten Training der Saison Anfang Oktober in der Pipe von Saas-Fee weltexklusiv gezeigt und gestanden hat, ist das neue Mass der technischen Dinge im Snowboard-Freestyle. Oder wie es der eben zurückgetretene Olympiasieger Iouri Podladtchikov erklärt: «Es ist der schönste Sprung, den ich je gesehen habe. Etwas technisch so Schwieriges so spielerisch aussehen zu lassen, ist grandios.»

Zwei Wochen wartet Jan zu, ehe er nach der Première des Tricks die Filmaufnahmen davon zur Veröffentlichung freigibt. «Ich wollte weder Druck noch Erwartungen aufbauen mit einer raschen Veröffentlichung. Und seither waren die Verhältnisse auch noch nicht wieder so, dass ich den Trick nochmals machen konnte.» Temperatur, Untergrund der Pipe, Sicht — alles muss perfekt stimmen, damit ein solches Gesamtkunstwerk auf dem Brett auch nur versucht werden kann. «Sonst wirds gefährlich», sagt Scherrer.

 

«Es ist der schönste Sprung, den ich je gesehen habe. Etwas so schwieriges sieht so leicht aus»

Nichts zu tun hat das Warten auf die Veröffentlichung mit dem Vermeiden einer allfälligen «Kopiervorlage» für die Konkurrenz. Die ist nämlich bei Scherrers luftigem Husarenritt trainingshalber ohnehin ziemlich vollständig im Wallis anwesend. «Der Shaper in Saas-Fee ist der gleiche, der im Winter die Pipe in Laax baut. Er ist weltweit der Beste seines Fachs», erklärt Scherrer die Anziehungskraft der Schnee-Halbröhre auf dem Allalin-Gletscher.

Und in den vier Wochen seit seinem gestandenen Switch Alley-Oop Double Rodeo1080 Indy to Nose ist Jan auch nicht zu Ohren gekommen, dass ein anderer Boarder sich an dem sportlichen Zauberstück versucht: «Es ist nicht einfach eine halbe Drehung mehr bei einem bisherigen Sprung, sondern etwas völlig Neues. Da muss einer sich zuerst viele Basics erarbeiten, bevor ers auch probiert.» Und -daraus leitet der gebürtige St. Galler, der in Zürich wohnt, ab: «Dieser Sprung gibt mir endlos Möglichkeiten.»

 

SI SKI 2020, erschienen November 2020

Die Nachtaufnahme auf dem Velo hat Kollege Iouri Podladtchikov gemacht.

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Als er ihn nach den erfolgreichen «Trockenübungen» ins Luftkissen im Frühling in Crans-Montana nun in der Pipe steht, wird er von den Kollegen unten bejubelt, als hätte er gerade den finalen Run bei Olympia oder den X-Games gewonnen. Er selber denkt «Geil! Endlich hab ichs geschafft» und fühlt vor allem riesige Erleichterung, nachdem er noch vor wenigen Jahren in seiner Entwicklung «leicht angestanden» war.

Kein Wunder, denn dieser Tanz mit der Physik in luftiger Höhe über der Pipe-Kante ist kein Zufallsprodukt. Seit fünf Jahren schwirrt er Jan Scherrer im Kopf herum. «Aber ich stand immer wieder an mit der Umsetzung, weil ich keine Anhaltspunkte hatte für die Herangehensweise.»

 

Selbstportrait mit eigenr Lochkamera

Auch auf dem Skateboard macht Jan Scherrer eine gute Figur.

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Er träumt des Nachts bisweilen von Variationen, die ihm unmöglich scheinen. Auch beim Joggen mit Musik in den Ohren feilt er gedanklich an der wahnwitzig scheinenden Idee. «Einen ähnlichen Sprung gabs zwar schon auf dem Kicker, aber der Durchbruch war, als ich realisierte, wie ein spezieller Griffwechsel ans Brett die gewünschte Rotation erst ermöglicht.» Überhaupt: Was für den Laien nach selbstverliebtem Boarder-Posing aussieht, der Griff an verschiedene Stellen des Bretts, ist von elementarer Bedeutung für das Rotationsverhalten. «Pure Physik. Die Gesetze der Mechanik» nennt Jan das.

Und nun also die Umsetzung des heute schwierigsten Snowboard-Sprungs im Wettkampf. Scherrer will nicht bis zu einem Grossanlass zuwarten, sondern ihn bei der ersten reellen Gelegenheit zeigen. Allenfalls schon beim geplanten Saisonauftakt im Dezember in Copper Mountain (USA). «Das beste Training eines Tricks sind sowieso Finalruns im Wettkampf: kombiniert mit drei, vier anderen Tricks auf höchstem Niveau», ist Scherrer überzeugt.

«Endlich den Frust überwunden»

Ebenso überzeugt ist er, dass er nun einen entscheidenden Karriereschritt machen kann. Vergangenen Winter erreicht der Olympia-Neunte von Pyeongchang mit Platz zwei bei den US Open und dem dritten Rang bei den US-X-Games seine wertvollsten Resultate überhaupt. «Ich habe mich als konstanter Top-Ten-Fahrer etabliert und endlich den Frust der vielen vierten und fünften Plätze überwunden. Doch nun erwarte ich von mir regelmässige Weltcup-Podestplätze. Auch dank dem neuen Sprung weiss ich, dass dieses Ziel realistisch ist.»

Den neuen Sprung betrachtet Jan Scherrer zwar als «wichtigstes Achievement meiner Karriere, was meine kreativen Möglichkeiten und die technische Entwicklung betrifft». Aber Resultate und Medaillen sind ihm ebenfalls alles andere als egal. «Ich kann mir vorstellen, die kommende Saison dazu zu nutzen, mein Repertoire weiter auszufeilen und noch mehr Sicherheit zu erarbeiten. Das Ziel ist klar: Eine Medaille 2022 bei Olympia in Peking.»

SI SKI 2020, erschienen November 2020 Ein Selbstportrait mit der eigenen privaten Lochkamera.

Auf selbstgeschossene, doppelbelichtete Selbstporträt ist Scherrer besonders stolz. 

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Mit Weggefährte Podladtchikov hat Jan Scherrer nicht nur die hohe Kunst auf dem Brett und an dessen Stelle nun die Rolle als Schweizer Teamleader gemeinsam — «Pat Burgener und ich gehen voran» —, sondern auch die Liebe zur Fotografie. Als Jan vor einigen Jahren im Sportgymnasium Davos vor der Wahl seines Maturaarbeit-Themas steht, ist er zuerst ratlos. Eine Kollegin bringt ihn auf die Idee, sich der Fotografie mit der Lochkamera zu widmen. Scherrer ist schnell begeistert — und pflegt die neue Leidenschaft auch nach Abschluss der Mittelschule. Zwei-, dreimal pro Jahr ist er heute mit einer solchen Camera obscura unterwegs.

Daneben interessiert ihn das Fotografieren mit der einfachen analogen Kamera. Nicht zuletzt wegen der Notwendigkeit, sich die Sujets vorgängig genau zu überlegen, wenn er in der Freizeit seine Yashica T5 -einsetzt, die er häufig dabei hat. Die Bilder entwickelt er selbst in der Dunkelkammer. Im Elternhaus in Ebnat-Kappel hatte er sich eine eingerichtet, in der Zürcher Wohnung dient temporär das Badezimmer als Fotolabor. Einen künstlerischen Anspruch hat er nicht; die Sujets bietet ihm das tägliche Leben.

 

«Für Snowboarder sind Film- und Fotoaufnahmen ein zentrales Element. Logisch also, dass man sich dafür stärker interessiert»

Eine Berufsoption sieht er, der momentan ein Fernstudium in Betriebswirtschaft absolviert, darin «eher nicht». Sich so weit in die Materie zu vertiefen wie Podladtchikov, kann sich Scherrer weniger vorstellen. Doch dass die gemeinsame Boarderliebe zur Fotografie nur Zufall ist, glaubt er nicht: «Für Snowboarder sind Film- und Fotoaufnahmen ein zentrales Element. Logisch also, dass man sich dafür stärker interessiert.»

In Iouri Podladtchikovs Küche ist es, wo Jan im Frühling beim Pizzaschmaus seinem Kollegen Videoaufnahmen vom Einüben des neuen Tricks in den Airbag zeigt. «Er ist beinahe vom Stuhl gefallen vor Begeisterung», blickt Scherrer zurück. Anders als beim Schweiz-Russen, dessen Name untrennbar mit dem Begriff «Yolo-Flip» für eine grosse Trick-Innovation verbunden bleibt, hat Scherrers Megasprung noch keinen eigenen Namen.

SI SKI 2020 erschienen November 2020

Jan Scherrer fliegt in der Pipe von Laax GR.

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Die ultimative Kampfansage an die Konkurrenz

«Solche Art Würdigung find ich etwas doof», hat Jan unlängst gesagt, darauf angesprochen. Doch vollkommen uneitel sei er nicht, bekennt der Sportler, der bis jetzt finanziell noch nicht profitieren konnte vom neuen Status als Podestanwärter. Also hat auch er seinen Spass daran, als Ausrüster Nitro im Internet einen Wettbewerb zur Ermittlung des originellsten Namens für den schwierigsten Sprung im Snowboarden lanciert. Zwei der Resultate machen ihm besonders Spass: «Jan Tonic», was sich auf Englisch anhört wie Tschän Tonic, also wie das Kultgetränk. Und vor allem «Shermi-nator», zusammengesetzt aus Scherrer und Terminator.

Das passt: Jans neuer Trick ist die ultimative Kampfansage an die Konkurrenz, auch an die zwei derzeit Weltbesten, Scotty James und Yuto Totsuka. «Hasta la vista, baby.»

Von Iso Niedermann am 27.11.2020
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