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Marco Odermatt – der nächste Schweizer Skistar

Eine Ode an Odi

Gefühlsskifahrer mit Lockerheit, Vollprofi mit Intuition. Marco Odermatt fährt auch diesen Winter um den Gesamt-Weltcup mit. Wie der 24-Jährige zu dem Skifahrer wurde, der er ist. Und was ihn so genial macht.

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Marco Odermatt hat sich innerhalb weniger Jahre zu einem der besten Skifahrer der Welt gemausert. Den Druck, den das mit sich bringt, steckt er locker weg.

Christoph Köstlin für SI SPORT

Fuhr Marco Odermatt früher aufs Podest, konnte es passieren, dass er gar nicht an der Siegerehrung auftauchte. Weil es noch etwas Wichtigeres gab als den Lohn dafür, schneller Ski gefahren zu sein als andere: Ski zu fahren. Während sein Name also unten ausgerufen wurde, tummelte er sich mit seinen Kollegen oben am Berg und fuhr. Ohne Tore und Stangen, nur zum Spass. 

Odermatts Vater Walter ist damals Chef der Jugendorganisation (JO), dem Programm der 8- bis 15-jährigen Skifahrer. Er findet es nicht gerade ideal, dass ausgerechnet sein Sohn die Siegerehrungen verpasst – und freut sich insgeheim trotzdem darüber. Es zeigt Marcos unersättliche Freude am Skifahren, und das wiederum gefällt ihm. Marco und seine Schwester Alina gehen jeweils mit dem Vater, wenn er mit der JO unterwegs ist, jedes Wochenende, egal bei welchem Wetter. Sind die Stangen zusammengeräumt, fährt Marco weiter, übt etwa mit dem heutigen Slopestyle- und Big-Air-Weltmeister Fabian Bösch Salti in irgendeinem Steilhang. Und abends schaut die Familie gemeinsam die Weltcuprennen nach, die sie am Tag verpasst hat. Odermatt fiebert mit seinem Idol Didier Cuche mit, wird auch einmal wütend auf die Gegner, die ihn besiegen.

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Mittlerweile auf Gefallen an Siegerehrungen

Heute fährt Odermatt um den Gesamtweltcup, ist selber ein Idol für den Nachwuchs. Sieht man ihn mit Champagnerflaschen hantieren, scheint er auch Gefallen an Siegerehrungen gefunden zu haben. Sein Auftritt beim Saison-Auftaktsieg in Sölden Ende Oktober ist vor allem im zweiten Lauf souverän. Bestechend nicht nur, wie er die Ski im Steilhang beherrscht. Sondern auch, wie er seine neue, noch ungewohnte Rolle des Mitfavoriten um die grosse Kugel meistert. Trotz Nervosität gewinnt er scheinbar unbeeindruckt vom Rummel als erster Schweizer seit Cuche 2009 in Sölden.

Marco Odermatt, Ski Alpin, September 2021

Marco Odermatt scheut sich nicht, zu sagen, was Sache ist: «Es glaubt mir niemand, wenn ich sage, ich will Fünfter werden.»

Christoph Köstlin für SI SPORT

«Marco hinterfragt alles, bleibt nie stehen. Das macht die Guten aus»

Helmut Krug, Riesenslalom-Trainer

Man könnte fast übersehen, dass hinter der Gelassenheit, die er an den Tag legt, ein Vollprofi steckt: lernbegierig, fleissig, selbstkritisch. «Er hinterfragt alles, achtet auf jedes Detail», sagt Riesenslalom-Gruppentrainer Helmut Krug. Odermatt habe eine Herangehensweise, die er normalerweise bei älteren Profis erlebe. «Er bleibt nie stehen. Das macht die Guten aus.» Gibt es etwas zu verbessern, kann er den Input extrem schnell umsetzen und so in kurzer Zeit einen enormen Effekt erzielen. Das fusst auch auf einem unglaublich guten Gefühl für das Material und den Schnee, das er mitbekommen hat. Als «extrem begnadet» bezeichnet Krug seinen Athleten hinsichtlich seiner Sensoren an den Füssen. 

Instinkt, wie er die Kurve trotzdem kriegt

Ein bisschen konkreter ausgedrückt: Odermatt kann nach einer Trainingsfahrt exakt sagen, welcher Schwung nicht ganz optimal, welche Kurve nicht ganz perfekt war. Geht es darum, zu reagieren, wenn der Ansatz eines Schwungs nicht wie gewünscht gelingt, weiss er instinktiv, wie er die Kurve trotzdem kriegen kann.

Sicher gefahren ist er früher schon. Ausfälle gab es selten. Im Training war er immer hellwach und bei der Sache. Wurde bei der Besichtigung besprochen, wie er eine schwierige Stelle fahren muss, flog er dort nie aus Unkonzentriertheit hinaus. War die Sicht nicht gut oder ein Tor ungeschickt gesteckt, habe er das von Natur aus richtig eingeschätzt, sagt sein Vater Walter. Eine Intuition, Gold wert in einer Sportart, wo sich die Bedingungen laufend ändern und so viele Faktoren eine Rolle spielen.  

Den Ski fahren zu lassen als Talent

Der Gepriesene selbst hat dies selber lange nicht so wahrgenommen. Findet, er hätte bis vor zwei Jahren nicht so genau in Worte fassen können, was für Rückmeldungen ihm das Material gebe, auch wenn ihm alle bescheinigten, dass er dieses Gschpüri besitze. «Es war wohl nicht das bewusste Gefühl dafür, wie das Material arbeitet», versucht «Odi» zu beschreiben. «Eher das Gefühl, möglichst schnell zu sein, mit möglichst wenig Bremsen oder Widerstand durch die Kurve zu fahren. Den Ski fahren zu lassen.» Mit seiner Erfahrung hat das mittlerweile geändert, heute spürt er bewusster.

SOELDEN, AUSTRIA - OCTOBER 24: Marco Odermatt of Switzerland

Marco Odermatt bei seinem Saison-Auftaktsieg in Sölden im Oktober 2021. Er ist erst der vierte Schweizer, der das Gletscherrennen gewinnt.

Francis Bompard/Agence Zoom/Getty Images

Diese Qualität schätzt auch Stöckli. Auf den Schweizer Ski aus Malters LU fährt Odermatt seit 13 Jahren, der laufende Vertrag wurde vorzeitig bis 2023 verlängert. «Es ist wirklich erstaunlich. Er kann Feedbacks schon nach einer Fahrt geben», sagt Beni Matti, Rennleiter bei Stöckli. Nachdem die Marke im vergangenen Jahrzehnt mit Tina Maze, Ilka Stuhec und Viktoria Rebensburg vor allem auf der Frauenseite grosse Erfolge feierte, hat man mit Odermatt endlich auch einen Mann, der entsprechende Aufmerksamkeit garantiert. «Wir sind sehr dankbar, ihn in unseren Reihen zu haben.» 

Eine Skisammlung von 80 Stück pro Winter

Letztes Jahr gab Stöckli Odermatt vor Kitzbühel einen neuen Super-G-Ski zum Ausprobieren. Er fuhr ihn einmal und kannte noch nicht einmal seine Laufzeit, als er sagte: «Mit dem fahre ich das Rennen.» Die gestoppte Zeit bestätigte sein Gefühl und das Resultat danach erst recht: Er fuhr aufs Podest. Für den Skihersteller ist es wertvoll zu wissen, dass die Aussagen seines besten Athleten Hand und Fuss haben. Und kleinere Skimarken wie Stöckli haben im Vergleich zu den Branchenriesen wie Head einen entscheidenden Vorteil: Sie können sehr individuell auf die Erfahrungen und Wünsche ihrer Athleten eingehen, sie sind keine Nummern. Innerhalb einer Woche könnte Stöckli einen neuen Ski fertigen, sollte das nötig sein. Am Prozess beteiligt sind Odermatts Servicemann Chris Lödler, der Ingenieur, Rennleiter Matti und er selbst. Solche Extrawünsche hat Odermatt allerdings nicht. In der Vorbereitung ist genug Zeit, um ausreichend Optionen auszuprobieren und herzustellen, findet er. Odermatts Skisammlung in diesem Winter beläuft sich auf ungefähr 80 Stück, davon etwa 30 Paare für seine Kerndisziplin Riesenslalom. 

«Es waren im Super-G einige Topfahrer verletzt»

Wobei man diesen Begriff fast nicht mehr verwenden kann, war er doch auch der zweitbeste Super-G-Fahrer des vergangenen Winters. Er selbst sieht das bescheiden: «Das ist auf dem Papier so. Es waren aber einige der Topfahrer verletzt. Ich bin mir bewusst, dass es in den Speeddisziplinen schwieriger wird mit dem Podest, wenn sie wieder zurück sind.» Aber nicht nur er hat sich im Super-G vorn festgebissen. Die ganze Trainingsgruppe mit Loïc Meillard, Justin Murisier und Gino Caviezel verzeichnet mittlerweile in beiden Disziplinen Erfolge. 

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Im Kopf des Spitzenfahrers: Lange war ihm selbst nicht bewusst, was für ein sensationelles Gefühl für Schnee und Material er hat.

Christoph Köstlin für SI SPORT

«Ich komme in fast jedem Rennen in einen Flow. meist kann ich im Ziel nicht sagen, was ich wie gefahren bin»

Marco Odermatt

Als der Österreicher Helmut Krug die Riesenslalomgruppe vor vier Jahren ohne Topfahrer übernahm, schwebte ihm das vor. «Doch der Weg ist nicht so -einfach, es steckt viel Aufwand und Arbeit -dahinter», sagt er. «Nun sind alle auch im -Super-G top platziert, weil sie Spass haben und keine Angst vor dem Speed.» Er ist begeistert von der Entwicklung der Gruppe in beiden Disziplinen. «Sie setzen Neues extrem schnell um.» 

Die vier Fahrer mögen sich und treiben sich und den Staff zu Höchstleistungen an. «Die Burschen fordern uns», hält Krug fest. «Wir lernen alle von ihnen, das ist das Schöne.» Jedes Staffmitglied überlege sich konstant neue Ideen und Anreize, wie man die Gruppe in einem Bereich fördern könne, um nochmals ein Schrittchen zu machen. Wobei Odermatt momentan das beste Gesamtpaket aus Leistung, Konstanz und Lockerheit mitbringt. Zudem kann er sich im Wettkampf jeweils um ein paar Prozent steigern. Das Rennen ist die einzige Situation, wo der Nidwaldner im Nachhinein nicht genau sagen kann, was gut war und was weniger. «Da ist er im Tunnel, im Adrenalinrausch», sagt Krug. Und Odermatt bestätigt: «Meistens kann ich im Ziel nicht mehr sagen, welches Tor ich wie gefahren bin.» 

Er fühlt sich wohl in der Gruppe, in der alle denselben Leistungsanspruch haben

Krug ist sich bewusst, dass Odermatt noch mehr auf sich selbst zugeschnitten trainieren könnte, wie das andere seines Kalibers tun. Doch dafür sieht der Gesamtweltcup-Zweite keinen Grund. Viel zu wohl fühlt er sich in der Gruppe, in der zwar jeder charakterlich anders tickt, aber alle denselben hohen Leistungsanspruch haben. 

Bloss beim Konditionstraining hat er praktisch eine 1:1-Betreuung – ungesucht. Mit drei Kollegen hat er sich in Oberdorf NW einen Kraftraum eingerichtet. Und da Meillard, Caviezel und Murisier ihr eigenes Sommerprogramm verfolgen, hat Odermatt den Gruppen-Konditionstrainer Kurt Kothbauer zusammen mit dem zurzeit verletzten Semyel Bissig praktisch für sich. Das Kondi-Training absolviert Odermatt weder mit übertriebener Euphorie noch mit Abneigung. «So ein ganzer Sommertag macht mir grundsätzlich Spass», hält er fest. Und meint damit: Wenn er neben dem Krafttraining Zeit hat zum Biken, Wandern, Golfen, Tennisspielen oder mit dem Boot auf den See zu gehen.

Während Odermatt im Winter das freie Fahren geradeso liebt wie die Tore, geniesst er im Sommer ebenfalls das Spielerische. Als Kind muss er mit der Familie zum Wandern, doch das wird aufgepeppt. So packen Marco und Alina ihr Einrad auch bei Ausflügen ein, befahren damit Wege, die nicht unbedingt dafür gemacht sind. Die Kinder lieben diese Herausforderungen, und den Benefit für die Sportkarriere gibts gratis dazu.

Mit 1 Meter 84 und 86 Kilogramm ist Odermatt ein Modellathlet – geworden. Denn das war er nicht immer schon. Lange ist er jeweils der Kleinste, Leichteste. Zwar auf jeder Stufe in den nationalen Top 5, aber nicht einfach immer der Beste. Je schwieriger und steiler ein Rennen ist, desto besser für den technisch exzellenten Youngster. Ist es eine einfachere Piste, ist er zu leicht für den Sieg. Da er bei den Konditionstests von Swiss-Ski immer gut abschneidet, «waren das schon Zeichen, dass er auf dem richtigen Weg war», sagt Vater Walter. 

Körperlich holt er in der Pubertät auf

Eine Zeit lang ist er im Herbst als Jugendlicher oft müde, die strengen Gletschertrainings im September und Oktober machen dem blonden Jungen zu schaffen, die Eisenwerte sind im Keller. Das löst sich in der Pubertät ebenso auf wie ein anderes Problem, das Odermatt zu Beginn der Sportschule in Engelberg hat. Im Krafttraining will er so viel drücken wie seine Alterskollegen. Doch das überfordert ab und zu seinen Körper, der noch nicht ganz so weit ist; eine Zerrung ab und zu ist die Folge. Odermatt muss lernen, Geduld zu haben. Und holt körperlich bald auf natürliche Weise auf, wird in Engelberg behutsam aufgebaut. Heute glaubt sein Vater, dass es eher ein Glücksfall für Marcos Karriere war, lange Zeit leichter und kleiner gewesen zu sein: Erstens muss sein Bewegungsapparat während des Wachstums nicht plötzlich mit viel mehr Gewicht klarkommen, gerade beim Skifahren, wo enorme Kräfte wirken. Bisher hatte er nur mit den Menisken Probleme; vor grossen Verletzungen blieb er verschont. Zweitens stachelt es ihn an, dass er zwar immer dabei ist, aber nicht die Nummer eins. 

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Marco Odermatt hat sich mittlerweile zum Modellathleten gemausert.

Christoph Köstlin für SI SPORT

«Die Burschen fordern uns. Wir lernen alle von ihnen, das ist das Schöne»

Helmut Krug, Riesenslalom-Trainer

Das hat sich geändert. Luft nach oben bleibt aber nach wie vor. Jeder Sieg gibt -Sicherheit, jedes misslungene Rennen Er-fahrung. Das musste er auch in der letzten Woche der vergangenen Saison feststellen. Nachdem er im Riesenslalom von Kranjska Gora mit über einer Sekunde Vorsprung gewon-nen hatte, entschied sich das Team, beim Weltcupfinal in Lenzerheide eine Woche danach denselben Ski zu fahren. Doch unter widrigen Bedingungen gelang ihm kein gutes Rennen, er wurde Elfter. Es würde Mut brauchen, in so einer Situation nicht den Ski vom letzten grossen Sieg zu nehmen, sagt Stöckli-Rennleiter Matti. «Du musst Entscheidungen treffen, von denen du in dem Moment überzeugt bist. Vom Kopf her war bei ihm klar: Ich fahre mit dem Ski von Kranjska Gora, möchte sicher nichts probieren.» Von solchen Situationen würden alle lernen – er, die Skifirma, das Umfeld, die Coaches. «Es ist eine super Zusammenarbeit.» 

«Nach den Ferien war schon wieder alles gut»

Dass Marco Odermatt trotz der über-ragenden Saison am Schluss ohne WM--Medaille und ohne Kristallkugel dastand, wurmte ihn. Aber nur kurz. Zu bewusst war ihm, was er alles erreicht hat. Viele Fahrer sind nach einer solch intensiven Saison erschöpft oder fallen gar in ein Loch. Marco Odermatt, kurz vor dem neuen Saisonstart auf seinen Müdigkeitspegel im Frühling angesprochen: «Das weiss ich schon gar nicht mehr. Ich war sicher müde, aber da es ja gut lief... nach den Ferien war schon wieder alles gut.» Es könnte keine typischere Odermatt-Antwort geben. 

Von Eva Breitenstein am 26. November 2021 - 06:00 Uhr
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