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Sport 1/2020

Bolt auf Selbstsuche

Seine Rekorde sind unangetastet, die Lücke, die er in der Leichtathletik hinterlassen hat, schliesst sich erst langsam: Auch zweieinhalb Jahre nach dem Rücktritt sucht Usain Bolt noch seine Bestimmung, macht Party – und kümmert sich um Jamaikas Jugend.

Usain Bolt

Usain Bolt auf Saint-Barthélemy, einer Insel der Kleinen Antillen in der Karibik. Bolts Heimat Jamaika liegt westlich davon.

Gian-Marco Castelberg für Hublot

Der DJ fordert, und Bolt liefert. Ein paar Takte lang lässt sich Usain Bolt dazu hinreissen, zu tanzen, bis er mit einem breiten Lachen abbricht. Es ist heiss, es ist seine Region, die Karibik, aber die Feier ist an diesem Abend ruhiger als normalerweise, wenn Usain Bolt Party macht. Auf der kleinen Insel Saint-Barthélemy, 1500 Kilometer östlich seiner Heimat Jamaika, lanciert er für seinen Sponsor Hublot eine neue Uhr. Seine schwangere Freundin Kasi Bennett, 30, ist dabei, die beiden geniessen den Abend entspannt.

Gern wäre der ehemalige Sprint-Superstar mehr zu Hause in der Karibik. Doch zweieinhalb Jahre nach Ende seiner Sportkarriere ist sein zweites Leben noch nicht vollends aufgegleist, und sein Team hat Bolt klargemacht, dass er seinen Namen jetzt nutzen muss, um etwas aufzubauen. Der 33-Jährige spricht leise, und wenn er über seine Zukunft redet, auch nachdenklich. Finanziell hat der 100- und 200-Meter-Weltrekordhalter ausgesorgt. Mit immensem Talent und ausgestattet einem Faible für Show, eroberte er mit seiner Leichtigkeit die Stadien der Welt. Ohne abzuheben oder die Werte zu vergessen, die ihm von seinen Eltern eingebläut worden waren: Dankbarkeit, Grosszügigkeit und Respekt. Einen Teil davon versucht er nun an die Jugend in Jamaika zurückzugeben. Doch wieder einen Lebensinhalt zu finden, entpuppt sich für den 1,95-m-Mann als schwierig. Zudem sieht er die Entwicklung in der heimischen Sprint-Szene kritisch.   

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«Viele Kinder auf Jamaika haben keine grossen Träume. Sie wissen gar nicht, was es alles gibt»

Usain Bolt, in welcher Zeit würden Sie die 100 Meter zurzeit rennen?
(Lacht) Oh, ich weiss es nicht. Hoffentlich unter elf Sekunden. Hoffentlich!

Dann sind Sie heute, fast zweieinhalb Jahre nach dem Rücktritt, nicht mehr richtig fit?
Momentan bin ich es leider gar nicht. Kürzlich sagte ich in Australien zu meinen Freunden: Es ist echt schlimm, ich muss wieder in Form kommen! Also bat ich mein Management, einen Monat lang nicht reisen zu müssen, um mich ums Training zu kümmern. Ich habe bereits meinen alten Coach Glen Mills angerufen und gesagt, dass ich ab und zu auf die Bahn kommen werde, um zu rennen. 

Sind Sie noch oft in Jamaika?
Ich bin mehr auf Reisen als zu Hause, sogar mehr denn als Athlet. Verrückt, ich dachte, nach dem Rücktritt würde alles etwas entspannter werden, aber das ist es nicht (lacht).

Was ist Ihre Lieblings-Erinnerung an Ihre Kindheit in Jamaika?
Dass es nur darum ging, auf der Strasse mit meinen Freunden zu spielen. Wir spielten alles: Cricket, Fussball oder Sitings (ähnlich Völkerball / Red.), oder wir rannten gegeneinander um die Wette. 

Sie waren drei Geschwister. Waren Sie immer der Ambitionierteste der drei?
Ich würde sagen, ich war immer etwas besser. Mein Bruder Sadiki spielte Cricket, aber er war nie so gut wie ich (lacht). Damit habe ich ihn immer aufgezogen. Mittlerweile spielt er aber nicht mehr. Und meine Schwester Sherine hat überhaupt keinen Sport gemacht. 

Wovon träumten Sie?
Mein Traum war immer der Sport. Mein Vater war ein riesiger Cricket-Fan, er schaute die ganze Zeit Spiele. So wuchs ich auf und wollte deswegen ein Cricket-Spieler werden, das war das Einzige, das ich kannte. Und dann landete ich in der Leichtathletik (lacht). Was dann ja gut herauskam. 

Durch Ihre Stiftung sind Sie den Kindern auf Jamaika nahe. Was ist deren grösste Herausforderung?
Zum einen die Bildung an sich, aber auch Simpleres, wie die Frage, wie die Kinder überhaupt zur Schule kommen und dort Essen erhalten. Viele haben nicht genug dabei. Und was mir aufgefallen ist: Viele haben keine grossen Träume. Wenn wir in den Schulen mit den Kindern sprechen, wollen alle Polizist oder Krankenschwester werden. Sie kennen all die Dinge gar nicht, die sie sonst noch tun oder werden könnten. Nun haben wir die Initiative gestartet, die Schulen mit Computern auszustatten. So können die Kinder die Welt kennenlernen.

War das bei Ihnen anders?
Ich reiste wegen der Leichtathletik bereits mit 13 Jahren umher. Aber viele Kinder auf Jamaika verlassen ihre Gemeinde nie, bevor sie 20 sind. Wenn sie aber das grosse Ganze sehen, werden sie auch grösser träumen, und dann gibts in Zukunft zum Beispiel auch mehr Wissenschaftler.

Und der Traum vom grossen Durchbruch im Sport?
Natürlich ist Sport die beste Möglichkeit, um die Kinder aus den ländlichen Gegenden herauszubringen. Aber nicht jeder wird im Sport gut sein, deswegen müssen wir ihnen andere Optionen zeigen. Damit sie sehen, was sie erreichen können, wenn sie hart arbeiten und sich einem Ziel verschreiben.

Ihr sportlicher Erfolg ist das eine. Wie können Sie Menschen sonst inspirieren? 
Ich versuche, das Motto zu vermitteln: Don’t wish for it, work for it, wünsch dir nicht etwas, sondern arbeite dafür. Viele Leute sagen
mir: Ich wünschte, ich würde so viel reisen wie du. Dann mach dir eben einen Plan und arbeite darauf hin. Das musste ich auch, um hierhin zu kommen, Wünsche hätten nicht gereicht. 

Usain Bolt

Früher war Bolt so talentiert, dass er alles ohne grosses Training gewann. Und lernte dann, dass selbst er für die grossen Erfolge arbeiten muss.

Gian-Marco Castelberg für Hublot

Als Sie jung waren, hatten Sie selber einen ziemlich entspannten Zugang zum Training, gewannen alles locker. Wann war der Zeitpunkt, als Sie das Ganze ernst nahmen und sagten: Ich will eine Legende werden? 
Als ich 16 oder 17 war. Mein Agent Ricky Simms setzte mich hin und sagte: «Hör zu, Usain. Die Leichtathletik kann tatsächlich eine Karriere für dich sein. Du kannst Geld damit verdienen.» Er erklärte mir aber auch, was dafür nötig ist. Ich war so talentiert, als ich aufwuchs. Erst als ich zu Coach Glen Mills kam, mit dem ich meine ganze Karriere lang gearbeitet habe, verstand ich wirklich, was es braucht. Er war nicht bloss ein Trainer, sondern ein Lebenscoach. Er lehrte mich viel mehr als Leichtathletik, wie leben, wie positiv sein, wie stark sein. Dort begann ich, zu lernen und besser zu werden. 

Ist er immer noch ein wichtiger Mensch in Ihrem Leben?
Sicher. Ich besuche ihn immer noch sehr oft auf der Bahn. Wir lachen, reden über alles, es macht immer Spass.

Zu Ihren besten Zeiten machten die jamaikanischen Sprinter die halbe Weltelite aus. Heute ist die Spitze etwas …
…wackelig? (lacht)

… deutlich weniger erfolgreich, ja. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe?
Ich glaube, die Athleten sind nicht mehr hungrig. Als wir starteten, wollten wir es wirklich. Wir bereiteten so viel vor für die jungen Athleten von heute. Die Sponsoren sahen, wie gut die Jamaikaner waren, und versuchen nun, den nächsten Usain Bolt, den nächsten Yohan Blake, die nächste Shelly-Ann Fraser zu finden. Sie geben den Athleten in sehr jungem Alter grosse Verträge. Als ich startete, war mein erster Vertrag praktisch nichts. Ich musste arbeiten, um einen besseren zu bekommen. Heute starten sie bereits mit 15-Mal mehr, als ich hatte. Ich glaube, sie haben dann schnell das Gefühl: Wir haben es geschafft. Denn das ist bereits sehr viel Geld in Jamaika, vor allem, wenn du aus einer armen Familie kommst. 

Und dann?
Im Moment, in dem sie das also erhalten, verlieren sie ihren Hunger, ihren Antrieb, richtig zu arbeiten. Es ist eigentlich etwas Schlechtes, dass sie so viel Geld bekommen. Das ist etwas schräg. Ich sehe so viele Athleten, die mit dem Geld neue Autos kaufen, die ausgehen und trinken. Was sie nicht verstehen: Das Geld kommt durchs Sprinten, also musst du aufs Sprinten fokussiert sein! Hoffentlich wird sich das wieder ändern. Denn wenn nicht viel Talent nachkommt, verschwinden die Sponsoren wieder und die Jugendlichen werden wieder hungrig. Schauen wir mal, was in zehn Jahren passiert! 

Usain Bolt

Usain Bolt versucht sich an der Afterparty des Memorial Van Damme Leichtathletik-Meetings in Brüssel als Sänger. Er arbeitet auch als Musik-Produzent.

IMAGO SPORTFOTODIENST

«Wenn ich bei etwas mit Leidenschaft dabei bin, dann bei der Musik. Ich bin ein Mensch des Nachtlebens»

Vermissen Sie etwas aus dem Profialltag?
Den Wettkampf und das ganze Drumherum. Als ich die WM in Doha geschaut habe, dachte ich: Oh mein Gott … die Männer performen zu sehen, war übel. Ich vermisse das, hätte mir gewünscht, dort zu sein. Und ich vermisse den Sportlerkörper (lacht). Ich war immer fit und habe gut ausgesehen.

Was war schliesslich der Grund, weshalb es mit der Fussballkarriere nicht geklappt hat? Ende 2018 standen Sie nach wochen-langen Trainings kurz vor der Vertragsunterzeichnung mit den Central Coast Mariners in Australien.
Ich habe das Gefühl, der Trainer hatte ein Problem mit mir. Ich bin mir nicht sicher, vermute nur, dass er davon eingeschüchtert war, wer ich bin. Als ich kam, fragte er mich: «Was weisst du über den Fussball?» Da sagte ich: «Ich habe zwar Fussball gespielt, aber wenn du so fragst, weiss ich nichts. Ich will alles von Grund auf lernen, auf die richtige Art.» Ich trainierte also, war gut, alle waren glücklich, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, er wollte nicht, dass ich Teil des Teams war. Sogar als ich in einem Spiel zwei Tore schoss sagte er: Hmmm, ich weiss nicht, ob er regelmässig spielen würde. 

Das war frustrierend.
Ja, ich hatte mich doch bewiesen, spielte ordentlich. Irgendwann dachte ich, dass ich diese negative Energie nicht brauche. Die Fussballerkarriere war etwas, das ich unbedingt versuchen wollte, aber nicht tun musste. Ich wollte einfach wissen, wie weit es gehen könnte. Dann aber nahm ich es als Zeichen und liess es bleiben. 

Was waren die grössten Herausforderungen, um in den zwei Jahren seit Ihrem Rücktritt einen neuen Lebensinhalt zu finden?
Ich sah ein Interview mit Kobe Bryant, in dem er sagte: Wenn du keine nächste Leidenschaft findest, wirst du einfach nur existieren. Darüber habe ich nachgedacht, und daran arbeite ich, aber es bleibt noch viel zu tun. Ich habe eine Idee, in welche Richtung es gehen könnte, aber ich bin noch nicht sicher.

Woran sind Sie denn interessiert, worin talentiert?
Wenn ich bei etwas mit Leidenschaft dabei bin, dann bei der Musik. Ich habe gerade meinen zweiten Musiktrack als Produzent veröffentlicht. Ich besitze auch ein Restaurant mit einem Club in Kingston. Ich bin ein Mensch des Nachtlebens. Vermutlich wird es also in die Richtung Musik oder Clubleben gehen. 

Feiern Sie immer noch so oft?
Ja, sicher. Ich liebe Partys einfach. Ich habe zwar zu Hause manchmal Barbecues, aber ich gehe eher aus, um zu feiern. Ich bin ja kaum zu Hause. Und wenn ich zu Hause bin, will ich nur raus und Party machen. 

Sie haben ja bereits Projekte: Restaurants, eine Elektroscooter-Marke, Ihre Stiftung, diverse Marken. Geben Sie dort einfach Ihren Namen, oder sind Sie richtig ins Business involviert?
Für die meisten dieser Firmen bin ich nach wie vor Botschafter. Ich habe meine eigene gegründet, die mit den Elektroscootern, und eine Musik-Produktionsfirma, in die zwei bin ich sehr involviert. Aber eben, ich bin -immer noch daran, herauszufinden, was ich wirklich will. Es ist zwar schön, ein Teil davon zu sein, vor allem bei der Scooter-Company. Es ist eine grosse Sache für mich, der Umwelt zu helfen. Ich habe in diesem Bereich auch viel Charity-Arbeit rund um die Welt gemacht. Aber rein arbeitstechnisch ist das noch nichts, in dem ich sehr leidenschaftlich dabei bin. 

Finden Sie Ihr Leben je langweilig?
Nein (lacht). Manchmal wünschte ich es mir. Ich würde gern einfach einen Monat freinehmen und mich langweilen. Aber da ich meine Berufung noch nicht gefunden habe, ist diese Zeit jetzt wichtig, um meine Marke aufzubauen. Es ist die falsche Zeit für Entspannung. 

Sie wirken immer sehr locker. Gibt es etwas, das Sie wütend macht?
Nein. Ich werde höchstens genervt. Zum Beispiel, wenn es Verspätungen gibt. Wenn ich Pläne habe und um 10 gehen muss und um 12 immer noch am Termin bin, dann ärgere ich mich. Aber wenn mich etwas nicht direkt betrifft, bin ich wirklich gechillt. Hat mein Auto einen Platten, flicke ich ihn halt. So wie ich aufs Leben schaue, gibt es für jedes Problem eine Lösung. Deswegen ist es schwierig, mich wütend zu machen. 

«Die Kinder schauen, was Bolt trägt»

«Vielleicht kriege ich ja eine für meine Freundin», witzelt Usain Bolt und zeigt auf die Uhren, die er soeben enthüllt hat. Auf der exklusiven Karibikinsel Saint-Barthélemy lanciert die Schweizer Uhrenmarke Hublot mit der Classic Fusion und der Classic Fusion Aerofusion Chronograph Special Edition Eden Rock St Barths eine Uhr, die nur hier und nur in je 25 Frauen- und Männerexemplaren erhältlich ist. 

Usain Bolt ist seit zehn Jahren Botschafter der Marke. «Er ist einzigartig und eine sehr inspirierende Person», schwärmt Ricardo Guadalupe, CEO von Hublot. «Und nicht nur in der Leichtathletik eine Legende, sondern im Sport allgemein. Kinder wollen so sein wie er und schauen, was er trägt.»

Während die neuste limitierte Edition eher ein «teures Souvenir» für Karibik-Reisende ist, die schon alles haben, hat auch Bolt schon eigene Uhren gewidmet bekommen – natürlich in Gold. Eine davon gibt es nur acht Mal, angelehnt an Bolts acht Olympiasiege. Eine andere hingegen bloss ein einziges Mal. Sie wurde versteigert, ein Teil davon ging an Bolts Stiftung für benachteiligte Kinder. 

Ricardo Guadalupe ist CEO der Schweizer Luxus-Uhrenmarke Hublot.

Ricardo Guadalupe ist CEO der Schweizer Luxus-Uhrenmarke Hublot.

Handout
Von Eva Breitenstein am 21.02.2020
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