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Gerardo Seoane

«Antreiben reicht nicht»

Er ist YB-Meistertrainer. Coach mit einer unglaublichen Siegbilanz. Der 40-jährige Luzerner Gerardo Seoane sagt, wie der moderne Trainer ticken muss, warum er Verlockungen widerstand und ihn Superstars im Team nur bedingt reizen.

SPORT Fussball Gerardo Seoane
Gian Marco Castelberg

Sie hatten in Luzern als Trainer-Neuling auf Anhieb Erfolg, holten jetzt mit YB den Meistertitel – mit nur drei Niederlagen in der Meisterschaft. Haben Sie irgendwann in den Spiegel geschaut und sich gefragt: Warum bin ich eigentlich so gut?

Es gab Ende der Rückrunde einige Momente, in denen ich zurücklehnte und dachte: Wahnsinn, was diese Mannschaft leistet. Vor allem mit der Doppelbelastung Meisterschaft und Champions League. Aber der Plan, den ich mir als Trainer setze, ist in erster Linie nicht der Erfolg, sondern die Arbeitsweise. Ich sage: So will ich trainieren, so mit den Leuten umgehen. Die Erfolge sind das Resultat davon. Du kannst sehr gute Resultate erzielen, erfolgreich spielen und trotzdem keinen Titel gewinnen. Ich versuche alles einzuordnen und nicht nur am Resultat zu messen. 

In Luzern machten Sie einem kriselnden Klub Beine. Wechselten dann zum Meister. Hatten Sie nie das Gefühl, so nur verlieren zu können?

Nein. Ich wusste, was ich tun muss, um so erfolgreich wie möglich zu sein. Mir tat es gut, zuerst im Nachwuchs über sechs, sieben Jahre in einer sogenannt geschützten Werkstatt Erfahrung sammeln zu können. Wichtig ist auch, ein gutes Team um sich herum zu haben. Ein Trainer muss spüren, dass nicht alles von ihm abhängt. Und das merkte ich bei YB sofort.

In einem Interview im Januar sagten Sie, Sie hätten über lange Zeit nachts schlecht geschlafen, seien oft nachmittags völlig übermüdet in einen Sessel gefallen und für eine Stunde eingeschlafen. Hat sich das im Frühling gelegt?

Ja. Schlaflose Nächte gab es vor allem im Herbst, als wir national und international einen hohen Rhythmus hatten. Es gab kaum Zeit zur Erholung. Die Analyse des letzten Spiels und die Vorbereitung des nächsten brauchen viel Zeit. Dazu kommen die Emotionen und das Adrenalin, welche deinen Körper auf Trab halten. Du musst einordnen, was passiert ist, und dann dem Team wieder Energie geben können. Durch diesen Ablauf gibt es eine Abnützung. Irgendwann war ich immer um fünf Uhr wach, konnte nicht mehr schlafen. Ich hatte die To-do-Liste im Kopf. 

Was stand da drauf?

Das letzte Spiel analysieren, das neue vorbereiten, Spieler des Gegners analysieren. Wenn das Spiel um 22 oder 23 Uhr endet, schlafe ich erst Stunden später ein, muss aber um 6 Uhr aufstehen, das Training vorbereiten. Nachmittags gibt es Medientermine, Sitzungen. So hinkt man hinterher. 

Sie haben Führungskurse gemacht. Wie wichtig war es für Sie, nach der Spielerkarriere ganz anders aufzutreten?

Spieler und Trainer sind komplett unterschiedliche Berufe. Es ist zwar ein Vorteil, wenn du Fussball gespielt hast und gewisse Qualitäten mitbringst. Aber danach musst du die Bereitschaft zeigen, alle Diplome zu machen, und dich mit den Themen ernsthaft befassen. Du hast mit Menschen zu tun. Mit Spielern und vielem Personal drumherum. Trainer zu sein, das bedeutet auch, Aufgaben zu haben. Für mich war klar, dass ich mich weiterentwickeln wollte. 

Jürgen Klopp ist einer, der sehr emotional auf seine Spieler reagiert, sie väterlich umarmt. Sie wirken eher kontrolliert, distanziert. Müssen Sie das als junger Trainer tun, um Respekt zu gewinnen?

Nimmt man mich so distanziert wahr? Auf dem Platz bin ich in der Coachingzone sicher etwas distanziert. Aber im täglichen Geschäft im Training nehme ich jeden Menschen sehr gut wahr. Ich versuche einen Stil zu pflegen, in dem alles möglich ist. Ich gebe gewisse Dinge klar vor. Taktik, Tugenden. Aber wir müssen auch kollegial sein. 

Wie drückt sich das aus?

Nähe zu den Spielern muss Platz haben. Es muss mich interessieren, wie es dem Menschen geht. Ich muss Spieler auch umarmen können. Es darf keine Berührungsängste geben. Das ist im heutigen Spitzensport ein wichtiger Bestandteil. Ich weiss nicht, wie es früher genau war. Es war wohl autoritärer. Nur ist das heute nicht mehr gefragt, dass du rumstolzierst und dich die Spieler siezen. Das ist vorbei. Ich meine, meine Autorität ist nicht von meiner Nähe zu den Spielern beeinflusst, sondern von dem, was ich mitbringe, um zusammen Erfolg zu haben.

Sie spielten mit YB in der Champions League gegen Manchester United, Valencia und Juventus. Am Ende stand ein Remis gegen die Spanier, ein Sieg über Juve, als bereits feststand, dass YB nicht weiterkommt. Was haben Sie daraus gelernt?

Wir haben alle sehr viel gelernt. Denn es war für alle Neuland. Die grösste Lehre ist, die 90 Minuten so bestreiten zu können, dass du dem Gegner so wenig wie möglich offerierst. Ohne deine Identität zu verlieren. Wir mussten akzeptieren, dass es Phasen gibt, in denen wir nicht viel vom Spiel haben. Das kannten wir nicht aus der Meisterschaft. Es geht dann darum, auf die Momente zu warten, in denen es Möglichkeiten gibt. Die erste halbe Stunde gegen Manchester United war spielerisch die beste halbe Stunde. Wir verloren trotzdem 0:3. Gegen Juventus nutzten wir die Möglichkeiten. Die mentale Verfassung ist für kleine Teams eine riesige Herausforderung. Die Champions League ist das Mass aller Dinge. Sie zeigt dir, wo du stehst, was fehlt. 

Was fehlt?

Die entscheidenden Sachen passieren bei allerhöchster Geschwindigkeit. Wir müssen also probieren, die höchste Intensität im Training zu simulieren. International bekommen wir vielleicht drei Chancen, nicht 13. Also müssen wir das Training so gestalten, dass wir mit dem Druck umgehen können. 

Sie können trainieren, so viel Sie wollen. Aber in der Champions League steht beim Gegner Pogba auf dem Platz, in Ihrem Kader Bertone. Frustriert Sie das nicht?

Nein, überhaupt nicht. Denn der Kopf findet immer ein paar Ausreden, warum etwas nicht möglich sein soll. Die anderen haben mehr Geld, bessere Spieler, die bessere Erholung und so weiter. Das darf keinen Einfluss auf mich haben. 

Sie sind noch immer ein junger Trainer. An wem orientieren Sie sich?

Punkto Kommunikation und Souveränität war Ottmar Hitzfeld immer herausragend. Jürgen Klopps Motivationskünste und seine Begeisterungsfähigkeit inspirieren mich. Er wird sicher sensationelle Ansprachen halten. Und er hat ganz sicher sehr gute Beziehungen zu den Spielern. Was man bei ihm oft vergisst: Er hat taktisch ganz viel drauf. Denn es muss viel mehr dahinter sein. Antreiber zu sein, reicht bei weitem nicht. Natürlich faszinieren mich auch Favre und Guardiola mit ihren taktischen Finessen. Es gibt viele gute Trainer. Ich lerne von allen. 

Trainer YB Bern

Cool und doch nicht kühl auf den Rängen des Stade de Suisse. «Es muss mich interessieren, wie es dem Menschengeht. Es darf keine Berührungsängste geben», sagt Gerardo Seoane über das Verhältnis zu den Spielern.

Gian Marco Castelberg

”Loyalität ist für mich immer in allem. Ich arbeite bei YB, als ob es meine Firma wäre“

Gerardo Seoane

Gerardo Seoane

30. Oktober 1978
Insta: @gerry_seoane

Favre wurde in Deutschland hart kritisiert, weil er die Meisterschaft nach der Niederlage gegen Schalke schon verloren gab. Können Sie seine Reaktion nachvollziehen?

Am Tag seiner Aussage war er vielleicht zu emotional und konnte nicht durchatmen. Er war enttäuscht. Ich versuche jeweils, schnell sachlich zu werden und dann meine Botschaft zu senden. Als Führungspersönlichkeit möchte ich nicht zu emotional sein.

Sie mussten selten aus der Haut fahren. YB wurde mit grossem Vorsprung Meister, Basel gewann den Cup. Gibt es irgendein Anzeichen, dass in den nächsten Jahren ein anderer Verein als die beiden den Schweizer Fussball dominieren?

Ich glaube, dass bald andere Klubs mitmischen. Klar haben YB und Basel einen gros-sen Vorsprung. Aber in Zürich wird einiges passieren, wenn das neue Stadion steht. Der FC St. Gallen ist im Aufbau mit einer neuen Philosophie und Idee der Identifikation, die Begeisterung weckt. Luzern ist mit dem Stadion gut aufgestellt. Servette kommt wieder hinauf. Die Basis ist die Infrastruktur, keine Frage. Und YB und Basel sind vorneweg. Die Vereine müssen sich einfach fragen, wofür sie stehen. Und mit welcher Strategie sie wohin wollen. 

Christian Streich vom FC Freiburg sagt, dass es die kleinen Vereine braucht, um das Gute am Fussball zu erhalten. Was muss passieren, damit eine Liga für den Zuschauer attraktiv bleibt?

Der Zuschauer wird immer ins Stadion gehen. Weil er den Fussball liebt. Gewisse Entwicklungen schlagen den Fans aber auf den Magen. Und da sind die Verantwortlichen gefordert. Trotz allem Geld muss eine Chance bestehen, dass die einen elf am Ende die anderen elf bezwingen. Sonst gehen die Emotionen verloren.

YB wird Spieler wie Mbabu und Benito verlieren. Wie sehr schmerzt Sie das?

Natürlich verliere ich nicht gern Spieler. Aber als Trainer in der Super League ist unsere Berufung eben auch, dass wir eine Ausbildner-Liga sind. Wir arbeiten viel im Nachwuchs, damit es Spieler in die erste Liga schaffen. Und nachher ins Ausland. Damit die Schweizer Nationalmannschaft am Ende gute Spieler hat, um an einer WM glänzen zu können. Das verdiente Geld geht dann wiederum in die Nachwuchsförderung. Wenn wir uns diese Nahrungskette vor Augen halten, dürfen wir nie enttäuscht sein, wenn ein Spieler ins Ausland geht. Es ist ein Erfolg. Wir müssen es als Sieg einordnen, wenn von uns drei oder vier in der Bundesliga spielen. Kevin war vor drei Jahren weit davon entfernt. Das muss man sich bewusst sein. Darum sehe ich auch immer das Potenzial, das in den Neuen schlummert.

Sie haben sich trotz Angeboten aus dem Ausland entschieden, bei YB zu bleiben. Wie wichtig ist Ihnen Loyalität?

Loyalität ist für mich immer wichtig, jeden Tag, in allem. Meine Idee ist, dass ich hier arbeite, als ob ich die nächsten 20 Jahre hier bleibe, es meine Firma wäre. Ich gebe alles. Klar ist jetzt das Interesse an mir gestiegen. Loyalität ist, dass ich mit dem Verein offen darüber sprach. Ich habe gesehen, dass im Moment das hier bei YB das Richtige für mich ist. Ich fühle mich wohl, fühle die Wertschätzung. Der Weg ist noch nicht abgeschlossen. Illoyal wäre, Dinge zu machen und sie intern nicht zu kommunizieren. Es muss einfach offen und transparent besprochen werden. Dann kann man ehrlich sagen, was man fühlt. 

Hat der richtige Zeitpunkt mit dem richtigen Klub zu tun, der Sie will?

Nein, der Zeitpunkt hat damit zu tun, wo ich auf meinem Weg bin. Hier gilt es jetzt, neue Spieler zu integrieren. Das ist ein wichtiger Schritt. Die Anfragen aus dem Ausland waren absolut spannende Projekte. Auf hohem Niveau. Das wäre ein grosse Ehre gewesen. Ich hörte zu und entschied dann, momentan hier zu bleiben. 

Sie haben schon im Januar gesagt: Irgendwann geht meine Reise weiter. Das spricht für ein grosses Selbstvertrauen.

Warum? Jeder von uns kann sagen: Meine Reise geht weiter. Denn irgendwann läuft meine Zeit hier einfach ab. Ich werde irgendwo anders arbeiten. Auf welcher Stufe das ist, weiss ich nicht. 

Dennoch wollen Sie in höhere Sphären. Wie gross ist der Reiz bei Ihnen, einmal mit Stars zu arbeiten?

Ich habe das Privileg, dass wir bei YB Stars im besten Sinn haben. Sie unterscheiden sich von jenen im Ausland nur darin, dass die anderen vielleicht internationale Topresultate vorzeigen können. Sie haben mehr Erfahrung und auf höherem Niveau Leistung abgeliefert. Aber in ihrem Umgang, in den Emotionen, in den Freuden und Ängsten sind sie genau gleich wie junge Spieler. Ich bin überzeugt, dass die Beziehung zu den Spielern auch für Trainer der besten Teams zentral ist. 

Paul Pogba oder Eden Hazard zu coachen, juckt Sie nicht?

Doch, so eine Aufgabe ist spannend. Aber in der Basis bleibt der Job derselbe. Am Ende geht es darum, wie ich es schaffe, dass das Team an die Leistungsgrenze geht. Wenn ich das schaffe, haben alle gewonnen. 

Von Christian Bürge am 21.06.2019